Donnerstag, 20. November 2008, 17:02:37 Uhr, NZZ Online
ras. Die Lust aufs harte oder auch bunte Leben draussen in der Welt überfällt immer wieder einmal einen Angehörigen des journalistischen Produktionsapparats. Die Angst vor einer Sommerflaute, weissem Papier oder gähnenden Sendelöchern mag solche Neugierde anstacheln. Seit dieser Woche wagt sich Kurt Aeschbacher aus dem TV-Studio, um es als Lehrling zu versuchen. Schnupperkurse als Kaminfeger, Imker, Zügelmann und Streckenwärter sind angesagt. Ein journalistischer Experimental-Klassiker steht offenbar nicht auf dem Programm: ich als Müllmann.
Einen makabren Dreh gibt nun dem medienschaffenden Wirklichkeitsdrang das Magazin «Vanity Fair». Sein Themenangebot: ich als Folteropfer. Zur Verfügung stellte sich, auf Anregung des Chefredaktors, der Autor Christopher Hitchens, der offenbar ein feuriger Verfechter der US-Invasion im Irak gewesen war. Auf der «Vanity»-Website darf man in Bewegtbild, Ton und Text erfahren, wie sich Hitchens einem sogenannten Waterboarding unterzieht. Das Gesicht des Opfers wird dabei mit einem Tuch bedeckt und ständig mit Wasser übergossen, was das panische Gefühl auslöst, man ertrinke. Bei dieser «Behandlung» hinterlassen die Täter keine Spuren, was den Nachweis dieser Tätigkeit erschwert.
Selbstverständlich wurden Sicherheitsvorkehren getroffen, damit Hitchens unversehrt bleibt. Er hält die Anwendung nur ein paar Sekunden lang aus. Dem Prozedere darf man von A bis Z zuschauen. Hitchens schildert und reflektiert seine Erfahrungen auf dem Hintergrund der rabulistischen amerikanischen Diskussionen um die Grenzen zwischen Folter und harten Verhörmethoden. Seine Erwägungen münden in den nicht ganz überraschenden Satz: «Glaub mir, es ist Folter.» Hätte Hitchens diesen Selbstversuch zu Beginn der US-Debatte über Folter unternommen, hätte man ihn vielleicht als aufklärerischen Schock-Publizisten bezeichnen können. Jetzt, wo der politische Wind längst gegen die Bush-Regierung gedreht hat, erhält dies den Geschmack von opportunistischem Sensationalismus.
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