Donnerstag, 20. November 2008, 17:53:18 Uhr, NZZ Online
jam. Die Leichtathletik ist seit den Olympischen Sommerspielen in Peking ständigen Verdachtsmomenten ausgesetzt. Dazu beigetragen haben im Reich der Mitte vor allem die erstaunlichen Leistungen der jamaicanischen Sprinterinnen und Sprinter, allen voran Usain Bolt, der im Bird's Nest sowohl über die 100 m als auch über die 200 m in Weltrekordzeit gestoppt worden war. In Zürich, am zweitletzten Meeting der Golden League, reichte es ihm zu 9,83, noch immer eine Spitzenzeit; doch abwesend waren im Letzigrund abermals jene Athleten, die dem Jamaicaner – abgesehen von Olympia – richtiggehend gefährlich werden können, sein Landsmann Asafa Powell und der US-Mann Tyson Gay.
Das sollte sich spätestens in Brüssel, am letzten und publikumsmässig erfolgreichsten Leichtathletik-Anlass der Golden League (47 000 Zuschauer) ändern, dies die Hoffnung der Organisatoren, die das Mémorial Van Damme als Gesamtprodukt in den vergangenen Jahren zur Messlatte für alle anderen werden liessen. Im Stadion Roi Baudouin trat Bolt, der Olympiasieger, zum grossen Showdown gegen Powell an. Sein Landsmann war am letzten Dienstag in Lausanne, als Bolt die 200 m lief, in 9,72 gestoppt worden – der zweitschnellsten je erreichten Zeit.
Am Freitagabend waren die Voraussetzungen für einen Weltrekord über die 100 m insofern nicht ideal, als die Temperaturen mit rund 16 Grad Celsius zu tief waren. Bolt, der mit der schlechtesten Reaktionszeit aus den Pflöcken wuchtete, tat sich denn auch sichtbar schwer, seinem Widersacher, der an Olympia lediglich Fünfter geworden war, Paroli zu bieten. Allerdings nur bis zur Rennhälfte. Dann begann er sich an Powell heran- beziehungsweise vorbeizuschieben und siegte in 9,77 – eine abermals unglaublich anmutende Zeit angesichts der schwierigen Verhältnisse bei einem Gegenwind von 1,3 m/s, derweil Powell in 9,83 gestoppt wurde.
Alles andere, was im Stadion ablief, wo es erst vor Beginn des Meetings zu regnen aufgehört hatte, stand im Schatten des 100-m-Duells. Von Interesse war gleichwohl, was im Hochsprung und über die 800 m ablief. Blanka Vlasic und Pamela Jelimo, die Olympiasiegerin, die auch den Juniorinnenweltrekord hält, fieberten dem Disziplinensieg natürlich auch darum entgegen, weil für sie sehr viel Geld auf dem Spiel stand. Beide waren sie in der Golden League, in der es im Jackpot darum geht, an sechs Events sechsmal zu gewinnen, schon früh allein übrig geblieben – und beide wollten sie sich die 500 000 Dollar, die ihnen bei einem sechsten Sieg in Belgien je zugestanden hätten, nicht mehr nehmen lassen. Jelimo schien über die zwei Bahnrunden weniger gefährdet als die Kroatin, die grosse Geschlagene von Peking.
Die Kenyanerin lief auf der nassen Bahn wiederum eine Zeit (1:55,16), die in den letzten Jahren kaum jemand mehr für möglich gehalten hätte.
Anders Vlasic, die schon an den Spielen im entscheidenden Augenblick versagt hatte. Mit übersprungenen 2 Metern kam sie zwar gleich hoch wie die am Freitag frenetisch bejubelte Tia Hellebaut, die belgische Olympiasiegerin – und gleich hoch wie die Deutsche Ariane Friedrich, die sich mit einem Sieg für ihr enttäuschendes Ergebnis bei Olympia rehabilitierte. Vlasic, die vor Peking in 34 Wettkämpfen ungeschlagen geblieben war, brauchte für die 1,97 einen zweiten Versuch, der sie zu guter Letzt 500 000 US-Dollar kostete, derweil Jelimo, gerade einmal 18-jährig, innert Minuten um 500 000 Dollar reicher wurde.
Die 47 000 Zuschauer, die am Mémorial Van Damme weniger Spitzenleistungen sahen als auch schon, durften sich stattdessen einer ganz speziellen Abschiedsvorstellung erfreuen. Kim Gevaert, die Einheimische, gewann ihr letztes internationales Rennen über 100 m in 11,25.
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