Freitag, 21. November 2008, 14:48:18 Uhr, NZZ Online
bir./fcl. Tel Aviv, 5. September
Schon fast drei Jahre ist es her, seit die Schweizer Nationalmannschaft letztmals um die Qualifikation für eine Endrunde gezittert hat. Die Chronisten blättern bis zum November 2005 zurück, ehe sie auf solche Daten stossen. Damals schaffte die SFV-Auswahl in zwei umstrittenen und auch tumultartigen Barrage-Vergleichen gegen die Türkei die WM-Teilnahme. Das ist weit entfernt, in der für den Fussballbetrieb gemeinhin geltenden Zeitmessung könnte man von «einer halben Ewigkeit» sprechen. Seit November 2005 hatten die Schweizer zwar vier hochstilisierte WM- und drei noch höher stilisierte EM-Auftritte, aber sonst sagten sie immer zu Recht: «Test, Test, Test – wir müssen am Tag X bereit sein, nicht schon jetzt.» So gesehen finden sie sich heute Samstag in Tel Aviv gegen Israel zum Start der WM-Qualifikation 2010 auf einem Wettkampfterrain wieder, das sie wiederentdecken müssen.
Fortan wird die Temperatur wieder regelmässiger gemessen. Die Wettbewerbsspiele sollten auch wieder die kittende und sammelnde Wirkung im Team erzielen, die in den letzten Jahren – trotz anderslautenden Voten in der PR-Flut – vermisst worden war. Israel, Tel Aviv, das ungedeckte Stadion Ramat Gan und das feuchtheisse Klima markieren für das Aushängeschild des SFV auch deshalb einen Fixpunkt, weil nach sieben Jahren mit Köbi Kuhn ein neuer Nationaltrainer die Arbeit aufgenommen hat. Mit Ottmar Hitzfeld, dem weitgereisten, weitherum bekannten und in Klubs mit Titeln ein- und zugedeckten Coach, potenzieren die Schweizer ihr in hohe Sphären gestiegenes Selbstverständnis, das sie vorwiegend aus der Turnierserie 2004, 2006 und 2008 ziehen. Wobei der letzte Teil der Serie, es sei in Erinnerung gerufen, geschenkt war.
Die Erfolge haben dem (immer noch kleinen) Schweizer Verband viel Geld und Anerkennung beschert. So ist in Israel vor dem Spiel interessant zu verfolgen, wer denn nun mit welchen Argumenten wen starkredet. Die Schweizer können sich jedenfalls nicht mehr überall und a priori nur als Aussenseiter anpreisen, obschon Hitzfeld dies gern hätte und er an der Medienkonferenz mit salbungsvollen Worten und mit Hilfe des Fifa-Rankings die Favoritenstellung (Israel Rang 19, Schweiz Rang 43) zurechtbog. Dass der Name Hitzfeld in den Köpfen der ohnehin schon von Selbstvertrauen durchtränkten Schweizer Projektionen und Wünsche freisetzt, offenbarten in Israel Äusserungen des Team-Delegierten Ernst Lämmli. Er rühmte den auf dem Podium, vor Mikrofonen und neben ihm sitzenden Hitzfeld über den Klee, Hitzfeld, der «mit seiner souveränen Art und Weise» und «mit seinem Charisma» alle begeistere. Alle – nicht mehr, nicht weniger.
Hitzfeld hat das Team in zwei Monaten durchleuchtet und die leblose Konkurrenzsituation unter seinem Vorgänger Kuhn stimuliert, ohne mit lautem Knall alles umzustossen. Hierarchien werden nur langsam verschoben, aber sie ändern sich. Der Basler Benjamin Huggel hat zum Beispiel einen Kurssprung vollzogen, den ihm vor einigen Wochen kaum jemand zugetraut hatte. «Die Plätze sind teuer geworden», sagt Interims-Captain Ludovic Magnin. Und Hitzfeld bestimmt den Eintrittspreis. Es ist ein Auswahlverfahren, das den Stammplatz im Klub-Alltag über alles stellt. Auch Kuhn hatte diese Forderung lange Zeit aufrechterhalten, sich irgendwann aber nicht mehr an sie gehalten.
Ohne temporäre Zugeständnisse geht es aber auch für Hitzfeld vermutlich nicht. Hakan Yakin spielt fortan in der Wüste von Katar. Die dortige Liga hat einen zweifelhaften Ruf; sie ist ein blinder Fleck auf der Fussballlandkarte. Noch nie hat ein Schweizer Nationalspieler dort seinen Alltag verbracht. Und wer Yakin zuhört, wenn er von seinem neuen Arbeitsort spricht, gewinnt nicht den Eindruck von grenzenloser Seriosität. Am nächsten Wochenende beginnt in Katar die Meisterschaft. Selbst wenn Yakin einen guten Formstand hat, wie er behauptet, ist zweifelhaft, wie lange er diesen konservieren kann. Für Hitzfeld ist das ein Problem von morgen. Heute setzt er auf Yakin und redet ihn stark.
Auch unter dem neuen Trainer gibt es Prämissen, die sich nicht ändern lassen. Sieht man vom nachnominierten Mauro Lustrinelli ab, steht für das Spiel gegen Israel mit Blaise Nkufo nur ein «richtiger» Stürmer zur Verfügung. In der Rolle als Bayern-Coach wäre Hitzfeld im Büro des Managers Uli Hoeness vorstellig geworden und hätte ihm dargelegt, dass personeller Handlungsbedarf bestehe. Jetzt aber argumentiert er, wie auch Kuhn in der Not immer wieder argumentieren musste: Das Nationalteam verfüge über ein Mittelfeld, das Torgefahr ausstrahle. Das muss vorderhand genügen. Das Reservoir an internationalen Stürmern in der Schweiz bleibt auch mit Hitzfeld begrenzt. Am Sonntag stösst Alex Frei zum Nationalteam. Am Mittwoch gegen Luxemburg steht er im Kader. Aber der Captain kommt aus einer schweren Knieverletzung.
Mit Frei oder ohne Frei: Eine Regel in der Qualifikation besagt, dass für den Coup mindestens ein «big point» vonnöten ist. Das war für die EM 2004 der 2:1-Sieg in Dublin gegen Irland. Für die WM 2006 wurde der «big point» – nach der blockierenden «Remis-Orgie» in der Gruppe – in die Barrage und nach Istanbul gegen die Türkei verlegt. Tel Aviv bietet nun gleich zum Qualifikationsstart den ersten «big point» feil.
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