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  • 4. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Anwaltschaftlicher Kunst-Journalismus

    Anwaltschaftlicher Kunst-Journalismus

    Im Internet entstehen audiovisuelle Plattformen für Kunst

    Die Website von art-tv.ch Die Website von art-tv.ch (Bild: pd)
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    Im Fernsehen werden Kultursendungen auf Nischenplätze abgeschoben. Im Internet jedoch entstehen audiovisuelle Foren für Kunst. An kritischer Auseinandersetzung mangelt es noch.

    Heribert Seifert

    Kunst hat gegenwärtig Konjunktur. Wie der in Karlsruhe lehrende Schweizer Kunstwissenschafter Beat Wyss in der Zeitschrift «Monopol» schrieb, zeigt sich das nicht nur im fabelhaften Boom des Kunstmarkts, sondern auch in der Anziehungskraft, die die Vorstellung von einem Leben als Künstler auf junge Leute ausübt. Kunst und Lifestyle sind längst eine enge Verbindung eingegangen. Ausstellungen als Events sind Magnete für Massenwallfahrten, deren Teilnehmer ebenso wie die Käufer auf dem Kunstmarkt einen hohen Informationsbedarf haben, um auch nur annähernd einen Überblick zu behalten.

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    Während bei der Presse zu beobachten ist, dass das Informationsangebot stetig wächst und immer neue Magazine für «Kunst und Leben» (so der «Monopol»-Untertitel) an den Kiosk kommen, ist im Fernsehen die einschlägige Berichterstattung in Programmnischen abgedrängt. Das ist erstaunlich, da gerade die jähen Erfolgsgeschichten einiger zeitgenössischer Künstler, aber auch der Vernissage-Rummel, die Sammler-Legenden und die biografischen Inszenierungen der Künstler viel Stoff für ein audiovisuelles Medium bieten. Das Internet-Fernsehen schickt sich nun an, mit zunehmend besserer Technik, die ruckelfreie und grosse Bilder auf den Computerbildschirm zu schicken erlaubt, die Lücke zu füllen, die die öffentlichen Fernsehsender offen lassen.

    Art-TV in der Schweiz

    Art-TV in Zürich ist dabei nicht nur das älteste, sondern auch das thematisch umfangreichste Angebot. «Das Kulturfernsehen im Netz» nennt sich Art-TV, das heute alle Bereiche des Schweizer Kulturlebens in kurzen Videos widerspiegeln will. Nach Angaben von Chefredaktor Felix Schenker hat Art-TV im Jahr etwa 400 000 Franken zur Verfügung, die überwiegend von den Kantonen und den Städten kommen, wo man seiner Einschätzung nach die zunehmende Bedeutung der Information über Kulturereignisse mit modernen Medien erkannt hat. Weltweit können derzeit, so Schenker, etwa 3 Millionen Zugriffe auf Art-TV-Produktionen pro Monat verzeichnet werden.

    Die klar aufgebaute Website erlaubt den Zugang über einen der Kultur-Kanäle, in denen Beiträge zu Architektur, Film, Kunst, Theater, Musik, Tanz, aber auch zu Literatur und Kulturgeschichte abgerufen werden können. Ein alternatives Menu führt zu Schweizer Kulturregionen, so dass man sich rasch unterrichten kann, welche aktuellen Ereignisse im Zürcher Grossraum, im Aargau oder in Appenzell Aufmerksamkeit verdienen. Das «10-jährige Häkelprojekt in Appenzell» gehört dazu wohl nicht. Dass es in einem Videobeitrag festgehalten wurde, zeigt nur die vorsichtige Bereitschaft von Art-TV zur Ironisierung des Kulturbetriebs.

    Die einzelnen Videos haben eine ähnliche Struktur. Man sieht viele sprechende Köpfe. Ausstellungsmacher, Kuratoren, Regisseure und Literaturkritiker erläutern, kommentieren oder rezensieren. Text und Bilder sind hier ebenso oft nicht synchron wie im regulären Fernsehprogramm. Es herrscht ein eher sachlicher Sprachgestus. Kameraführung und Darstellungsweise setzen überwiegend auf Information und Dokumentation, ohne den Zuschauer durch Experimente zu irritieren. Das ist verlässlich, wenngleich ein wenig bieder. Auch ist kritische Distanz zum Dargestellten nicht zu spüren. Da man bei Art-TV das Prinzip der positiven Selektion verfolgt, gibt es keine negativen Kritiken. «Anwaltschaftlichen Journalismus für gute Kunst» nennt das Felix Schenker.

