Mittwoch, 08. Oktober 2008, 03:32:38 Uhr, NZZ Online
Jürgen Kasten
Fritz Langs «Metropolis» (gedreht 1925/26, geschnitten und uraufgeführt 1927) gilt in mehrfacher Hinsicht als Meilenstein. Der Film wurde in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Er ist das wahrscheinlich am häufigsten zitierte, beschriebene und analysierte Werk der Filmgeschichte. Er trug mit Produktionskosten von umgerechnet mehr als 8 Millionen Euro (was heute etwa 150 Millionen Euro ausmachen würde) dazu bei, dass der grösste europäische Filmkonzern, die Ufa, an den Rand der Insolvenz geriet. Bis vor kurzem hat «Metropolis» auch die Filmhistoriker an den Rand ihrer Möglichkeiten gebracht. Denn alles, was von dem Film zirkulierte, waren gekürzte Versionen.
Jahrzehntelang hat der Münchner Filmhistoriker Enno Patalas sich darum bemüht, neu entdeckte Schnipsel des Films zusammenzutragen, mit dem Ziel, sich der Uraufführungsfassung anzunähern. 2001 tauchte dann das Kameranegativ der amerikanischen Exportfassung in sehr guter Bildqualität auf. In einem überaus aufwendigen, mehr als 1 Million Euro verschlingenden DVD-Editionsprojekt entstand auf dieser Grundlage eine Studienfassung, in der alle bis dahin bekannten Versionen ausgewertet und zusammengeführt wurden. Trotzdem blieb eine Lücke von etwa 30 Minuten. Dieses Material galt als für immer verlorenen.
Die 2005 veröffentlichte Studienfassung des Films nahm angesichts der interaktiven Möglichkeiten des neuen digitalen Mediums einen interessanten editionsphilologischen Eingriff vor. Sie markierte die fehlenden Szenen durch Graufilm. Da das Drehbuch, die Originalmusik, viele Werkfotos und Architekturentwürfe erhalten sind, konnten die Lücken sehr genau beschrieben und zum Teil ausgefüllt werden. Das narrative Gerüst, die Zwischentitel und die Bildabfolge des Films waren damit gesichert. Allerdings fehlten die konkreten Bilder der verschollenen Sequenzen. Nun sind sie wie durch ein Wunder doch noch aufgetaucht.
Unlängst fand man in einem kleinen Filmmuseum in Buenos Aires die fehlenden Teile, nach denen die Filmhistoriker so sehnsüchtig gesucht hatten. Gefahndet hatten die deutschen Filmarchivare wohl vor allem nach 35-mm-Material. In Buenos Aires aber lagerte eine 16-mm-Kopie, die ungefähr an die mit 4186 Metern überlange deutsche Premierenfassung heranreicht. Bis in die sechziger Jahre lief «Metropolis» in Argentinien in der ursprünglichen, von Fritz Lang editierten Fassung. Dass Südamerika immer für einen Fund verschollener Stummfilmschätze gut ist, war nicht unbekannt; Brasilien, Argentinien und Uruguay waren in den zwanziger Jahren wichtige Exportmärkte deutscher Filme. 1990 wurden hier bereits die bis dato verloren geglaubten Fritz-Lang-Filme «Kämpfende Herzen» und «Das wandernde Bild» (1920) gefunden.
Was den Fund der fehlenden «Metropolis»-Szenen nun so sensationell macht, ist wohl vor allem die Gewissheit, welche über eine Bildgestalt erlangt wird, über die lange nur geraunt wurde. Was die Cutter von MGM 1927 herausgeschnitten hatten, waren allerdings vor allem Nebenhandlungsstränge. Der Sekretär des jugendlichen Helden bekommt nun mehr Profil; ebenso ein Arbeiter, der als Doppelgänger des Milliardärssohnes fungiert und der von einem Agenten des futuristischen Stadtpatriarchen überwacht wird. Das war bisher zwar aus dem Drehbuch bekannt, aber im Film nur rudimentär zu sehen. Es zeigt Langs Verliebtheit in bis zur Unübersichtlichkeit und Paranoia sich verzweigende Nebenhandlungen. Wichtiger sind zwei andere Teile des aufgefundenen Materials. Zum einen werden die Vorgeschichte und damit Neurosen und der Narzissmus des Milliardärs und seines Nebenbuhlers, des Erfinders Rotwang, nachvollziehbar, die einst beide dieselbe Frau liebten. Zum anderen ist die visuelle Spannungssteigerung Langs in der Überflutung der Unterstadt und der Bedrohung der dort lebenden Kinder nun umfassender und dynamischer.
Was im Bestreben nach Werkvollständigkeit leicht vergessen wird, ist, dass es von einem Film eigentlich gar kein Unikat gibt. Es existieren meist Exportfassungen und darüber hinaus Hunderte von Kopien, aus denen sich bald auch Versionen mit unterschiedlichen Filmlängen entwickeln. Die Berliner Premierenfassung von «Metropolis» etwa haben nur ungefähr 15 000 Zuschauer (ausserhalb Argentiniens) gesehen. Nach wenigen Wochen wurde sie analog zur amerikanischen Exportversion auf 3240 Meter umgeschnitten. Die gekürzten Fassungen gingen um die Welt und waren letztlich für den Ruhm des Films verantwortlich. «Metropolis» hatte schon länger einen Teil seines fast mythischen Rufes nicht nur aus der Bildkraft des überlieferten Films, sondern auch aus seiner Unvollständigkeit bezogen. Die ist jetzt weitgehend dahin. Der Film hat sich nun auch in seiner Überlänge zu bewähren.
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