Samstag, 06. September 2008, 03:55:16 Uhr, NZZ Online
Daniel Willi
«Keine Angst vor Blasmusik» – so das Motto des an den vergangenen zwei Wochenenden abgehaltenen 29. Zürcher Kantonalmusikfestes in Männedorf, das 3500 Musikanten und über 15 000 Besucher an den Zürichsee lockte. Die Männedorfer integrierten am zweiten Wochenende ein Dorffest, bei dem nebst den Musikliebhabern auch die Bevölkerung der aufstrebenden, nun bald 10 000 Einwohner zählenden Gemeinde als tatkräftige Helfer oder Festbesucher einbezogen wurde. Laut Heidi Kempin, Gemeindepräsidentin und OK-Chefin des Vereins Männedorffest, der den Anlass zusammen mit dem Musikverein Harmonie Eintracht Männedorf organisierte, ist das Hauptziel des Festes, die Vernetzung der Blasmusik mit dem breiten Publikum, mehr als erfüllt.
Von der Infrastruktur konnten alle profitieren: Die Schule stellte Helfer und führte am 3. Juli ein Musical im Festzelt auf, die Eintracht Männedorf feierte ihr 100-Jahr-Jubiläum, und die Gemeinde organisierte ein Jahrgängertreffen, für das sich rund 2000 Ehemalige einfanden. Die Veranstalter profitierten vom sommerlichen Wetter. Nachdem man am Sonntag hatte bangen müssen, konnten noch am letzten Festtag Marschmusik und Gesamtchor unter freiem Himmel stattfinden.
Die Zürcher sind – und der Publikumserfolg gibt ihnen recht – etwas konservativer als andere Schweizer Kantonalverbände: Die zweimal täglich stattfindenden Marschmusik-Wettbewerbe sind nach wie vor für die teilnehmenden Vereine obligatorisch, ebenso wie die jeweils am frühen Abend stattfindenden Gesamtchorvorträge, die auf der Wiese Hasenacker in einer gelösten und heiteren Atmosphäre stattfanden.
Auch die sogenannten Pflichtstücke behält der Zürcher Blasmusikverband bei: Jeder der teilnehmenden 84 Vereine musste sich der Jury vorab mit dem Pflichtstück präsentieren. In Zusammenarbeit mit anderen Kantonalverbänden hatte man hier Kompositionsaufträge an vier Schweizer Komponisten (Thierry Besançon, Franco Cesarini, Thomas Trachsel und Jean-François Michel) vergeben – ein wertvoller Nebeneffekt des Festes, das so die Blasmusik mit neuen Stücken versieht.
Die Vereine starteten in vielen verschiedenen Kategorien mit entsprechend vielen Siegern. Die Jugendmusiken wurden hier ebenso separat rangiert wie die Brass-Bands und die Konzert- oder Unterhaltungsmusikspezialisten. Festsieger gab es somit viele, da in einzelnen Kategorien nur ein oder zwei Vereine antraten. In der Klasse «Unterhaltungsmusik Oberstufe» siegte knapp der Musikverein Harmonie Urdorf (Dirigent Heinz Binder), während in der «Oberstufe» die Stadtmusik Zürich (Kurt Brogli) erwartungsgemäss mit grossem Vorsprung vor der Stadtmusik Dietikon an der Spitze lag. Auf grosses Interesse stiessen die Wettbewerbe der leistungsfähigen Konzert-Harmoniemusikkorps am letzten Festtag. Mit hauchdünnem Abstand schwang in der «1. Klasse» die Harmoniemusik Helvetia Horgen vor der Stadtmusik Winterthur-Töss und dem Musikverein Meilen obenaus.
In der «Höchstklasse» zeigten die beiden teilnehmenden Vereine, der Musikverein Helvetia Rüti-Tann (Thomas Trachsel) und die gross besetzte Stadtharmonie Zürich Oerlikon-Seebach (Carlo Balmelli), professionelle Leistungen. Etwas unglücklich verschoss die Jury bei Rüti-Tann ihr Pulver etwas zu früh und vergab hier Höchstnoten, so dass beim Festsieger, der Stadtharmonie, welche noch selten in derart blendender Verfassung aufspielte, nach oben fast kein Spielraum war. Mit der für das ganze Fest absolut höchsten Punktzahl von 350 und nur 8 Punkte vor Rüti-Tann konnte Carlo Balmelli den grandiosen Festsieg in die Stadt Zürich retten.
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