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  • 5. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Linthal

    Linthal

    Ein Dorf auf der Suche nach dem ehemaligen Glanz

    Eine Reminiszenz an die blühende Landschaft und den florierenden Kurbetrieb im Glarner Hinterland. Eine Reminiszenz an die blühende Landschaft und den florierenden Kurbetrieb im Glarner Hinterland. (Bild: NZZ / Christian Beutler)
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    Vor 100 Jahren reisten Adlige aus halb Europa in die hinterste Ecke des Glarnerlandes, um sich mit stinkendem Wasser von Gicht, Hautkrankheiten und Liebeskummer zu befreien. Heute schlummern die letzten Zeugen des legendären Bades Stachelberg still vor sich hin.

    Daniel Bach

    Wer sein Auto bei der Talstation der Braunwaldbahn in Linthal abstellt, wirft vielleicht einen kurzen Blick auf das imposante Gebäude am Ende des Parkplatzes, bevor er in die Standseilbahn steigt. Doch kaum einer weiss, dass sich in diesem ehemaligen Kurhaus während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts jeden Sommer die europäische Prominenz tummelte. Napoleon III., die Herzogin von Orléans, der deutsche General Moltke, aber auch der Komponist Richard Wagner haben neben vielen anderen Adligen, Künstlern und Staatsmännern ihren Namen in die Gästebücher geschrieben.

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    Das Bad als touristische Initialzündung

    Es war eine Schwefelquelle mit heilenden Kräften, welche die gut betuchten Gäste ins Glarnerland lockte. Die Ersten, angereist in der Postkutsche, stiegen noch im Seckenhaus mitten im Dorf ab. Einheimische trugen das Schwefelwasser mit Milchkannen über die Linth und leerten es in grosse Wannen, in denen die Fremden badeten, um «gichtige Leiden», Hautkrankheiten und «chronische Katarrhe» loszuwerden. 1830 entstand das alte Kurhaus, 1860 das Hauptgebäude, 1879 und 1902 weitere Anbauten samt Tennisplätzen und einer Parkanlage mit Springbrunnen. Nach der Einweihung der Eisenbahnlinie Glarus–Linthal 1879 waren es Hunderte von Gästen, die jeden Sommer für Wochen oder Monate anreisten. Im Dorf erzählt man sich, es habe um 1900 einen direkten Zug von Paris nach Linthal gegeben – auch wenn die historischen Belege fehlen.

    Viele Gäste dislozierten nach der Kur «ans Ende der Welt», wie Johann Gottfried Ebel das nahe gelegene Tierfehd umschrieb. Im engen Taleinschnitt liessen sie die 3000 Meter hohen Felswände auf sich wirken und blieben im Hotel Tödi, bis der beissende Schwefelgeruch von ihrer Haut wich. Das Ende des Bades Stachelberg kam mit dem Ersten Weltkrieg, als die Engländer, Russen, Franzosen und schliesslich auch die Deutschen ausblieben. Wer heute nach Linthal reist, spürt kaum mehr etwas vom Glanz vergangener Tage. Vom einstigen Bad Stachelberg steht nur noch das Kurhaus, und die Hotels im Dorf, früher ebenfalls gut gefüllt mit Kurgästen, wirken heute eher trostlos als einladend.

    Die Visionen des rockenden Präsidenten

    In ihnen nächtigen Wanderer, die in aller Herrgottsfrühe die traumhaft schöne Wanderung über den Kistenpass ins bündnerische Brigels oder Richtung Tödi unter die Füsse nehmen wollen. Oder Töff-Freaks vor ihrem Ritt über den Klausenpass. «Im Glarner Hinterland fehlt, mit Ausnahme von Braunwald, praktisch die ganze touristische Infrastruktur», sagt Hanspeter Toggenburger, Präsident von Linthal-Rüti-Tourismus. «Die Leute sind Fabrikarbeiter und Bauern und müssen erst wieder lernen, gute Gastgeber zu sein.» Es brauche eine Initialzündung, ein grosses Projekt, das die erholungsuchenden Städter aus dem nahen Zürich in Scharen anziehe.

    Das Tierfehd mit dem Hotel «Tödi».

    Das Zauberwort heisst «Glarner Resort Stachelbergbad». Toggenburger gehört zu einer Gruppe von Leuten, die am Dorfeingang den Geist des alten Kurbades wieder beleben und für 20 Millionen Franken ein dem Wasser gewidmetes Wellness- und Gesundheitszentrum mit 120 Hotelbetten, Spa, Sauna, einem Therapiebereich sowie Seminarräumen und grossem Restaurant bauen wollen. «Ein Ort, an dem man seine Batterien aufladen kann», sagt Toggenburger. Wenn die Bürgergemeinde das Land abtritt, die Gemeindeversammlung Ja sagt zur Umzonung und die Projektgruppe genügend Investoren findet, öffnet das Resort 2011 seine Türen – mit 50 neuen Arbeitsplätzen.

