Donnerstag, 20. November 2008, 15:52:17 Uhr, NZZ Online
ubs. Als Mitglied von A Tribe Called Quest konnte Rapper und Produzent Q-Tip ein wichtiges Hip-Hop-Kapitel der neunziger Jahren mitschreiben. Die Band brillierte damals durch sprachliche Verve, die über das wortreiche Gebaren der meisten Kollegen hinausging. Die hohe Qualität der Reime und des Flows war nicht unbedingt darauf zurückzuführen, dass man auf Distanz zum Gangsta-Rap ging, um dafür gewitzt mit Worten und Werten zu spielen. Hingegen erforderte es das ästhetische Programm - das später als «Conscious Hip-Hop» firmierte -, dass die Musik zu den Versen feinsinnig assortiert wurde. A Tribe Called Quest verband das Rappen mit einer schlanken jazzigen Rhythmik aus Bass und Beat. Die Tracks wurden sodann mit furiosen Bläsersätzen akzentuiert. Nachdem sich die Band 1998 aufgelöst hatte, brachte Q-Tip 1999 ein Soloalbum heraus: «Amplified». Danach wurde er indessen ausgebremst durch Streitereien mit unterschiedlichen Labels. Umso erfreulicher, dass Q-Tip nach knapp zehn Jahren mit einem neuen Album aufwarten kann: «Renaissance». Die Musik zeigt wiederum eine Affinität zu Soul, jazziger Transparenz - und zu klanglichen wie harmonischen Reibungen. Und einmal mehr profiliert sich der unterdessen 38-jährige Rapper durch seine atemberaubende Phrasierung, die nicht nur emotionaler Dringlichkeit gehorcht, sondern bestens abgestimmt ist auf die musikalische Umgebung. Die Silben fliegen nicht über den Beats, sie fliessen mittendrin. Dieser Hip-Hop bildet eine organische Einheit, in der das vertikale Gefüge der Beats mit der dynamischen Montage von Rap, Gesängen und Vocal-Samples zusammenstimmt. Q-Tip setzt sich so zwar ab von den Breitwand-Produktionen des Gegenwart-Hip-Hops. Deshalb ist er heute weniger ein Star als ein «musicians musician». Das zeigt auch die Liste jener Musiker, die an «Renaissance» mitbeteiligt waren: Zwei Stücke sind noch vom verstorbenen J Dilla produziert worden; der Neo-Soul ist gut vertreten durch Raphael Saadiq und den genialen D'Angelo. Neben Jazzmusikern wie dem Gitarristen Kurt Rosenwinkel hat sich auch Norah Jones einspannen lassen, um Soul à la Erykah Badu zu singen.
ner. Wenn der Name Milford Graves fällt, gerät Robert Wyatt sofort ins Schwärmen. «Er ist einer der grössten Schlagzeuger der Gegenwart», begeistert sich der englische Singer/Songwriter und ehemalige Drummer von Soft Machine. «Graves sprengt die Vorstellung vom Schlagzeugspiel. Er spielt mit allem, was einen Ton erzeugt, und verwandelt das Drumkit in einen lebenden Organismus.» Graves' (Jahrgang 1941) grosse Zeit waren die sechziger Jahre, als er in Gruppen wie dem New York Art Quartet zu einem der einflussreichsten Schlagzeuger des freien Jazz avancierte. Graves spielte Schlagzeug auf andere Art. Er begriff es als einen Malkasten, mit dem er in den intensivsten Farben grossflächige Gemälde entwarf. Von indischen Tablas über asiatische Gongs bis zu Glocken und sprechenden Trommeln aus Afrika - alles bezog er ein. 1965 unternahm Milford Graves einen mutigen Schritt: Er machte, was damals niemand tat, und spielte ein reines Trommelalbum ein, das jetzt wieder veröffentlicht wurde. Mit seinem Percussion Ensemble - ein Duo mit dem Schlagzeuger Sunny Morgan - skizzierte er nuancenreiche Kompositionen aus sich überlagernden Schlagmustern, dichten Trommelwirbeln und den hellen Akzenten der verschiedenartigen Becken. Frustriert vom Musikgeschäft, zog sich Graves Mitte der siebziger Jahre zurück. Er nahm eine Dozentenstelle an und vertiefte sich in alternative Medizin und Therapie, wobei er in den geheimen Rhythmen der Trommeln heilende Kräfte zu erkennen glaubte. Als Schamane stiess er in die trancehaften Sphären des Trommelspiels vor. Jetzt kehrte er für eine Stippvisite in die Jazz-Szene zurück, um mit Anthony Braxton (Saxofon) und William Parker (Bass) ein neues Album einzuspielen. Die drei bersten vor Energie. Wenn Braxton gelegentlich auf dem Sopranino-Saxofon in den höchsten Tönen zwitschert, meint man, er spreche mit den Vögeln, während Graves darunter ein dichtes Perkussionsgeflecht ausrollt. Mehr Abwechslung hätte der Musik indes gutgetan. Auf Dauer wirkt selbst das intensivste Powerplay zu gleichförmig.
