Donnerstag, 04. Dezember 2008, 07:36:20 Uhr, NZZ Online
ost. London, 7. Juli
Rundum Begeisterung. Tennis-Prominenz, Offizielle, TV-Kommentatoren und Journalisten behaupteten, den besten Final eines Grand-Slam-Turniers gesehen zu haben. Tatsächlich enthielt dieser epische Fight zwischen Rafael Nadal und Roger Federer alles, was zur Attraktivität des Racket-Sports beiträgt: stupendes technisches Können, den Kampf zweier topfitter Athleten auf physischer und psychischer Ebene und Nervenkitzel während mehrerer Stunden. Der letztlich aufwühlende Schlagabtausch verzückte die 15 000 im weiten Rund des Centre-Courts. Niemand konnte noch ruhig dasitzen. Und als dann nach fast fünf Stunden intensiven Ringens, das durch den Regen zweimal unterbrochen worden war, alles plötzlich vorbei war, jagten sich die Emotionen, kehrte sich bei den Beteiligten alles nach aussen, was vorher wegen des Höchstmasses an Konzentration zurückgehalten worden war.
Der neue Stern von Wimbledon, Nadal, der bisher nur als Sandplatz-König gegolten hatte, ging zu Boden. Mit Tränen in den Augen liess er sich vom geschlagenen Federer umarmen. Dann kletterte der überglückliche Gewinner hoch zur Royal Box, um sich dort beim spanischen Prinzen Felipe und der Prinzessin Letizia für die Unterstützung zu bedanken und ihre Gratulationen entgegenzunehmen. Der Schweizer beantwortete derweil auf dem Platz einige Fragen der BBC-Moderatorin Sue Barker, früher selber eine Spitzenspielerin.
Der Schweizer machte gute Miene zum bösen Spiel, verteilte artig Komplimente an den Mallorquiner, der phantastisch gespielt habe und sich als der ärgste Widersacher auf dem besten Court herausgestellt habe. Er werde aber wieder kommen und seine Chance suchen, um die verlorene Krone zurückzuerobern. Strahlend sagte Barker: «Das ist es, was wir alle hören wollten.» Dann wandte sie sich dem Helden des Tages zu, dem erst zweiten spanischen All-England-Championship-Sieger seit Manolo Santana 1966 und ersten Professional seit Björn Borg, der im gleichen Jahr in Roland-Garros auf Sand und in Wimbledon gewann. Dem Schweden war dieses Double von 1978 bis 1980 dreimal gelungen.
All das lief für Federer ab wie ein Automatismus. Was danach kam, war dagegen für einen Gefühlsmenschen die Hölle. Und ein solcher ist Federer, auch wenn er im Spiel kaum Emotionen zu erkennen gibt. Die Siegerehrung, die Verleihung des Pokals, den eigentlich er zum sechsten Mal in Händen halten wollte, erlebte der Gewinner der vorangegangenen fünf Titel wie in Trance. Und als der Baselbieter später zur Pressekonferenz erschien, wirkte er gezeichnet, wohl weniger von körperlichen als von psychischen Strapazen. Er mochte noch nicht wahrnehmen, eben Bestandteil eines der grossartigsten Tennismatchs gewesen zu sein, die die Szene je erlebt hatte.
Er repetierte nur, er habe die mit Abstand schwerste Niederlage seiner Karriere bezogen. Dabei resultierte aus dem «Gigantentreffen» eine ganze Reihe Fakten, die auch vom Federer-Lager positiv aufgenommen werden durften. Der Sieg Nadals hing letztlich an einem dünnen Faden (insgesamt 209:204 Punkte), obwohl dieser die Partie seines Lebens gespielt hatte. Federer hämmerte nicht selten mit Pfeffer gewürzte Bälle übers Netz, Bälle, die normalerweise nicht mehr retourniert werden. Von Nadal aber kamen sie zurück, mit einer Prise scharfen Paprikas angereichert.
Federer sagte, im Augenblick fühle er nichts ausser Enttäuschung. Die deutliche Niederlage gegen Nadal in Paris habe ihn nicht lange beschäftigt, geschweige denn verunsichert. Aber hier in seinem Reich, in Wimbledon, auf seiner bevorzugten Rasenunterlage zu verlieren, das sei schlicht ein Desaster. «Daran werde ich länger zu kauen haben.» Das Verwerten von nur einer von dreizehn Breakchancen, der Verlust von fünf Games nacheinander nach der 4:1-Führung im zweiten Satz, die verpasste Chance, Nadal den Aufschlag zum 5:3 im Final Set abzunehmen. Solches spukte im Kopf von Federer herum, der nach dem Satzausgleich fest daran geglaubt hatte, die im Tie-Break des vierten Durchgangs abgewehrten Matchbälle würden die Partie zu seinen Gunsten drehen.
Der sonst ohne Gefühlsregungen um jeden Ball kämpfende Spanier hatte dort nämlich für einen Moment Nerven gezeigt. Auch andere Beobachter waren überzeugt, das Momentum spreche für Federer, er könnte der erste Spieler seit 81 Jahren (Henri Cochet) werden, der Wimbledon nach einem 0:2-Rückstand in den Sätzen noch gewinnt. Aber Nadal liess nicht locker. Er wollte um keinen Preis noch einmal die Enttäuschung erleben wie vor einem Jahr, als er in fünf Sätzen unterlegen war. Es gelang ihm postwendend, den Schwächemoment zu überwinden und nochmals auf Höchstniveau weiterzukämpfen. Federer bedauerte, dass ein derart wichtiges und auf Messers Schneide stehendes Spiel letztlich bei nicht mehr zumutbaren Sichtverhältnissen beendet wurde.
Nadal, der seit 156 Wochen als ATP-Nr. 2 hinter Federer klassiert ist, rückt dem Schweizer immer näher. Auch im Ranking ist eine Ablösung denkbar. Der Rückstand des Mannes aus Manacor beträgt nur noch 545 Punkte. Der Noch-Leader muss bis nach dem US Open, das er 2007 gewann, 1850 Punkte ersetzen, sein Verfolger nur 630. Auch in Cincinnati muss Federer den Titel verteidigen (500 Punkte), Nadal hingegen war dort im letzten Jahr in Runde eins gescheitert.
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