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  • 7. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Vibrierende Visionen

    Vibrierende Visionen

    «Apocalypse» von Gion Antoni Derungs

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    Alfred Zimmerlin

    Mächtig steht sie da, die Burg Riom oberhalb des gleichnamigen Dorfes im Surses (Oberhalbstein). 1227 wurde mit ihrem Bau begonnen, einer ihrer späteren Burgherren war Benedikt Fontana, und seither ist die Burg für die Bündner so etwas wie ein Symbol für ihre Unabhängigkeit. Heute ist ihr enormer Innenraum im Sommer ein Theatersaal: die Hauptspielstätte des vom Theologen, Theaterwissenschafter und passionierten Theatermann Giovanni Netzer gegründeten «Origen Festival Cultural». Brücken werden geschlagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der Kulturgeschichte Bündens, der lokalen rätoromanischen Sprache und einem kulturellen Umfeld, in welchem mehr und mehr globales Denken spürbar wird. Es geht primär darum, Impulse für die Zukunft zu geben und vorwärts zu blicken. Eindrücklich, was Netzer und das Team von Origen bisher geleistet haben und beispielsweise in diesem Sommer anbieten.

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    Szenisches Oratorium

    Die katholische Kirche mit ihrer ganzen Theatralik hat Netzer geprägt; so steht der Origen-Sommer 2008 im Zeichen der apokalyptischen Bilder – angesichts von Klimawandel und anderen massiven globalen Problemen ein aktuelles Thema. Ab 18. Juli wird jeweils an den Wochenenden auf Burg Riom die neue elektronische Oper «Messias» auf ein (lateinisches) Libretto Netzers und mit Musik von Oliver Weber aufgeführt, ein endzeitlich konzipiertes Werk, das an Miltons «Paradise lost» erinnert. Andere Werke gehen auf Reisen. So wird die Komödie «Luciferino», eine Art Commedia dell'Arte des Weltuntergangs, auf Dorfplätzen und in Waldlichtungen gespielt. Und das szenische Oratorium «Apocalypse» (2005) des Bündner Komponisten Gion Antoni Derungs wird in den grösseren Kirchen Graubündens aufgeführt; es war aber auch in Basel, Luzern und am letzten Samstagabend in der Predigerkirche in Zürich zu sehen.

    Reduktion der Mittel

    Die Aufführung berührte einen vor allem durch die Reduktion der Mittel. Gion Antoni Derungs (geb. 1935) hat das Werk für einen Sprecher und sechs Sängerinnen und Sänger ohne jede Instrumentalbegleitung komponiert. Gerade in der Akustik eines Kirchenraumes entfaltet es eine delikate Klanglichkeit. Das klar strukturierte, dreisprachige Libretto hat wiederum Giovanni Netzer nach der Johannes-Apokalypse verfasst. Mehrere Visionen entfalten sich parallel. So ist die Geschichte der schwangeren, gebärenden Sonnenfrau in rätoromanischer Sprache auf vier Bilder verteilt, der Kampf Michaels mit Satan ereignet sich in drei Bildern, die Hure Babylon wird in deren vier vernichtet. Ein dramaturgisch spannungsvolles Netz entsteht, was dem Komponisten auch musikalisch den Bau eines reichen Gebäudes ermöglichte.

    Derungs' Ansatz erinnert an die Passionen von Heinrich Schütz und an Ernst Peppings Matthäus-Passions-Bericht. Im Zentrum steht Johannes, Gefangener in Patmos, dessen sprachgewaltigen Visionen (in deutscher Sprache) in der Darstellung durch den Schauspieler und Sprecher Jan Ratschko in der Predigerkirche erzittern. Handelnde apokalyptische Wesen werden durch die sechs Sängerinnen und Sänger dargestellt: Es brillieren Marjan Krejcik als Erzengel Michael, Florian Engelhard als Rafael, der Countertenor Cornelius Glaus als Satan, Rilena Cadruvi als Sonnenfrau, Judit Scherrer-Kleber als Hure Babylon, Jakob Pilgram als Heuschrecke. Die vier apokalyptischen Reiter werden vom Männerquartett gegeben, der Drache von einem Trio aus Sopran, Altus und Tenor, die unsichtbare Stimme Gottes erklingt lateinisch als Trio von Tenor, Bariton und Bass – mit Anspielungen an den gregorianischen Choral und alte musikalische Satztechniken wie Organum oder Fauxbourdon. Die musikalische Gesamtleitung lag in den Händen von Clau Scherrer.

    Beschränkt auf das einfachste Mögliche

    Das Ergebnis ist abwechslungsreich. Bilder, die einem den Atem stocken lassen, stehen neben kontemplativen Momenten. Die Tonsprache ist leicht verständlich, doch abwechslungsreich, und dass sie eine so starke Wirkung entfalten kann, liegt auch an der sich aufs einfachste Mögliche beschränkenden Inszenierung von Giovanni Netzer. Sechs grosse, graue, kastenförmige Stelen sind auf einer Linie aufgestellt, eine weitere einzelne Stele steht beim Beginn des Mittelgangs. Aus ihr taucht am Anfang der kalt von unten beleuchtete Kopf von Johannes auf, in ihr versinkt er wieder am Ende. Und in den sechs hinteren Stelen sind die Sängerinnen und Sänger verborgen, welche je nach Bedarf erscheinen oder wieder verschwinden. Die Distanz, die so geschaffen wird, lässt musikalisch eine umso grössere Nähe zu. Eine Aufführung von eindringlicher Wirkung.

    Zürich, Predigerkirche, 5. Juli. Informationen zu Origen Festival Cultural 2008 auf www.origen.ch.
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