    Einer, der dem Projekt eher skeptisch gegenübersteht, ist Gemeindepräsident Hanspeter Zweifel. «So ein Hotel gehört ins autofreie Braunwald und nicht an die Hauptstrasse in Linthal», sagt er. Man müsse angesichts der grossen Gemeindefusion im Kanton beginnen, die Region als Ganzes zu vermarkten. Zweifel hat Konzepte entwickelt, mit denen er das Hinterland als «Region mit Herz» vermarkten wollte. Auf jedem Birnbrot, auf jedem Lastwagen und jeder Schachtel, die von den Glarner Unternehmen in die Welt exportiert wird, wollte er das Signet anbringen lassen, Fernsehspots schalten, an Messen Präsenz markieren. Er lief an den entscheidenden Stellen ins Leere. «Wir schaffen es in diesem Kanton nicht einmal, eine Dachorganisation für den Tourismus zu gründen», seufzt er. Zu ausgeprägt sei das Gärtchendenken. Dabei gäbe es viel zu tun: die Hotels modernisieren, das Servierpersonal schulen, die S 2 bis Glarus verlängern, den Bauern bei der Vermarktung ihrer Produkte helfen. Und neue Bauvorschriften erlassen, damit die Dörfer dereinst so schmuck seien wie die im Berner Oberland.

    Porta Alpina auf Glarnerisch

    Von einem ist der FDP-Mann mit den langen Haaren, der mit einer Rockband auftritt, überzeugt: «Beim sanften Tourismus hat das Hinterland ein gewaltiges Potenzial.» Wanderer, Skitourenfahrer und Schneeschuhläufer fänden eine Stunde von Zürich entfernt eine intakte und imposante Bergwelt vor. Die vielen Familien zögen nicht nur wegen der tiefen Bodenpreise nach Linthal, sondern auch wegen der Erholungsräume vor der Haustüre.

    Mit hohen Kinderabzügen und neuen Arbeitsplätzen möchte er noch viele mehr anlocken. Vor einem Jahr wäre ihm fast der grosse Coup gelungen, als ein Verbund internationaler Grossunternehmen einen Standort für die Produktion von Solarpanels suchte. Er empfing die Vertreter mit Weisswein und «Zigerbrüten» und zeigte ihnen die alte Spinnerei an der Linth mit dem eigenen Kraftwerk. Die Firmen entschieden sich für Linthal, und Zweifel freute sich schon auf die 150 neuen Arbeitsplätze. «Ganz Europa hätte zu uns geschaut», sagt er. Es scheiterte, so Zweifel, schliesslich wegen eines Streits im Verwaltungsrat. Auch seiner Vision einer Akademie für Bildung und Kultur zwischen Linthal und Tierfehd, wo Wissenschafter und Philosophen «das zyklische Weltenspiel naturnah erklären» könnten, fehlt es an Unterstützung. Doch Zweifel kreiert schon die nächsten Ideen. Eine ist, den Ausbau der Kraftwerke Linth-Limmern AG (KLL) im Tierfehd zu einem touristischen Anziehungspunkt zu machen. Wo heute schon 3 Kraftwerkzentralen und 50 Kilometer Stollen existieren, soll bis 2015 rund eine Milliarde Franken in den Ausbau investiert werden. Zwischen dem Muttsee auf 2450 Metern über Meer und dem Stausee Limmernboden auf 1850 Metern ist ein neues Pumpspeicherwerk mit einer Leistung von rund 1000 Megawatt geplant, im Tierfehd ein zweites Ausgleichsbecken. Die neuen Stollen werden mit riesigen Tunnelbohrmaschinen ausgebrochen, im vier Kilometer langen Zugangsstollen wird eine Transport-Standseilbahn installiert, zudem entstehen zwei neue Transportseilbahnen vom Tierfehd zum Limmernsee und von dort zum Muttsee.

    Ob die riesige Baustelle, auf der in den nächsten Jahren Hunderte von Arbeitern beschäftigt sein werden, für Besucher offensteht, ist allerdings noch nicht entschieden. Sicher ist jedoch, dass die malerische Linthschlucht als Ausgleichsmassnahme renaturiert wird und dass die Bauherrin KLL das Hotel Tödi samt dem legendären Theatersaal renovieren wird.

    Die Zuflucht des liebeskranken Dichters

    In jenem Hotel Tödi war es, wo der österreichische Schriftsteller Karl Kraus den Epilog zu seinem monumentalen Werk «Die letzten Tage der Menschheit» schrieb und sich jahrelang und im Geheimen mit der ungarischen Gräfin Sidonie Nadherny von Borutin traf. Nur hier, in der Abgelegenheit des engen Tals zuhinterst im Glarnerland, konnten sie ihre unstandesgemässe Beziehung leben. «Man müsste sich töten, wenns nicht die Hoffnung auf Tierfehd gäbe», schrieb der liebeskranke Kraus 1916 in einem seiner vielen Briefe an Sidonie. Das Tierfehd selber hat er in einem eigenen Gedicht verewigt, mit einer schaurig-schönen letzten Strophe:

    «Du Tal des Tödi bist vom Tod der Traum

    Hier ist das Ende

    Die Berge stehen vor der Ewigkeit

    Wie Wände

    Das Leben löst sich von dem Fluch der Zeit

    Und hat nur Raum, nur diesen letzten Raum.»

     


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