    Artsite TV in Deutschland

    Diesem Prinzip folgt auch Artsite TV, das ambitionierte deutsche Gegenstück zum Zürcher Art-TV. Seit März 2007 präsentiert die in Frankfurt ansässige Website «ein aktuelles und redaktionell gestaltetes Kunstfernsehen», das anfangs nur aus dem Rhein-Main-Gebiet berichtete, mittlerweile aber regelmässig Beiträge aus Kulturstädten wie Berlin, New York, London und Tel Aviv anbietet. Anne Kaestner, die Redaktionsleiterin, legt Wert darauf, dass Artsite TV trotz der Positivauswahl der Themen Unabhängigkeit und Distanz zum Kunstbetrieb wahren will. Vergleicht man aber das Echo, das etwa die Berlin-Biennale oder die Frankfurter Buffet-Ausstellung bei Artsite TV gefunden hat, mit der Presseberichterstattung, so wird man dem Frankfurter Internet-Fernsehen doch noch mehr Mut zum Urteil wünschen.

    Profil gewinnt Artsite TV durch seine Schwerpunktthemen und Sonderseiten, die neben der Information über laufende Ausstellungen Hintergrundberichterstattung liefern. Hier sind Interviews, länger recherchierte Beiträge oder auch unkommentierte O-Ton-Filme zu finden. Redaktionelle Richtlinien verpflichten die Macher auf die Einhaltung handwerklicher Standards. Der Trägerverein Mirrors sammelt die Finanzbeiträge der privaten Sponsoren für das schmale Budget. «Wir werden in diesem Jahr über einen sechsstelligen Betrag verfügen, allerdings deutlich im unteren Bereich», erklärt Anne Kaestner. Ungefähr 40 000 Videos werden pro Monat abgerufen.

    Viel Raum für Selbstdarstellungen

    Viel Raum für Selbstdarstellungen der Kunstszene geben jetzt schon Internet-TV-Plattformen wie Vernissage-TV in Basel und «Kunst in NRW», Düsseldorf. Heinrich Schmidt, der Vernissage-TV seit 2005 mit einem Kernteam von zwei Mitarbeitern betreibt, zeigt in Videos vor allem den Ausstellungsbetrieb im O-Ton. Es sind unkommentierte Filme ohne Musikunterlegung und ohne den Versuch, das Ereignis in Form filmischer Reportagen abzubilden. Man sieht Zuschauer durch die Räume flanieren, hört Eröffnungsrednern oder den Erklärungen der Künstler zu. «Wir setzen darauf, dass sich die Zuschauer selber ein Urteil bilden können», sagt Heinrich Schmidt zu diesem dokumentarischen Gestus seines Unternehmens, das ganz der internationalen zeitgenössischen Kunst verpflichtet ist und derzeit rund 25 000 Video-Downloads täglich verzeichnet.

    Wenn man freilich der Schwall- und Imponierprosa des Vertreters einer grossen Automarke zuhört, der ein Kunstprojekt in München eröffnet, dann hört man vor allem jene «Ansammlung von sprachlicher Wichtigtuerei und schlechtem Denken», die jüngst der Kunsthistoriker Christian Demand als Merkmal öffentlicher Rede über Kunst ausgemacht hat («NZZ Folio» Mai 2008). Auf «Kunst in NRW» ist das noch gesteigert. Hier wirken die breiten und prätentiösen Selbstdarstellungen der Künstler oft wie Selbstparodien.

    Orte kritischer Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur sind die bisher aktiven Internet-Fernsehangebote noch kaum. Ihre Stärken liegen in der raschen Bereitstellung von Informationen, in der Unmittelbarkeit der visuellen Eindrücke und in der Übermittlung des grossen kommunikativen Rauschens, das derzeit um Kunst in Gang gehalten wird. Die zunehmende Nutzung der Möglichkeiten des Video-Podcasts und des RSS-Feeds macht solche Botschaften überall verfügbar. Auf die Erfüllung weitergehender Ansprüche ans öffentliche Gespräch über Kunst wird man dagegen noch eine Weile warten müssen.

     

    www.art-tv.ch; www.artsite.tv; www.vernissage.tv; www.kunst-in-nrw.de
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