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  • 5. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Im Zerrspiegel

    Im Zerrspiegel

    Michael Burleigh über den Kampf zwischen Politik und Religion

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    Von Otto Kallscheuer

    Am Ende des 1200-seitigen Opus ist der Leser erschöpft und das Abendland seinem Untergange verdammt nahe. Das Szenario ist duster: Ein in den «swinging sixties» weichgespültes, kulturell relativistisch gewordenes Europa gebe sich liberalen Illusionen anheim. In den Vereinigten Staaten werde dergleichen, Gott sei Dank, von einer noch «grossen Zahl öffentlich wirksamer religiöser Intellektueller» verhindert. In Europa hingegen werde «die veröffentlichte Meinung von höhnischen Säkularisten bestimmt», welche gemeinsam mit den «neuen Atheisten» auch die Mehrzahl der liberalen Theologen eingeschüchtert hätten.

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    Hat ganz Europa aufgegeben? Nein, ein kleines katholisches Dorf, namentlich Leszek Kolakowski, Hans Maier, Joseph Ratzinger und «der bedeutende italienische Philosoph Rocco Buttiglione», stelle sich diesem Ausverkauf der europäischen Werte noch entgegen. Die liberalen Eliten aber wollten überwiegend mit der Religion nichts zu tun haben, sondern beteten «lieber ihr Mantra von <Diversität>, <Menschenrechten> und <Toleranz> herunter». Kein Wunder, dass der ehedem christliche Kontinent längst von «Eurabia» unterwandert worden ist.

    Hätte der britische Historiker Michael Burleigh seine «Geschichte des Kampfes zwischen Politik und Religion von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart» mit dieser ressentimentgeladenen Skizze der geistigen Situation der Zeit begonnen, mit der er sie im Schatten von «9/11» enden lässt – nun, dann wäre sie wohl kaum als seriöse Studie rezipiert worden. (Die Originalausgabe ist 2005 und 2006 in zwei Bänden erschienen.) Wenn man sich Burleighs Bild der Gegenwart anschaut, so ist es zwar nicht völlig falsch, sondern nur zur Karikatur verzerrt. Wieweit kann man aber einer historischen Darstellung des Verhältnisses von politischer Macht und religiöser Autorität im Westen – vom Pariser Ballhausschwur 1789 bis zum Fall der Zwillingstürme am 11. September 2001 – trauen, wenn sie mit einem solcherart kulturkämpferischen Zerrbild der Gegenwart endet?

    Gewiss, der erste Teil des Buches ist sachlicher gehalten. Wer die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts nicht kennt, findet darin eine Reihe lesbarer (wenngleich sämtlich veralteter) biografischer Miniaturen: Überlegungen etwa zum politischen Geschick eines grossen Reaktionärs wie Joseph de Maistre, zu den sozialen Phantasien von Charles Fourier und Robert Owen, zur Tragödie des Adam Mickiewicz oder zur Fortune des völkisch-protestantischen Antisemiten Paul de Lagarde. Zumeist hat Burleigh sie aus dritter Hand komponiert. Auch die These, dass der Marxismus mit seiner Utopie der Aufhebung der Entfremdung ein Drehbuch aus der biblischen Heilsgeschichte ebenso sehr bekämpfe wie imitiere, ist keine Neuheit.

    Im zweiten Teil dann, einer Geschichte des «Krieges» von Nazismus und Kommunismus wider die christliche Tradition, stösst des Katholiken Burleigh antiprotestantischer Affekt unangenehm auf: Jede Halbherzigkeit im Widerstand der – protestantischen – Bekennenden Kirche gegen die «totalitäre politische Religion» des Nationalsozialismus wird hervorgehoben; Karl Barth wird nur am Rande erwähnt. «Der Stellvertreter» hingegen, Engelspapst Pius XII., war offenbar auch noch in seinem Schweigen zum Massenmord an Europas Juden unfehlbar vom Heiligen Geist inspiriert. Nein, Burleigh hat unrecht: Die Zweifel an der Haltung der katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg lassen sich nicht allesamt auf kommunistische oder atheistische Propaganda zurückführen. Konrad Adenauer – durchaus einer von Burleighs Helden – hat sie früh und klar formuliert.

    Den Klassikern der Kritik der politischen Religion – Eric Voegelin, Jacques Maritain oder Don Luigi Sturzo – und den antitotalitären Schriften von Raymond Aron oder Hannah Arendt fügt Burleighs buntes, aber wenig präzises Panorama nichts Wesentliches hinzu. Mit dem Erforscher der Apokalypse Norman Cohn hat der Autor zwar einmal diskutiert (wie er uns wiederholt mitteilt), aber was er nun von ihm gelernt hat, bleibt unklar. Indem er alle Diagnosen zitiert und zum Potpourri verrührt, bleibt seine eigene Deutung unklar.

    Wie schade, dass ein kultivierter Historiker, der lebendig schreiben kann, sich von seinen antiliberalen Ressentiments daran hindern lässt, echte Ursachenforschung zu betreiben. Zur Urteilsbildung in der Frage des Verhältnisses von Religion und Politik, von Ersatzreligion und Ideologie, von Kirchen und Staaten trägt sein voluminöses Werk wenig bei, allenfalls altes Material.

    Michael Burleigh: Irdische Mächte, göttliches Heil. Die Geschichte des Kampfes zwischen Politik und Religion von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart. Aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber. Deutsche Verlagsanstalt, München 2008. 1280 S., Fr. 116.–.
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