Donnerstag, 20. November 2008, 16:16:38 Uhr, NZZ Online
cae. Interlaken, 5. September
Am zweiten Tag des Bürgenstock-Meetings hat ein Diskussions-Panel über die Future-Märkte für Rohwaren die Aufmerksamkeit vieler Teilnehmer auf sich gezogen. Seit dem rasanten Anstieg vieler Rohwarenpreise, seit der Erdölpreishausse und der Explosion der Notierungen vieler Grundnahrungsmittel ist eine hitzige Diskussion darüber im Gange, inwiefern die Spekulation an den Future-Märkten für etwaige Preisübertreibungen verantwortlich sein könnte.
Zwei hochrangige Vertreter von staatlichen Aufsichtsgremien haben sich mit ihrer Teilnahme an der Podiumsdiskussion sozusagen in die Höhle des Löwen begeben, denn das Publikum des Bürgenstock-Meetings bestand typischerweise vorwiegend aus Vertretern der Derivate-Branche. Dass es sich bei den beiden Kommissären zudem um einen indischen und einen amerikanischen handelte, machte die Ausgangslage nur noch spannender. Die Vereinigten Staaten betreiben seit Monaten eine Art verbale Hetzkampagne gegen die Spekulanten an den Futures-Märkten, und die indische Regierung hat unlängst den Futures-Handel von einigen Agrarprodukten eingeschränkt. Wenig verwundert es da, dass die Positionen der Diskussionsteilnehmer sehr unterschiedlich waren und der Austausch mit dem Publikum mitunter recht emotional wurde.
Die Behördenvertreter nahmen die Position ein, dass exzessive Spekulationen zu Preisverzerrungen führen, die bei lebensnotwendigen Gütern wie Nahrungsmitteln das Einschreiten der Behörden rechtfertigen würden. Zwar räumten sie ein, dass die Definition von «exzessiv» schwierig sei und dass bei Preisverzerrungen nicht klar sei, wer diese beheben sollte. Die Repliken der auf dem Podium anwesenden Börsenvertreter kamen postwendend: Die Untersuchungskommission, die beispielsweise in Indien den Einfluss der Futures-Märkte auf die Rohwarenpreise untersucht habe, habe keine Verbindung zwischen Spekulation und hohen Preisen nachweisen können. Trotzdem habe die Regierung den Future-Handel gedrosselt. Nicht die Derivate-Märkte, sondern protektionistisches Verhalten der Regierungen sei für die Hausse verantwortlich. Das wahre Übel sei nicht der Derivate-Markt, sondern die Ignoranz der Politiker, die selbst das Spiel zwischen Angebot und Nachfrage nicht verstünden.
Die Emotionen gingen gänzlich hoch, als eine Stimme aus dem Publikum die Anwesenden an ihre moralische Pflicht erinnern wollte, die Spekulanten daran zu hindern, arme Menschen in den Hungertod zu treiben. Die Frage des Moderators «Sind Sie von Greenpeace?» brachte ihm zwar einige Lacher ein, half aber kaum, den Graben zwischen den beiden Lagern zu überwinden. Immerhin schien zum Schluss der Debatte ein gewisser Konsens darüber zu bestehen, dass Aufklärung über die Derivate-Märkte das beste Mittel gegen Missverständnisse und Überregulierung sei.
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