Donnerstag, 20. November 2008, 19:46:33 Uhr, NZZ Online
cei. Frankfurt, 5. September
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich in der Finanzmarktkrise bisher achtbar geschlagen. Dabei half ihr auch das eindeutige Mandat, in der Euro-Zone für stabile Preise zu sorgen. Die «monetäre Säule» in ihrer Strategie richtet den Blick dabei auf die lange Frist. Um aus der «monetären Säule», also der Analyse der Geldmenge oder der Kreditvergabe der Banken an Firmen und Private, Signale über Inflationsrisiken abzuleiten, werden dabei kurzfristige Einflüsse herausgefiltert. Doch in der gegenwärtigen Krise sei gerade auch die Betrachtung dieser vorübergehenden Effekte wichtig, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark an einer Tagung des Center for Financial Studies der Universität Frankfurt. Denn die Analyse der Bankbilanzen habe deutlich gemacht, dass die Mittelbeschaffung der Unternehmen in der Euro-Zone nicht unter den Turbulenzen gelitten habe, von einer «Kreditklemme» könne nicht die Rede sein. Vom immer noch starken Kreditwachstum gingen demnach Gefahren für die Preisstabilität aus.
Hinter diesem Vorgehen wollte Harald Uhlig von der University of Chicago eine neue Rolle der «monetären Analyse» erkennen, nämlich die eines Instruments, mit dem man die Liquiditätslage der Banken, deren Kreditvergabe und letztlich die Finanzstabilität untersuchen könne. Uhlig und andere Wissenschafter hatten der EZB verschiedentlich vorgeschlagen, die «monetäre Analyse» in diese Richtung umzubauen, da sie daran zweifeln, dass die Geldmenge ein wertvoller Indikator für die künftige Inflation darstellt. Stark betonte jedoch, dass für die Geldpolitik die «monetäre Säule» mit ihrer langfristigen Perspektive nichts an Wichtigkeit eingebüsst habe.
Ein eiserner Grundsatz, den die EZB in der Krise verfolgt hat, ist die Trennung zwischen dem geldpolitischen Kurs und dessen Umsetzung über das Management der Liquidität. Die EZB akzeptiert 26 000 verschiedene Wertpapiere als Sicherheiten für einen Kredit, den sie einer Geschäftsbank einräumt. Ohne Risiko ist die Akzeptanz einer breiten Palette an Sicherheiten jedoch nicht. So könnten sich die Banken zu fest darauf verlassen, dass sie bei der EZB stets Notenbankgeld erhalten. Sie vernachlässigen dann ihre Rolle als Marktmacher. Dies war in letzter Zeit gerade bei mit Forderungen unterlegten Wertpapieren (Asset Backed Securities, ABS) festzustellen. Hier haben einzelne Banken, salopp formuliert, gar nicht erst versucht, ABS am Markt zu placieren, sondern diese gleich bei der EZB als Sicherheiten eingereicht, womit dieser Markt blockiert blieb. Am Donnerstag nun hat die EZB diesen Anreiz reduziert. So nimmt sie ABS als Sicherheiten nur mit einem Abschlag von 12% gegenüber dem Marktpreis entgegen. Wenn es keinen Marktpreis gibt, dann fällt auf einem theoretisch ermittelten Wert noch einmal ein Abschlag von 5% an.
Willem Buiter von der London School of Economics brachte an der Tagung die Möglichkeit ins Spiel, dass eine Notenbank insolvent werde. Er wies darauf hin, dass etwa das Euro-System der Notenbanken (inklusive EZB) bei einer Bilanzsumme von 1100 Mrd. € über ein Eigenkapital von nur 64 Mrd. € verfüge. Ausfälle auf Sicherheiten müsste die EZB allerdings nur dann befürchten, wenn gleichzeitig die Bank, welche die Sicherheiten hinterlegt hat, und der Emittent dieser Wertschriften zahlungsunfähig würden. Um dieses Risiko zu beherrschen, hat die EZB am Donnerstag zusätzliche Regeln aufgestellt, die sicherstellen sollen, dass die Bank, die eine Sicherheit hinterlegt, mit dem Emittenten dieses Wertpapiers nicht zu stark verbunden ist. Kann eine Notenbank nicht ohnehin einfach die Geldpresse anwerfen, um Löcher in ihrer Bilanz zu stopfen? Das Problem dabei ist, dass sie dann das Ziel kompromittiert, für stabile Preise zu sorgen. Eine Notenbank ist deshalb gut beraten, einen Eigenkapital-Puffer zu haben, damit sie gerade in Krisenzeiten den Banken genügend Liquidität zur Verfügung stellen kann, ohne ihr primäres Ziel zu gefährden. Hier habe er seine Meinung ändern müssen, gab EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi in der Diskussion zu. Nur in der Theorie könne eine Notenbank ohne Eigenkapital auskommen. Es sei jedenfalls falsch, dass in vielen Ländern der Staat auf eine höhere Ausschüttung der Notenbank-Gewinne und eine Verringerung des Kapitals dränge, sagte Bini Smaghi.
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