gz. Das Feuer sei nahezu aus, hatte Robert Smith im Jahr 2000 auf dem Album «Bloodflowers» gejammert und in Interviews erklärt, dies sei das letzte Werk von The Cure. Doch dann bezeichneten trendige Rocker die englische Gothrock-Band als wichtiges Vorbild, was The Cure auf dem Nachfolgealbum von 2004, «The Cure», prompt zu einem erstaunlich kreativen Neubeginn animierte. Auf dem 13. Studioalbum, 32 Jahre nach der Band-Gründung, begnügt sich The Cure nun wieder mit ihrer Vergangenheit. Auf «4:13 Dream» wird man immer wieder, und einige Male überdeutlich, daran erinnert, warum The Cure eine solche Bedeutung in der Musikszene erlangen konnte. Doch die Band vermag den neuen Songs nicht mehr jenes reizvoll wacklige Gleichgewicht zwischen poppiger Leichtigkeit und depressiver Schwere zu verleihen, das manche ihrer Stücke zu Klassikern machte. Die vier Musiker wirken unentschlossen, scheinen nur eine lästige Pflichtübung zu absolvieren. Das gilt insbesondere für den Gesang und die Texte von Robert Smith - etwa wenn er in «The Reasons Why» von seinem Suizid singt.
alz. Hinter dem Pseudonym Simon Bookish versteckt sich der Londoner Komponist und Klangkünstler Leo Chadburn. Chadburn macht nicht nur Popmusik, sondern komponiert auch für zeitgenössisches Tanztheater, ausserdem wirkte er an Brecht-Aufführungen sowie an diversen Kunstprojekten mit. Kurzum: Er bewegt sich an der Grenze zwischen E- und U-Musik. Seine energiegeladenen Songs auf «Everything/Everything» zeigen, dass er dies nicht auf ausgetretenen Pfaden tut. Wenn Chadburn den Minimalismus eines Philip Glass punkig und aggressiv klingen lässt, wenn er zu Harfe und Klavier mit seiner exaltierten Stimme singt oder wenn er moderne Klassik mit Singer/Songwriter-Pop versöhnt, dann tänzelt Chadburn alias Bookish geradezu tollkühn auf dem schmalen Grat zwischen sogenannt «ernster» und «unterhaltender» Musik. Der Verzicht auf Wichtigkeit-Gesten bewahrt ihn dabei vor dem Absturz ins Prätentiöse. Nichts klingt hier ausgedacht und berechnend. Man hat den seltenen Eindruck von Dringlichkeit - das Gefühl, dass diese experimentelle Popmusik genau so gemacht werden musste.
