Samstag, 06. September 2008, 04:05:14 Uhr, NZZ Online
Adrian Krebs
Angefangen hat es wie meistens mit einem kleinen Grüpplein von Unentwegten. Vor 24 Jahren präsentierten einige Quartierbewohner auf dem Röntgenplatz im Zürcher Kreis 5 die ersten vier Filme unter freiem Himmel. Zu den Pionierinnen gehörte die Kindergärtnerin Astrid Müller. Sie erzählt von den Anfängen: Der vorher stark befahrene Platz war gerade frisch beruhigt und man suchte nach Verwendungsmöglichkeiten für den gewonnenen Freiraum. Inspiriert von den fest installierten Freiluft-Kinos in Frankreichs Süden, begann die Handvoll Aktivisten und Aktivistinnen mit der Organisation eines Open-Air-Filmtheaters, des ältesten seiner Art, wie Müller stolz erklärt.
Auf dem Programm standen im ersten Jahr unter dem träfen Motto «Harte Männer – starke Frauen» die vier Klassiker «Casablanca», «African Queen», «Ninotschka» und «Der blaue Engel». Im Publikum sassen pro Abend um die 30 Leute, die ihre Teller selber mitbringen mussten, wenn sie etwas essen wollten. Immerhin wurde nicht nur gekocht, sondern auch ein Abwaschbecken zur Verfügung gestellt, wie sich Müller erinnert. Aus den bescheidenen Anfängen ist über die Jahre einer der vielbeachteten Fixpunkte im Kulturleben des Industriequartiers herangewachsen. Bei gutem Wetter tummeln sich mehrere hundert Personen auf dem Platz, lassen sich an der Bar unter dem fest installierten Dach und von wechselnden Caterern verpflegen – mittlerweile auch hier aus dem Wegwerfteller. Manchmal ist der Andrang so gross, dass die Sitzplätze nicht reichen. Dann kommen die Besucher statt mit zusätzlichen Tellern mit den Stühlen aus eigenen Beständen.
Während also der Andrang über die Jahre stark gewachsen ist, blieb vieles am Röntgenplatz unverändert. Das Plakat malt seit den Anfängen der Schulhausabwart Hansi Mörgeli, und vor dem Hauptfilm gibt es immer einen Trickfilm für die Kinderschar, die im Übrigen auf dem Platz herumwuselt und davon profitiert, dass die Erziehungsbeauftragten mit der Pflege von Sozialkontakten und Filmschauen beschäftigt sind. Dann folgt der Hauptfilm und in der Pause die Kollekte. Der Eintritt ist frei, und der organisierende Verein lebt von den freiwilligen Beiträgen und den Bareinnahmen. Das fällt nicht immer gleich leicht: Wenn es regnet oder Orkan-ähnliche Winde durch die Gassen fegen, gibt es auf dem Platz manchmal mehr Helfer als Zuschauer. Das schlägt sich dann deutlicher als anderswo in der Kasse nieder, weil die Organisatoren auf dem Röntgenplatz – ein angenehmer Kontrast zum derzeitigen Grossanlass – auf Sponsoren, Werbung und Unterstützung der öffentlichen Hand verzichten. Trotzdem nagt man nicht am Hungertuch, und es reicht manchmal sogar für eine caritative Geste gegenüber der Stadt: «Ab und zu schenkt der Verein dem Röntgenplatz neue Tische und Bänke», sagt Müller.
Wie eh und je gibt es auch heuer ein Motto. Es heisst «Abhauen», und im Programm stehen Gefängnisfilme der verschiedensten Art («Chicken Run», «Down by Law», «A Perfect World» und «Raising Arizona»). Frühere Schwerpunkte hiessen «Taxi», «Krimi» oder «Schräge Vögel». Meistens entspringt das gewählte Thema den Vorlieben einer Mehrheit des Vereinsvorstands, nur zweimal war es durch äussere Einflüsse bestimmt. Als die SBB Ende der neunziger Jahre den altehrwürdigen Wipkinger Viadukt zur Betonbrücke ausbauen wollten, war der Protest im Quartier heftig und das Motto folgerichtig «Widerstand». Drei Jahre später dann, als die SBB ihre Pläne abgeändert und das Zürcher Volk dem Tunnel nach Oerlikon zugestimmt hatte, feierte man den Erfolg mit dem Motto «Untendurch» und Filmen wie «Subway» und «Das Leben ist eine Baustelle».
Auch der Kreis 5 ist seit langem eine Baustelle. Während trendige Klubs und Events kommen und gehen, bleibt das Röntgenplatz-Kino den eigenen Grundsätzen treu und offen für alle, wie Müller betont: «Bei uns hat es Platz für Dünne, Dicke, Alte, Junge, Coole und Uncoole.» Gleichzeitig relativiert sie den einzigen Superlativ «das Älteste», mit dem sich das Röntgenplatz-Kino schmückt. Mit einem Augenzwinkern gibt sie zu, dass das Freiluftkino in der Roten Fabrik wohl noch ein Jahr älter sei. Immerhin sei es aber gelungen, den Operateur Hans X. Hagen von der Fabrik auch an den Röntgenplatz zu locken.
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