Donnerstag, 04. Dezember 2008, 07:40:03 Uhr, NZZ Online
K. P. Was auch immer mit der vor zwei Wochen von somalischen Piraten gekaperten «Faina», ihrer Besatzung und den 33 Kampfpanzern an Bord geschieht, die Affäre bringt die kenyanische Regierung in Verlegenheit. Nairobi behauptet, dass die Waffen für die eigene Armee bestimmt seien, obwohl diese sich seit vielen Jahren fast ausschliesslich bei westlichen Lieferanten eindeckt. Die «Faina» transportiert Panzer vom Typ T-72, Fliegerabwehrgeschütze, Panzerfäuste, auf Lastwagen montierte Stalinorgeln, Munition und Ersatzteile – alles Material östlicher Herkunft.
Kenyanische Abgeordnete wollen die dubiosen Waffengeschäfte nun auch im Parlament diskutieren, denn die Affäre droht Kenya international in Misskredit zu bringen. Die Ladung der «Faina» sollte zwar im kenyanischen Hafen Mombasa gelöscht werden, doch von dort hätte sie vermutlich zuerst mit der Eisenbahn und später mit Sattelschleppern in den Südsudan gebracht werden sollen – wohl ähnlich wie frühere Panzerlieferungen, die vom kenyanischen Fernsehsender KTN zum Teil gefilmt wurden.
Dass der Südsudan Bestimmungsort der Waffen war, bestätigte unter anderem auch Andrew Mwangura, Sprecher des Seafarers Assistance Programme in Mombasa. Mwangura, der sich durch seine meist akkuraten Berichte über die Piraterie vor Somalias Küsten einen Namen gemacht hat, wurde wegen seiner Äusserungen über die T-72 an Bord der «Faina» für kurze Zeit in Haft genommen. Ihm soll nun der Prozess gemacht werden – wegen «Panikmache» und des Besitzes von Marihuana im Wert von umgerechnet etwa drei Franken. Inzwischen hat die BBC allerdings die Frachtpapiere der «Faina» veröffentlicht. Darauf war als Auftraggeber zwar das kenyanische Verteidigungsministerium angegeben, doch in der Vertragsnummer des Waffengeschäfts tauchten die Buchstaben GOSS auf, die Abkürzung für «Government of South Sudan».
Peinlich ist dies für Nairobi, weil sich Kenya bei den Friedensverhandlungen zwischen dem Süd- und dem Nordsudan während Jahren als Vermittler eingesetzt hat. Das 2005 abgeschlossene Friedensabkommen zwischen Khartum und den südsudanesischen Rebellen verbietet jedoch beiden Seiten, ihre Waffenarsenale aufzustocken. Khartum verletzt diese Bestimmung regelmässig, und darum scheint sich auch die Sudan People's Liberation Army (SPLA), die den weitgehend autonomen Südsudan kontrolliert, mit kenyanischer Hilfe nicht mehr daran halten zu wollen.
Es gibt Berichte über eine kenyanische Bestellung von 77 T-72 in der Ukraine. Ein Teil der Kampfpanzer wurde offenbar bereits in Mombasa abgeladen, doch tauchte das Gerät nie bei der kenyanischen Armee auf. Kenner der Waffengeschäfte in Ostafrika wollen wissen, dass sich die SPLA in den letzten Monaten rund 100 Panzer der Typen T-72 und T-55 beschafft hat. Zusammen mit dem Kriegsgerät an Bord der «Faina» entspricht dies einer erheblichen Aufrüstung der ehemaligen Rebellen.
In eine ähnliche Kategorie fällt ein weiteres auffälliges Waffengeschäft der Kenyaner: Nach Angaben des Stockholm International Peace Research Institute hat Nairobi letztes Jahr unter anderem 40 000 Sturmgewehre in der Ukraine gekauft. Die 20 000 Mann starke kenyanische Armee ist jedoch mit westlichen G-3-Gewehren ausgerüstet, und es erscheint wenig wahrscheinlich, dass diese durch AK-47 aus der Ukraine ersetzt werden sollen. Kenya verfügt nämlich über eine Munitionsfabrik, die Geschosse für G-3, nicht aber für AK-47 herstellen kann.
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