hpk. Nach sieben Alben kann Oasis das Rad nicht neu erfinden. Seit dem ersten Tag ist man stillgestanden in der Spur, die John Lennon von «I Am The Walrus» bis «Imagine» zog. Die Band weiss halt, was sie am besten kann. Die sechs Millionen Fans, die zuletzt «Don't Believe The Truth» kauften, wissen es zu schätzen. Kritisieren kann man die Band allenfalls dafür, dass sie es sich beim Einsatz ihrer Schablone zu oft zu einfach gemacht hat und so zeitweilig zur Selbstparodie neigte. Doch für das neue Album «Dig Out Your Soul» hat sie die Formel in ein paar frischen Variationen umgesetzt. Statt der Gitarren stehen diesmal vermehrt Bass-Grooves und Keyboards (Mellotron!) im Vordergrund. Der Rock ist härter, psychedelischer geworden - dabei hat man sich sorgfältiger um die Details gekümmert. In der Tat gehören die ersten fünf Songs zu den besseren Oasis-Momenten - samt dem geradezu zarten «I'm Outta Time», komponiert vom kleinen Gallagher, Liam. Danach fällt die Qualität ab. «(Get Off Your) High Horse Lady» ist der Plastic Ono Band abgeschaut, und die Beiträge der anderen Bandmitglieder zeigen nur, dass Demokratie in einer Band eben doch nicht funktioniert.
kuk. Gedichte, Gedichte und nochmals Gedichte. Sie sind der Stoff, aus dem der Fado ist. Und im Wohnzimmer von Portugals Fado-Ikone Mariza stapeln sich deshalb die Gedichtbände. Reichlich geblättert und geschmökert hat die 34-jährige Sängerin mit der unverwechselbaren Stimme, um sich auf ihr viertes Album vorzubereiten. «Terra» heisst es, Regie bei den Aufnahmen führte mit Javier Limón ein Flamenco-Gitarrist. Ungewöhnlich - aber passend: Denn Fado und Flamenco liegen gar nicht so weit auseinander, auch wenn die Nachbarn das nicht so gerne hören. Und obendrein ist Mariza dafür bekannt, die Grenzen des Fado zu dehnen. Nur zu gern lässt sie der «Lusofonia», dem kulturellen Triangel zwischen Portugal, Brasilien und Afrika, freien Lauf. Auf «Terra» ist das nicht zu überhören, denn sie hat nicht nur den kapverdischen Sänger Tito Paris eingeladen, mit dem sie das atemberaubende Duett «Beijo de Saudade» singt, sondern auch eine ganze Reihe weiterer Musiker, die dem Fado pikante Noten verleihen. So steuert Kubas Jazzpianist Chucho Valdés in «Fronteira» etwas jazzige Würze bei, in «Rosa Branca» überraschen die mexikanischen Ranchera-Klänge, und hier und da schimmert eine Spur Bolero durch. Doch damit nicht genug, denn eine Prise Flamenco darf nicht fehlen, wenn der Produzent Javier Limón heisst.
kuk. «Schüttle den Hass und den Ärger
ab» – so lautet ein Lebensmotto von Lila
Downs. Die Sängerin aus dem Süden
Mexikos ist eine Grenzgängerin zwischen
den Vereinigten Statten von Mexiko und
denen Amerikas, denn sie lebt in New
York und Mexiko-Stadt, hat aber auch
den Bezug zu dem kleinen Bergdorf, aus
dem ihre indigene Mutter stammt, gehalten.
Das kann man auch hören. Denn Lila
Downs verwebt die Rhythmen ihrer beiden
Heimatländer miteinander und dreht
Musikpuristen links und rechts des Rio
Grande eine lange Nase. Ein cooler
Blues-Song wie «Minimum Wage», der
zur Hymne der mexikanischen Arbeiter
im Süden der USA werden könnte, ist dafür
genauso ein gutes Beispiel wie der
Klassiker «Black Magic Women». Den intoniert
sie gemeinsam mit dem blinden
Soulsänger Ra´ ul Mid´on und verpasst dem
Evergreen etwas mexikanische Salsa.
Doch auch Ausflüge in die Welt des
argentinischen Canci ´on gehören zum Repertoire
von Lila Downs. Für den Song
«Tierra de Luz» hat sie überdies Mercedes
Sosa ins Studio gebeten. So offenbart
sie mit jedem Stück eine neue Facette
ihrer vielseitigen Stimme, mit der sie zwischen
den Welten pendelt, zum Optimismus
mahnt und schlicht betört.
alz. Schon mit seinem gefeierten Disco-
House-Projekt Metro Area hat der Produzent
Morgan Geist gezeigt, wie sich aus
scheinbar abgenutzten Klang-Patterns
neue Atmosphären hervorzaubern lassen.
