Viviane Reding, EU-Kommissarin für Telekommunikation und Medien in Brüssel, hegt keine Bedenken, dass Hollywood im Zuge der Digitalisierung seine weltweite Vormachtstellung auf dem Kinomarkt noch weiter ausbaut.
Interview: Birgit Heidsieck
Die Einführung des digitalen Kinos wird von den Hollywoodstudios forciert. Ist dadurch eine Marktverschiebung zuungunsten des europäischen Kinos zu befürchten?
Viviane Reding: Das glaube ich nicht. Die Kinobesucherzahlen der letzten Jahre zeigen, dass der Marktanteil des amerikanischen Kinos in den vergangenen Jahren um zehn Prozent gesunken ist, während der europäische Film zugelegt hat. Das wird sich auch nicht durch die Digitalisierung ändern. Die Digitalisierung ist eine Frage des Übergangs und eine Frage der Zeit, aber nicht des Inhalts.
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Ist die Digitalisierung ein System, das nicht im Widerspruch zur europäischen Kultur und Vielfalt steht?
Diese Diskussion stellt sich überhaupt nicht. Wir gehen von dem Analogen auf das Digitale über, und zwar nicht nur im Kino, sondern auch beim Radio und Fernsehen. Das wird Neuerungen mit sich bringen, aber das ist nicht der Untergang des Abendlandes. Es wird ein anderes Abendland sein, weil eine neue Technologie die alte ablöst.
«Digitalisierung vergrössert die kulturelle Vielfalt.»
Diese neue Technologie eröffnet für die Kinos die Möglichkeit, alternativen Content wie Opern, Konzerte oder Sportveranstaltungen zu übertragen. Wird das Kino nicht verwässert, wenn es künftig als eine Multimediaplattform für verschiedene Spartenkanäle fungiert?
Durch die Digitalisierung eröffnen sich neue Wege für den Kulturgenuss und den Zugang zur Kultur. Die neuen Technologien erlauben uns, eine Filmpremiere in Paris gleichzeitig in einer Kleinstadt in Deutschland oder Grossbritannien mitzuerleben. Ich betrachte das als einen grossen Vorteil, denn die Digitalisierung wird uns einen sehr einfachen Zugang zu diesen Filmen ermöglichen. Das ist eine Chance für die kulturelle Vielfalt in Europa.
Sehen Sie durch die Digitalisierung nicht die Gefahr einer Monopolisierung, welche die kulturelle Vielfalt gefährdet, wenn noch alle Kinos zur gleichen Zeit die grossen amerikanischen Blockbuster spielen? Darf diese Entwicklung dem freien Markt überlassen bleiben, oder muss es im Kinobereich eine europäische Kontingentierung geben wie die Quoten im Fernsehsektor?
Die grösseren Verleiher sehen diese Problematik genau umgekehrt, denn es gibt nicht genügend Leinwände, die zur Verfügung stehen. Wir brauchen deshalb mehr Multiplexe, die neben dem Blockbuster auch den Nischenfilm anbieten. Ich höre immer wieder von Studenten in den verschiedenen Mitgliedsstaaten, dass sie gerne bestimmte Filme sehen möchten, die nicht in den Kinos gespielt werden. Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung zu einer grösseren kulturellen Vielfalt in der europäischen Filmlandschaft und einem besseren Zugang der Zuschauer zu diesen Filmen beitragen wird.
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