Donnerstag, 21. August 2008, 22:46:37 Uhr, NZZ Online
Sabine Schulthess
Drückend heiss war es am Freitag im EWZ-Unterwerk Selnau, und zeitweise glaubte man, ersticken zu müssen. Schuld an der schwer lastenden Schwüle waren nicht nur die meteorologischen Umstände. Beklemmung in die Zuschauerränge schlich sich auch vonseiten der Bühne, wo im Rahmen der Zürcher Festspiele Tschechows «Onkel Wanja» – eine Koproduktion des Neumarkttheaters mit einigen deutschen Bühnen – gegeben wurde. Trotz bleierner Atmosphäre aber war die Zürcher Premiere ein Erfolg: Zum einen dank einem brillanten Schauspielerensemble, zum andern, weil Tschechows Originaltext unverändert, in seiner ganzen quälenden Länge gespielt wurde. Der Autor erzählt vom schleichenden Zerfall einer Schicksalsgemeinschaft, deren Mitglieder sich durch einen ereignislosen, schwülen Sommer schleppen, in dem die Zeit stehenzubleiben scheint und sie vor lauter Langeweile sich und ihre Mitmenschen ins Verderben stürzen.
Die Stärke dieser Aufführung sind die intimen Momente, die wortlosen Auseinandersetzungen, der leise Schmerz der Einsamkeit. Eine der unvergesslichsten Szenen spielt sich zwischen Ursina Lardi als Elena und Rik van Uffelen als deren alter Gatte Alexander ab: Es ist nach Mitternacht, der jammernde Greis sitzt im Lehnstuhl, seine junge, bildschöne Frau an seiner Seite. Es wird kaum gesprochen, jede Minute scheint wie eine Ewigkeit, die Atmosphäre ist zum Zerreissen gespannt, die Partner sitzen beieinander und doch liegen Welten zwischen ihnen. Es ist kaum auszuhalten und doch so innig, dass einem das Herz in der Brust zerspringen möchte. Ursula Renneke als Sonja gelingt eine eindrückliche Interpretation einer jungen, still leidenden, aber innerlich starken Frau.
Für einen Kontrast sorgen Onkel Wanja (Josef Ostendorf) und der Arzt Astrow (Devid Striesow). Sie ertränken ihre unbefriedigte Leidenschaft für die schöne Elena im Wein. Leider gehen im Geschrei der stockbesoffenen Männer die spannendsten Textpassagen unter, und allzu oft wird da gar dick aufgetragen. Es ist schade, dass das Regieteam (Thorsten Lensing, Jan Hein), dem ein so ausserordentliches Ensemble zur Verfügung stand, nicht den Mut hatte, gänzlich auf den intimen Gestus zu setzen.
Leser-Kommentare: 0 Beiträge