Auf seinem neuen Album unter bürgerlichem
Namen beweist er nun, dass auch
die achtziger Jahre klangästhetisch keineswegs
abgegrast sind. Statt an notorischem
Electro-Gepolter und Stromlinien-Synthi-
Pop versucht er sich an den verschütteten
Traditionen von Electro-Funk und Italo-
House. Mit der Obsession des Liebhabers
baut Geist wächsern-weiche, manchmal
auch frivole Synthesizerklänge und Streicher
in seine subtilen und oft genug kauzigen
Sound-Spiele ein. Der Detailreichtum
erinnert nebenbei an eine Zeit, als Musik
noch in grossräumigen Studios statt in
Laptop-Klausen arrangiert wurde. Doch
nicht nur darin liegt die romantische Note
dieses Albums – der Gesang des extra angeheuerten
Junior-Boys-Sängers Jeremy
Greenspan überzieht noch die süsseste
Melodie mit Schwermut. Statt Retro-Nostalgie
macht sich dabei das Gefühl breit,
dass hinter den funkelnden Fassaden bei
jedem Hören neue überraschende Facetten
warten – abseits der derzeitigen Konventionen
in der Dance-Musik.
ada. Volker Bertelmann alias Hauschka
hat seine Biografie geschrieben. Einen
Teil der Biografie strenggenommen, der
vor allem die Kindheit und die Jugendjahre
behandelt. Diese Zeitspanne hat er
allerdings nicht in Worte gefasst, sondern
als Instrumentalstücke mit Titeln wie
«Freibad», «Barfuss durch Grass», «Eltern
» oder «Nadelwald» auf seine neue
CD «Ferndorf» gepackt. «Ferndorf» meint
Bertelmanns Heimatort in Nordrhein-
Westfalen, von wo er erst nach Köln, dann
nach Düsseldorf geflüchtet ist. Was geht
uns all dies aber an? Einiges. Hauschka,
wie gewohnt am präparierten Klavier sitzend,
vermag in zwölf Stücken scheinbar
mühelos die Unschuld vergangener Tage
heraufzubeschwören – eine Stimmung, die
leicht ins Pathetische tendieren könnte.
Doch Pathos gibt es hier nicht, genauso
wenig wie Dissonanz. Unterstützt wird das
Piano von Cello und Geige, seltener von
dezent eingestreuten Bläsern – in unseren
Breitengraden ein denkbares Instrumentarium,
um die Kindheit einzufangen. Ein
kammermusikalisches Projekt bar akademischer
Aspirationen demnach, das den
Minimalisten Riley, Reich und Nyman
etwas schuldig ist, aber weniger kopflastig
und repetitiv, stattdessen melodischer und
humaner ausfällt. So wird Pop eine weitere
Farbe abverlangt.
hpk. In Grossbritannien sorgten die wunderlichen
Gesellen vom ersten Album an
für grosse Aufregung. Das Familien-Quartett
(drei Brüder, ein Cousin) aus Nashville,
Tennessee, kredenzte einen urtümlichen
Garage-Rock mit Referenzen zur
Gegenwart, der von aussergewöhnlicher
Vitalität beseelt war. Wieder einmal haben
die Briten mit ihrer Bewunderung für
eine Aussenseiter-Band nicht nur Coolheit,
sondern auch ein Ohr für Qualität
bewiesen. «Only By The Night» ist bereits
das vierte Album der Kings of Leon und
dürfte sie nun auch in ihrer amerikanischen
Heimat zu Stadionhelden machen.
Für einmal ist das keine schlechte Sache:
Der schlichte Gitarre/Bass/Drums-Rock
der Band schafft das Kunststück, gross zu
tönen, ohne bombastisch-banal zu wirken.
