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  • 17. Mai 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Fünf Millionen Obdachlose nach dem Erdbeben in China

    Fünf Millionen Obdachlose nach dem Erdbeben in China

    Ausländische Retter empfangen – Schweizer Hilfsangebot zurückgewiesen

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    Das Grossbeben in China hat wohl über 50 000 Todesopfer gefordert und 5 Millionen Personen obdachlos gemacht. Nebst chinesischen suchen erstmals auch Retter aus Nachbarländern nach Überlebenden.


    pfi. Peking, 16. Mai

    Auch vier Tage nach dem verheerenden Erdbeben hat in der südwestchinesischen Provinz Sichuan ein Grossaufgebot von chinesischem Militär, Polizei und spezialisierten Rettungskräften fieberhaft nach unter den zahllosen Trümmern ausharrenden Überlebenden gesucht. An mehreren Orten konnten noch Überlebende, unter ihnen ein Kleinkind, gerettet werden. Die Wahrscheinlichkeit, Verschüttete lebend zu finden, sinkt allerdings von Stunde zu Stunde, doch haben Opfer auch schon über zehn Tage überlebt.

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    Logistische Probleme

    In einer Änderung seiner bisherigen Praxis akzeptierte China am Freitag erstmals den Einsatz ausländischer Helfer und hiess die Entsendung von spezialisierten Rettungsteams aus den Nachbarländern Russland, Südkorea, Japan und aus Singapur willkommen. Auch Taiwan schickte Flugzeugladungen mit Hilfsgütern. Angesichts der historisch nicht spannungsfreien Beziehungen vor allem zu Japan, aber auch zu Russland, setzte die Entscheidung auch politisch ein Zeichen. Die Schweiz hatte am Freitag ebenfalls den Einsatz ihrer Rettungskette angeboten und diese erneut in Einsatzbereitschaft versetzt. Doch die chinesische Regierung entschied am Abend schliesslich, ohne Helfer aus Europa auskommen zu können. Die Führung fürchtet offenbar, angesichts der lokalen logistischen Probleme einen Ansturm allzu vieler Helfer nur schwer bewältigen zu können, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Andererseits dürfte sie damit die Rettung einiger Menschenleben eben doch verhindert haben. Der Krisenstab in Sichuan schätzte am Freitagabend, dass die Zahl der Todesopfer vermutlich auf über 50 000 steigen wird (bisher wurden gut 22 000 bestätigt), dass mindestens 170 000 Personen verletzt wurden und dass durch das Grossbeben der Stärke 7,8 auf der Richter-Skala von einer Minute auf die andere rund 5 Millionen Personen obdachlos geworden sind. Die Dimension dieses Problems sei erst am Freitag bekanntgeworden, nachdem man nun praktisch alle Orte erreicht habe. Die Berggegend ist relativ arm, und zahlreiche einfache Wohnungen waren wie Kartenhäuser in sich zusammengestürzt.

    6900 Klassenzimmer zerstört

    Selbst in China sorgt inzwischen für Diskussionen, dass auch unzählige noch vor nicht allzu langer Zeit gebaute Schulen bei dem Beben sofort eingestürzt sind und dabei Tausende von Kindern unter den Trümmern begraben haben, während ältere Häuser teilweise stehengeblieben sind. Insgesamt sollen rund 6900 Klassenzimmer zerstört worden sein. Befürchtet wird, dass bei manchen Bauten Sicherheitsvorschriften missachtet wurden, um Geld in die eigene Tasche abzweigen zu können. Das Bauministerium versprach eine genaue Prüfung der Vorwürfe.

    Die Volksbefreiungsarmee ist derweil zusammen mit dem Chinesischen Roten Kreuz dabei, Notunterkünfte zur Verfügung zu stellen und Zeltstädte aufzubauen. Nicht nur die medizinische Versorgung der unzähligen Verletzten stellt eine grosse Herausforderung dar, sondern auch die Wiederherstellung einer minimalen Infrastruktur und die Bestattung der unzähligen Toten. Es ist in dem Gebiet bereits sommerlich heiss, und die Gefahr der Ausbreitung von Seuchen wird als relativ gross eingeschätzt.

    Unklar ist auch noch, wie sehr befürchtet werden muss, dass etwa durch Nachbeben Staumauern doch noch brechen könnten. Zahlreiche der teilweise sowieso schon überalterten Staudämme sind durch das Erdbeben beschädigt worden, wie das zuständige Ministerium bestätigt. Ein Bruch des grossen Zi-Ping-Pu-Dammes könnte die Millionenstadt Chengdu fluten. Laut offiziellen Erklärungen besteht keine Gefahr; Spezialeinheiten hätten die Situation unter Kontrolle. Seit dem Hauptbeben wurden allerdings noch 4400 Nachbeben verzeichnet, darunter am Freitag nochmals eines der Stärke 5,9 auf der Richter-Skala.

    Grosse Hilfsbereitschaft

    Nach praktisch pausenlosem Einsatz im Erdbebengebiet kehrte der 65-jährige chinesische Premierminister Wen Jiabao am Freitagabend nach Peking zurück, während sich der chinesische Präsident Hu Jintao erstmals ins Katastrophengebiet begab. Hu ist auch Oberkommandierender der Streitkräfte, die zusammen mit Polizisten in einer Stärke von rund 100 000 Mann ins Krisengebiet geschickt wurden. Der Premierminister kann diesen im Prinzip nicht direkt Befehle erteilen, doch der für chinesische Verhältnisse ungewohnt emotionale und spontane unermüdliche Einsatz von «Grossvater Wen» wirkte als Signal und hat in dem sonst nicht sonderlich geeinten China eine so bisher kaum gekannte Hilfs- und Einsatzbereitschaft von Privaten und Unternehmen ausgelöst. Überall wird zurzeit Geld dafür gesammelt, dass die Überlebenden wenigstens wieder eine Existenzgrundlage erhalten. Spontanes ziviles Engagement für die Betroffenen zeigt sich, wie es so bisher in China kaum zutage getreten ist. Bereits wollen unzählige Chinesen durch die Katastrophe verwaiste Kinder adoptieren, viele haben offenbar spontane Hilfsaktionen organisiert und möchten an Ort und Stelle helfen. Auch der durch die Olympia-Proteste ausgelöste ausländerfeindliche Nationalismus scheint zumindest vorläufig durch die aus der ganzen Welt eintreffenden Solidaritätskundgebungen und Spenden verdrängt.


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