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  • 8. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Mit Plutarch in die Berge

    Mit Plutarch in die Berge

    Das 13. Internationale Literaturfestival in Leukerbad

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    Roman Bucheli

    Einmal im Jahr zieht die Karawane der Poeten in die Berge. Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie, über Ozeane und das flache Land, aus den Steppen des Ostens und den Städten des Nordens, über hundert Berge und durch enge Täler. Und wo das Auge nur noch schroffe Felsen, aber keine Wege mehr sieht, wo aus heissen Quellen der Dampf und aus Abgründen der Nebel aufsteigt, da lassen sie sich nieder und lesen sie sich vor, aus Romanen, Gedichten und Erzählungen, auf dass die Welt sich ins Wort verwandelt und dieses wiederum in vielfach aufblühende Vorstellung. Einmal im Jahr wird der Walliser Kurort Leukerbad zur Metropole der Dichtung, und es sprudeln dann nicht nur die heilenden Quellen, sondern auch jene der Imagination.

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    Literarische Kobolde

    Über zwanzig Schriftsteller (mehrheitlich Schriftstellerinnen, um genau zu sein) weilten vom vergangenen Freitag bis Sonntag in Leukerbad und mit ihnen eine Hundertschaft an literarischen Figuren, die nun als literarische Kobolde das Bergdorf für drei Tage bevölkerten. Mit drei Schutzengeln im Gepäck reiste Katharina Faber an: Ihnen wurde die delikate Aufgabe zuteil, in dem Roman «Fremde Signale» die Protagonistin heil durchs Leben zu geleiten. Jörg Steiner kam in Begleitung eines Brüderpaars, Goody Eisinger (von dem die Leute sagen, er sei ein Philosoph) und dessen Bruder, aber wenn man's genau nimmt, kam nur der Bruder, denn Goody gilt bereits auf der ersten Seite von Steiners «Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch» als verschollen. Auch Peter Waterhouse liess sich von einem Verschollenen begleiten: Sein Buch «(Krieg und Welt)» kreist mit insistierenden Sätzen (und hauptsächlich Fragen) um die Leerstelle des abwesenden Vaters.

    Anne Weber ihrerseits liess im stillgelegten Bad St. Laurent eine wunderbar versponnene Ida das Schiesspulver erfinden, aus allen Wolken fallen und einen Frauenarzt in höchste Verwunderung versetzen. Die im deutschen Sprachraum noch gänzlich unbekannte ungarische Lyrikerin Krisztina Tóth trug schwermütige Gedichte vor und zeichnete in der Erzählung «Die Landkarte der Ameisen» das hinreissende Porträt einer Grossmutter, deren Bekanntschaft ein durchaus zweifelhaftes Vergnügen bereiten müsste. In Begleitung eines verängstigten Ehepaares kam die Französin Marie NDiaye nach Leukerbad: Ihr neuster, demnächst in deutscher Übersetzung erscheinender Roman erzählt in eindringlichen Bildern von zwei Lehrern, die allmählich und immer bedrohlicher in die Enge getrieben werden.

    Einer jedoch hatte nicht nur Bücher im Gepäck und nicht nur imaginäre Begleiter im Angebot: Gerhard Rühm, der Altmeister der wortverdrehenden und silbensprühenden Wiener Gruppe, trug gemeinsam mit Monika Lichtenfeld sogenannte Sprechduette oder phonetische Melodramen vor. Die von Monika Lichtenfeld in streng rhythmisierter Form rezitierten Zeitungsmeldungen unterlegte Gerhard Rühm mit einem Klangteppich, der sich ausschliesslich aus dem Lautmaterial des vorgetragenen Textes zusammensetzte. Auf ebenso amüsante wie betörende Weise machte Rühm hörbar, wie die Sprache jenseits ihres Informationsgehaltes im Material selbst eine expressive Qualität besitzt.

    Das Zen der Reglosigkeit

    Mächtig wurde man solcherart vom Klangzauber der Sprache ergriffen, dass man noch stundenlang hätte zuhören können. Endlos lange hätte man freilich auch den beiden ungarischen Schriftstellern Péter Nádas und László Krasznahorkai zuhören mögen. Beide lasen aus Unveröffentlichtem vor und gaben dem vielfältigen Programm zwei überragende Höhepunkte: Krasznahorkai aus demnächst erscheinenden japanischen Erzählungen u. a. den Text «Kamo Jäger», der in kreisender Bewegung das Hohelied des Stillstands zelebrierte und das Zen der Reglosigkeit feierte; Nádas aus seinen «Memoiren», an denen er, wie er sagte, seit gut zwei Jahren schreibe. In der zum Abschluss des diesjährigen Literaturfestivals vorgetragenen Passage berichtet er in nüchternen, aber gerade darum nachdrücklichen Sätzen von seiner Spurensuche in dem französischen Internierungslager in Le Vernet d'Ariège, von wo zwischen 1939 und 1944 unzählige Menschen in die Vernichtungslager deportiert worden waren. Von den einstigen Gefangenen zeugt eine Sammlung von Fotografien in dem kleinen Museum, das im Ort eingerichtet worden ist. In den Gesichtern der Kinder liest nun der Besucher «die um ihre Zukunft betrogene ewige Vergangenheit».

    Wie Plutarch möchte er erzählen, sagte Péter Nádas im Gespräch: Entferntes zusammenbringen und in den verschiedenen Schicksalen die verbindenden Muster sichtbar machen. Das mag auch für Ulrich Peltzer gelten, der in seinem Romanwerk die unterschiedlichsten Menschen zusammenführt. Und so ist auch er an diesem Wochenende mit Plutarch in die Berge gegangen – und wird es künftig vielleicht häufiger tun: Denn im Rahmen des Festivals ist Ulrich Peltzer der Spycher Literaturpreis 2008 verliehen worden, der ihm während fünf Jahren ein Gastrecht in Leuk gewähren wird.


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