Zu den Pluspunkten gehört Caleb Followill
– ein ausdrucksstarker Sänger auf den
Spuren von John Fogerty. Für die ungewöhnliche
Dynamik der Musik ist nicht
zuletzt der Schlagzeuger Nathan Followill
verantwortlich, der die Erwartungen immer
wieder mit verblüffenden Zwischenschlägen
sabotiert. Selbst gelegentliche
U2-Anflüge können die Freude ob einer
Rock-Band nicht trüben, die auch beim
vierten Album noch keine Abnützungserscheinungen
an den Tag legt.
jf. Wenn Libido und Intellekt zusammentreffen, rockt das Ergebnis meistens schlecht. Schliesslich lebt der Funk aus dem Bauch heraus, und allzu artistische Ambitionen sind ihm so fremd wie dem Boxer eine Ballettfigur. Und doch schafft TV On The Radio das Unmögliche: Das vierte Album, «Dear Science», gibt zwar keine jener vielen Ideen auf, dank denen die New Yorker Band scheinbar wie ein Gasballon über allen Feldern des Indie-Rock-Universums schwebt. Und auch die Zitate und Anspielungen auf Jazz und Punk sind nicht rarer geworden. Trotzdem hält ein gewaltiger Puls das hybride Kunstwerk zusammen. Der Funk ist allgegenwärtig: etwa auf «Dancing Choose», wo die Bläsersektion von Antibalas die Band auf Afrobeat-Kurs bringt, oder auf dem an Prince erinnernden «Crying». Und selbst unter dem Kammer-Pop-Arrangement von «Lover's Day» schlummert ein schmutziger Blues. Mit «Dear Science» ist die aus Brooklyn stammende Gruppe TV On The Radio auf einem Niveau angekommen, auf dem die Musik auf sich selbst verweist und doch mit dunklen Ahnungen elektrisiert: Extreme Formen von Lust, Wut und Melancholie lösen sich ab. Da wurden wohl Geister der Verunsicherung gerufen, die im krisengeschüttelten Amerika nach einem adäquaten Ausdruck suchen - zwischen Streicher-Strudeln, verhallenden Pianos und Gitarren-Clustern.
fer. Sein Gesicht mag er immer noch nicht in die Kamera halten. Aber wer braucht schon Bilder bei dieser Musik, diesen elegischen, schwebenden, berückenden Melodien, die meistens von den klaren, impressionistisch hingetupften Pianoklängen getragen werden, auf denen der Künstler dann seine widersprüchliche ästhetische Position zu lokalisieren versucht. PeterLicht arbeitet sich noch einmal ab am Paradox engagierter Popmusik, die sich auch verkaufen muss wie jede andere Ware und so notwendig vom System eingemeindet wird - und ihre Widerständigkeit trotzdem nicht aufgeben mag. In «Beipflichten» wird dieses Dilemma einerseits formuliert, andererseits geradezu onomatopoetisch vorgeführt. Das Lied erzählt vom «okay finden» und «supersagen», beklagt also den Verlust einer gesellschaftskritischen Opposition. Aber die harmonischen und suggestiven Register, die der Song zieht, um zu gefallen, also die vom Markt geforderte Pop-Affinität sorgt gleichzeitig dafür - auch das weiss er selbst nur zu gut -, dass die Kritik wirkungslos bleibt: «Das hier macht lalalalalala und versendet sich.» Der Song reiht sich somit selbst ein in den Chor vom allgemeinen «Beipflichten». Und das Perfide daran ist, dass er den melodisch bezwingenden Part des Stücks ausgerechnet für diese geradezu mantrahaft wiederholte Textzeile auserkoren hat. Das ist Meta-Pop erster Güte und jedenfalls grosse Kunst.
kuk. Als Königin des Gefühls, des «filin», gilt Omara Portuondo. Nach ihren Ausflügen zu Son, Guaracha und dem Buena Vista Social Club ist die Diva mit der grossen Stimme zurück zu ihrer Bestimmung gekehrt. Bei «Gracias», das zugleich auch ihr Sechzig-Jahr-Bühnenjubiläum markiert, hat die Sängerin auf gute alte Freunde wie die Revolutions-Barden Pablo Milanés und Silvio Rodríguez zurückgegriffen. Milanés ist auf «Ámame como soy» im Duett mit Omara zu hören, während Rodríguez seiner Kollegin «Rabe de nube» um die ausdrucksvolle Stimme schrieb. Mit Chucho Valdés, der kubanischen Jazz-Ikone, ist ein weiterer alter Bekannter dabei. Allerdings hat der brasilianische Produzent Alê Siqueira mit dem indischen Tabla-Spieler Trilok Gurtu und mit Landsmann Chico Buarque auch etwas Farbe ins Studio geholt. So hat der Titelsong «Gracias» eine Bossa-Note erhalten, während Gurtu in «Felicidad» für stimmige Zwischentöne sorgt. Darüber schwebt die Stimme Omara Portuondos - der grossen Dame des Gefühls. Sie klingt auch mit 78 Jahren noch deliciosa.
