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  • 4. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Liegt für die Kinobranche die Zukunft in der dritten Dimension?

    Liegt für die Kinobranche die Zukunft in der dritten Dimension?

    Das 3-D-Kino kämpft trotz langer Tradition noch immer mit vielen ungelösten technischen Problemen

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    Albrecht Gasteiner

    Der Kinobranche geht es nicht gut. In Schweizer Kinos wurden 2007 gegenüber dem Vorjahr knapp 16 Prozent weniger Eintrittskarten verkauft; ein Rückgang, nach dessen Grund man nicht lange zu suchen braucht: Immer mehr Menschen kaufen sich für ihr Wohnzimmer grosse Flachbildschirme oder lichtstarke Videoprojektoren. Mit High Definition und Surroundsound holen sie sich das Kinoerlebnis in ihre eigenen vier Wände. Wenn man diese Leute wieder ins Kino locken will, muss man ihnen dort etwas bieten, das sie zu Hause nicht haben. Das könnte 3-D sein, stereoskopische Bilder, die einen dreidimensionalen Eindruck erzeugen.

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    Jodeln in 3-D

    Einen Innovationspreis hat diese Idee nun allerdings nicht verdient. Kaum hatten die Bilder laufen gelernt, regte sich auch schon der Wunsch, sie dreidimensional wirken zu lassen. Schon 1903 experimentierten die Brüder Lumière mit Stereofilmen, und bereits 1922 kam mit «The Power of Love» der erste 3-D-Spielfilm in die Kinos. Als das aufkommende Fernsehen begann, Zuschauer aus den Kinos abzuziehen, drehte Alfred Hitchcock 1954 «Bei Anruf Mord» in dieser Technik, und 1972 gab es mit «Liebe in drei Dimensionen» einen Lederhosen-, Sex- und Jodelfilm mit der «Ulknudel» Ingrid Steeger.

    Dass all diese Anläufe keinen dauerhaften Erfolg gebracht haben, schiebt man gerne auf die Unvollkommenheiten der Filmtechnik. In der Tat war es lange Zeit äusserst schwierig, zwei unförmige Filmkameras auf Augenabstand zu bringen und zu synchronisieren. Vor allem aber war es nicht leicht, die Grundvoraussetzung für das Erzielen eines räumlichen Bildeindrucks zu erfüllen: Das von der linken Kamera aufgenommene Bild durfte nur das linke Auge des Zuschauers erreichen, das Bild der Kamera rechts nur das rechte. Um diese «Kanaltrennung» zu ermöglichen, färbte man den einen Bildstreifen rot ein, den anderen in der Komplementärfarbe grün. Diese beiden Bilder wurden übereinander projiziert, und beim Zuschauer sorgte eine mit den entsprechenden Farbfiltern versehene Kartonbrille dafür, dass das eine Auge nur das rote Bild erkennen konnte, das andere nur das grüne. Im Gehirn addierten sich diese beiden Informationen, wenn alles klappte, zu einem dreidimensionalen, allerdings schwarzweissen Bild.

    Wie stellt man aber heute sicher, dass die eine Information wirklich nur das linke Auge erreicht und die andere ausschliesslich das rechte? In Wohnräumen und für nur einen einzigen Zuschauer funktioniert das mittlerweile sogar ohne die lästige Brille. Man benützt hier LCD-Bildschirme, denen man ein kompliziertes System von Mikrolinsen aufgesetzt hat. Diese leiten das eine Bild eine Kleinigkeit nach links und das andere ein wenig nach rechts, so dass die beiden Augen jeweils nur eines von beiden zu sehen bekommen. Das funktioniert nicht viel anders als bei den dreidimensionalen Kitschpostkarten aus Lourdes oder Pisa. Damit der 3-D-Effekt nicht verloren geht, muss man aber einen bestimmten Abstand vom Bildschirm einhalten und seinen Kopf dabei völlig ruhig halten. Keine vergnüglichen Aussichten auf einen gemütlichen Fernsehabend.

    Zum Greifen nah

    Bei Projektion im Kino (oder Heimkino) behält der Zuschauer zwar seine Bewegungsfreiheit, dafür wird er allerdings gezwungen, eine klobige Brille zu tragen. Je nach verwendetem System wird hier entweder mit für links und rechts unterschiedlich polarisiertem Licht gearbeitet, oder aber die beiden Bilder werden jeweils abwechselnd projiziert, und entsprechend öffnen und schliessen sich damit synchronisierte LCD-Scheiben in den Brillen. Auf diese Weise kann man nun zwar das volle Farbspektrum zeigen, doch als wohnzimmertauglich können diese unförmigen Brillen nicht gelten. Sie bleiben speziellen Kinos vorbehalten, die sich von dieser Neuerung sehnlichst neues Besucherinteresse und einen Ausweg aus der Flaute versprechen. Die Hoffnungen sind gross: Mittlerweile sind etwa 30 neue 3-D-Produktionen angekündigt, und bis Ende 2008 wollen sich weltweit 3000 Kinos für digitale 3-D-Projektion ausgerüstet haben. Dort kann man staunenswerte Bildeindrücke erleben: Die Leinwand wird als Projektionsfläche nicht mehr wahrgenommen, Gegenstände scheinen irgendwo davor oder dahinter frei im Raum zu schweben, oft gar zum Greifen nah.

    Nebenwirkungen

    Ein faszinierender Eindruck – und zugleich ein ernstes, wenn auch weithin unbekanntes Problem: Denn wenn man einen Gegenstand nah vor sich oder auch sehr weit entfernt zu sehen meint, fokussiert sich der Sehapparat auf diese vermeintliche Entfernung. Im 3-D-Kino erzeugt er dadurch allerdings ein unscharfes Bild, weil sich alles ja in Tat und Wahrheit in derselben Entfernung abspielt, nämlich auf der Leinwand. Auf diese widernatürliche Diskrepanz zwischen empfundener und tatsächlicher Entfernung ist das Gehirn nicht vorbereitet. Eine Verunsicherung, auf die der Körper mit Kopfschmerzen, Schwindelgefühl oder Übelkeit reagieren kann.

    Der Autor leitet den firmenneutralen Informationsdienst www.hdtv-forum.ch.
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