Donnerstag, 04. Dezember 2008, 08:34:47 Uhr, NZZ Online
Dayron Robles und Jeremey Wariner erleben Hoch und Tief von Olympia
Von Remo Geisser
Der Zielstrich hat Zauberkräfte. Er kann das Herz des heranstürmenden Sportlers warm und leicht machen oder kalt und hart wie Eis. Je näher er rückt, desto deutlicher wird, ob all die Träume und Wünsche der vergangenen Monate wahr werden. Die Augen weiten sich, die Lunge brennt, und die Linie sagt: Alles oder nichts. Das erlebten am Donnerstag zwei Grosse der Leichtathletik, die beide in den Tagen zuvor mit Leichtigkeit durch die Ausscheidungsrunden getrabt waren. Jeremy Wariner, vier Jahre lang das Mass aller Dinge über 400 m – Daumen unten. Dayron Robles, das neue Wunderkind des Hürdensprints – Daumen oben.
Wariner wurde auf der Ziellinie von einem Phantom eingeholt. Seit 2004 war er es, der in der letzten Phase des Rennens den Gegnern davonlief, aber diesen Sommer kam immer wieder ein böser Geist aus seinem Windschatten. LaShawn Merritt hatte sich an den WM 2007 noch schlagen lassen, dabei aber Mut geschöpft. Wenn Silber möglich war, müsste doch auch Gold drinliegen. Der 22-Jährige investierte in den Olympia-Sommer, und schon früh hatte er sein erstes Erfolgserlebnis. In Berlin stürmte er auf der Zielgeraden an Wariner vorbei. Das war das erste Meeting der Golden League – und schon war für den jahrelangen Dominator der Traum vom Millionen-Jackpot ausgeträumt.
An den US-Trials gab es eine weitere Schlappe, die Wariner für kurze Zeit verstummen liess. Dann meldete er sich erneut: «An den Spielen wird jeder, der mich schlagen will, eine überragende Bestzeit laufen müssen. Denn ich werde Bestzeit laufen.» Starke Worte, denen zwei Prestigeerfolge in Rom und Paris folgten. Sollte der Fahrplan doch stimmen? Man durfte zweifeln, denn der Texaner hatte im Winter seinen Coach abserviert, den grossen Clyde Hart, der Michael Johnson zum Superman der 200 und 400 m gemacht hatte. Und das bloss, weil ihm der alte Hart zu teuer war.
Nun arbeitet Wariner mit dem früheren Assistenten von Hart nach alten Programmen. Das ist billiger, bringt aber nicht so viel. In Peking pumpte einmal mehr Merritt unwiderstehlich die Zielgerade hinunter, und Wariner verlor sichtlich die Fassung. Auf den letzten Metern liess er sich hängen wie ein verwöhntes Kind. Merritt lief in 43,75 ins Ziel. Das war persönliche Bestzeit. Wariners Bestleistung steht bei 43,45. Aber an diesem Abend verlor er fast eine Sekunde auf seinen Landsmann. Als Dritter warf sich David Neville mit einem Hechtsprung ins Ziel. Auf dem Podest standen drei US-Amerikaner. Doch nur zwei davon waren glücklich.
Dayron Robles könnte über 110 m Hürden werden, was Wariner lange Zeit war – die unangefochtene Nummer 1. Im Rennen, das zum Spektakel des Chinesen Liu Xiang hätte werden sollen, war der Kubaner allein. Schon im Winter war ein grosses Duell nicht zustande gekommen. Damals war Robles als grosser Favorit zur Hallen-WM gereist. In den Vorläufen glaubte er, ein Gegner habe einen Fehlstart verursacht, und blieb stehen. Die andern entflogen, Robles konnte nach Hause gehen, und Liu holte locker Gold. Diesmal endete der Wettkampf für Liu im Vorlauf, China hatte das erste grosse Drama dieser Spiele.
Und Robles war diesmal ganz offensichtlich mit dem Kopf bei der Sache. Der Mann, der im Juni Liu Xiang in 12,87 den Weltrekord entrissen hat und in diesem Sommer acht von neun Rennen gewann, lief bis zum Final locker und elegant. Zehn Hürden standen ihm bis zum Olympiagold noch im Weg, die Bahn war heimtückisch glitschig. Doch Robles liess sich auch davon nicht beeindrucken. In 12,93 Sekunden demonstrierte der 21-Jährige noch einmal die ganze Leichtigkeit seiner Technik. Der Kubaner gewann mit einem Vorsprung, der an Usain Bolt gemahnte. Und wie beim Jamaicaner fragt man sich auch bei Robles, wer ihm in seine Welt der Perfektion folgen kann. Liu vielleicht – wenn er jemals wieder ganz gesund wird.
Jamaica:
Alle vier Sprint-Goldmedaillen
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