ok. Mit seinem sphärischen Disco-Track «I Feel Space» war der Norweger Lindstrom vor drei Jahren der Hauptverantwortliche für die Ausbreitung eines neuen Mikro-Trends in der elektronischen Tanzmusik: Cosmic Disco. Das Phänomen hält bis heute an. Cosmic Disco war von Anfang an ein Retro-Trend, der sich an mehr oder weniger obskuren Disco-Produktionen der späten siebziger und frühen achtziger Jahre orientierte. Die Blaupause lieferten Musiker wie Manuel Göttsching mit seinem Projekt Ashra oder die Gruppe Space mit ihrem Hit «Magic Fly». Neben eleganten Disco-Beats gelten Krautrock und Elektronik-Kitsch, Giorgio Moroder und Afrobeat als Eckpfeiler des opulenten Sounds, der in der elektronischen Tanzmusik als Antipode zur lange vorherrschenden Minimal-Ästhetik erscheint. Das kleiner Münchner Label Permanent Vacation hat nun mit «Space Oddities» eine hervorragende Cosmic-Disco-Compilation veröffentlicht. Versammelt sind nicht Hits wie «Magic Fly» oder «I Feel Space», sondern rare «library grooves» aus der Disco-Ära. Der Boom der Library Music fiel in die Zeit zwischen Mitte der fünfziger und Mitte der achtziger Jahre, als in Europa Tausende von Library-Platten produziert wurden. Sie waren nicht im Handel erhältlich, sondern fungierten als kostengünstige Träger von Gebrauchs- und Hintergrundmusik für Werbung, Animationsfilme oder Radio- und Fernsehprogramme. Namhafte Komponisten und Musiker (darunter Ennio Morricone und Jimmy Page) waren an Library-Produktionen beteiligt und verdienten sich hier - oftmals unter Gewährung völliger künstlerischer Freiheit - ein Zubrot. Längst sind die in Kleinstauflagen erschienenen Library-Platten zu Sammler-Objekten avanciert, viele sind seit den neunziger Jahren für den CD-Markt neu aufbereitet worden, und bei Hip-Hop- und Electronica-Produzenten werden sie als Sample-Quellen geschätzt. Prinzipiell gibt es nahezu jedes musikalische Genre, jeden Stil und Sound auch als Library-Variante, oftmals innovativer und gewagter als offizielle Veröffentlichungen. Das belegt auch «Space Oddities» mit 19 Stücken von 1975 bis 1984. «Reaching For The Infinite» von 1977 klingt wie eine Mixtur aus Detroit-Techno und Ennio Morricone, «Black Safari» aus dem gleichen Jahr huldigt elektronischen Exotika, «Flipper» klingt wie eine Art kosmischen Kraut-Reggaes mit orientalischen Anklängen. Zuhauf finden sich hier Schätze, die neue Erkenntnisse über die Geschichte der Popmusik bereitstellen.
