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  • 3. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Von der Mühsal des Gangstertums

    Von der Mühsal des Gangstertums

    «J'ai toujours rêvé d'être un gangster» – Samuel Benchetrits nonchalante Hommage

    Edourad Baer als phänomenal apathischer Kleinkrimineller. Edourad Baer als phänomenal apathischer Kleinkrimineller. (Bild: PD)
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    Thomas Binotto

    Wenn es nach den Konventionen des Kinos geht, darf es das perfekte Verbrechen nicht geben. Falls der Regelverstoss dennoch gestattet wird, dann aufgrund einer höheren Moral, eines grösseren Gelächters oder eines tieferen Tabubruchs. Aber gerade diese sind nur möglich, solange die Grundregel unbestritten bleibt. Diese Frage nach der Moralität des Verbrechens überdeckt allerdings ein viel grundlegenderes Problem, denn jedes Verbrechen, ob nun perfekt oder nicht, muss zunächst einmal verübt werden.

    «J'ai toujours rêvé d'être un gangster» erzählt exakt von dieser Mühsal, von der schwierigen Realisation eines Wunschtraums, der ersten Hürde, an der schon die meisten von uns kläglich scheitern. Wie raubt man eine Raststätte ohne Pistole aus, mit einer Maske über dem Kopf, die den Durchblick verhindert, und einer Bedienung, von der man geflissentlich übersehen wird? Wie weiter, wenn man nach dem ersten Kidnapping anstatt etwas Kleingeld in der Tasche ein Mädchen am Hals hat, das den eigenen Vater hasst und lieber heute als morgen tot ist? Wie rächt man sich an einem grosskotzigen Starsänger, der einem vor Jahren den einzigen brauchbaren Song und die Muse geklaut hat? Und welcher Instant-Coup bietet sich an, wenn fünf alternde Gangster feststellen müssen, dass aus ihrer einstigen Räuberhöhle eine ordinäre Raststätte geworden ist?

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    Für sich genommen bereiten alle vier Episoden ungeteiltes Vergnügen. Edouard Baer ist urkomisch, wenn er mit aufreizender Apathie eine leere Kasse anvisiert und dazu noch von Anna Mouglalis geschubst werden muss, obwohl er diese doch eigentlich bedrohen sollte. Sie steht ihm mit perfektem Service zu Diensten, weil sie spürt, dass hier einer Nachhilfe braucht.

    Leon (Bouli Lanners) und Paul (Serge Larivière) stolpern genauso verloren als Anfänger-Kidnapper durch die Szene. Tollpatschig versuchen sie es mit «learning by doing» und liegen sich permanent darüber in den Haaren, wer von ihnen als Verbrecher weniger taugt. Auch in ihrem Fall erweist sich das vermeintliche Opfer als lebenstauglicher – und Malaury (Selma El Mouissi) ist, immerhin, suizidgefährdet.

    In der dritten Episode spielen sich die beiden Sänger Alain Bashung und Arno gleich selbst: Sie begegnen sich auf der Toilette als abgetakelter Erfolgloser und als abgetakelter Star. Sie lügen und bluffen, als wäre Klassentreffen. Wenn schliesslich der Loser dem Winner die Aktentasche mit all seinen brandneuen Hits klaut, dürfte er diesen um einigen musikalischen Schrott erleichtert haben.

    In der letzten Episode schliesslich entführen vier alternde Kleinganoven, darunter Jean Rochefort, ihren Kumpel aus dem Spital, weil der sich doch immer gewünscht hat, in freier Wildbahn zu sterben, am liebsten auf der Flucht, im verrauchten Versteck von einst. Aber die guten alten Zeiten sind vorbei. Der Schlupfwinkel ist jetzt eine Raststätte, und wo einst eine Bank zur delinquenten Selbstverwirklichung einlud, macht nun McDonald's das schnelle Geschäft. Was den Pensionisten an Nervenkitzel bleibt, ist die spontane Wette, ob es einem apathischen Gauner ohne Waffe gelingen wird, eine Raststätte zu überfallen.

    Samuel Benchetrit hat im alten Academy-Format gedreht, schwarzweiss und mit minimalem Budget. Eine lakonische Hommage an das Kino der fünfziger Jahre, an Vittorio De Sica und Charles Chaplin. De Sica, Chaplin, hoffnungslos unbegabte Gangster und melancholische Stehaufmännchen – das ist eine Kombination, die einleuchtet. Allerdings geht bei der Fingerübung vergessen, dass De Sica und Chaplin auch Perfektionisten waren, die für ihre leichthändige Tragikomik hart geschuftet haben.

    Die Episoden sind für sich genommen gelungen, teilweise sogar Kabinettstücke, aber aneinandergereiht ergeben sie keinen Film, der über knapp zwei Stunden trägt. Sie sind sich in Tonlage und Dramaturgie so ähnlich, dass sich ausgerechnet das einstellt, was ein Episodenfilm eigentlich vermeiden will: Einförmigkeit und Redundanz.

    Als nonchalanter Gangsterfilm ohne Gewalt und Glamour ist «J'ai toujours rêvé d'être un gangster» dennoch reizvoll. Aber auch eine etwas gar ambitionslose Charme-Attacke, so dass sich zum entspannten Schmunzeln allmählich schläfrige Entspanntheit gesellt.

     

    Kino Arthouse Movie in Zürich.
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