ubs. Als der Jazz jung war, fiel es den Musikern leichter, sich gegen die Tradition zu behaupten - durch klangliche Finessen, melodische Haken, durch Frechheit im Umgang mit Harmonie oder Rhythmus definierten sie ihren unverkennbaren Ausdruck. Wenn heute indes ein Talent wie Joris Roelofs - geboren 1984 in Aix-en-Provence, derzeit wohnhaft in New York - am Jazz-Himmel aufgeht, fällt es schwer, seine künstlerische Persönlichkeit auf ein paar Eigenheiten und Neuerungen zu reduzieren. Der 24-jährige Altsaxofonist und Klarinettist, der 2005 bis 2008 im Vienna Art Orchestra spielte, besticht einerseits ja gerade durch die fröhlich-ungezwungene Art, die Jazztradition zu pflegen, durch die Leichtigkeit und Eleganz, mit der er Stile und Idole zitiert. Dabei lässt er einen an das naive Genie von Wunderkindern denken. Andrerseits zeigt sein erstes Album, «Introducing Joris Roelofs», dass er bereits über viel künstlerische Reife verfügt. In seinem Repertoire beispielsweise kombiniert er sehr geschickt Standards wie «I Fall In Love To Easily» oder «Background Music» von Warren Marsh mit Originals und neueren Kompositionen wie «Four Winds» von Dave Holland. In dieser luftigen Menufolge sorgen Gegensätze zwischen Offenheit und strikter Form, Solopassagen und üppigeren Arrangement, ternärer Coolness und binärer Heftigkeit für Spannung und dramaturgische Geschlossenheit. Sehr konzentriert begleitet und befeuert von Aaron Goldberg am Piano, Matt Penman am Kontrabass und Ari Hoenig am Schlagzeug, imponiert Roelofs solistisch schliesslich immer wieder durch klangliche Frische und eine erzählerisch anmutende Virtuosität.
fer. Schon vor zwei Jahren wurden gezielt Gerüchte gestreut, die neue Produktion von Metallica solle wieder rekurrieren auf die althergebrachte Eisenverbiegerei der Mittachtziger. Und um dies zu unterstreichen, nutzte man auch gleich den Festival-Sommer 2006 und brachte «Master Of Puppets» zum 20. Geburtstag in voller Länge und in der richtigen Reihenfolge auf die Bühne. Jetzt ist das neue Album draussen, wurde auch schon allerorts mit der üblichen militaristischen und brutalistischen Metaphorik umkränzt, aber dieses eine Mal stimmt die Fama. «Death Magnetic» ist ein Paradebeispiel gelungener Traditionspflege. Man kennt das alles nur zu gut: die intrikaten, den Takt in immer kleinere Teile verhackstückenden Riffs, die einmal mehr die symbiotische Beziehung von Rhythmusgitarre und Drums bezeugen; die kompakten, melodisch ineinandergeschobenen, sich zu symphonischen Wänden auftürmenden Akkord-Formationen; diese panisch gehetzte, an sich selbst irr werdende Leadgitarre, die sich nach ihrem Veitstanz aber auch in langen, schwebenden, berückend schönen Harmoniefolgen verlieren kann. Metallica zeigen noch einmal, wo sie herkommen. Mehr nicht. Andererseits hatte man sich in der Vergangenheit auch schon mit deutlich weniger abfinden müssen.
alz. Der ehemalige Brit-Pop-Star Damon Albarn ist vielleicht der kreativste Genre-Verräter unserer Zeit. Statt mit seiner Band Blur bis zur Rente den Gitarren-Soundtrack für Mittelschicht-Kids abzuliefern, lotet er seit einiger Zeit die Möglichkeiten einer World-Music jenseits von Ethno-Klischees aus. Nun hat Albarn ein neues Territorium für seine nomadische Neugier entdeckt. Gemeinsam mit dem Illustrator Jamie Hewlett, mit dem er auch die überaus erfolgreiche Comic-Band Gorillaz erfand, hat er die chinesische Oper «Monkey: Journey to the West» visualisiert und vertont; sie basiert auf der 500 Jahre alten Mythologie des Affenkönigs Son Wukong und wurde letztes Jahr in Manchester uraufgeführt. Das Ergebnis ist ein hybrid-hektischer Mix aus traditioneller chinesischer Harmonielehre, digitalen Computerspiel-Sounds, folkloristischen Zither-Klängen, Gorillaz-Beats, hypnotischen Pekingoper-Gesängen und bedrohlichen Bläsersätzen. Oft klingt es monumental, dann wieder verschnipselt. Natürlich darf bei Damon Albarn auch die eine oder andere raffinierte Pop-Melodie nicht fehlen. Dieser wilde Opern-Soundtrack scheint fast zu platzen vor lauter Ideen und Bezügen, wie hier musikhistorische Fundstücke ohne falsche Versöhnung zusammengeführt werden, ist im besten Sinne postmodern. Im sogenannten Westen wird das begeisterte Fans finden, auf Rückmeldungen aus Asien darf man gespannt sein.