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  • 4. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Licht und Schatten

    Licht und Schatten

    Die Digitalisierung der Schweizer Kinos kommt nur langsam voran

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    Die Digitalisierung des Kinos hat das Potenzial, die Filmwirtschaft grundlegend zu verändern. Neben Risiken gibt es auch Chancen. Die meisten Schweizer Kinos verharren noch in Wartestellung.

    S. B. Lautsprecherboxen, Farbfilmprojektoren, Breitleinwand – es hat in den Kinosälen im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts immer wieder Gründe gegeben, die Handwerker kommen zu lassen. Doch jetzt steht ein Grossumbau an: In den Projektionskabinen sollen Millionen von kleinen Spiegelchen placiert werden, jedes kleiner als ein Menschenhaar. Sie können sich mehrere tausend Mal pro Sekunde bewegen und rote, grüne und blaue Anteile einer Lichtquelle durch ein Linsensystem auf die Leinwand werfen. Manchmal lenken sie das Licht von der Leinwand weg; es wird dunkel.

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    Die Spiegelchen sind zentraler Bestandteil eines elektromechanischen Bauteils, das die amerikanische Halbleiterfirma Texas Instruments (TI) in den siebziger und achtziger Jahre entwickelt und 1996 unter dem Namen Digital Light Processing (DLP) auf den Markt gebracht hat. Alle wichtigen Hersteller von digitalen Kinoprojektoren – Barco, Christie und NEC – verwenden die DLP-Bausteine von TI; diese Mikrospiegelarrays sind der Kern des digitalen Kinos. Für die einen ist das ein Herz der Finsternis, die Verdunkelung der Kinokultur, andere sehen hier einen Sonnenaufgang.

    Den Zuschauern wird mit der Digitaltechnik eine bessere Bildqualität versprochen, den Kinobesitzern eine grössere Flexibilität bei der Programmierung, den Verleihern Einsparungen durch den Wegfall von Kopier- und Versandkosten, den Filmproduzenten einen erleichterten Zugang zum Massenpublikum. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Die Zuschauer, so monieren kritische Stimmen, bemerkten die Qualitätsverbesserung gar nicht, weil sie ja nie alte und neue Technik nebeneinander sähen; die grössere Flexibilität nütze den Kinobesitzern wenig, es sei nicht möglich, mit Live-Übertragungen von Opern oder Fussballspielen die Säle in Randstunden besser zu nutzen; die Verleiher müssten befürchten, dass Filme, die sich nicht sofort als populär erweisen, rasch aus dem Programm genommen würden, weil es für die Besitzer eines digitalen Kinos einfach möglich sei, kurzfristig Ersatz zu finden; auch müssten die Verleiher zusätzliche Kosten in Kauf nehmen, solange digitales Kino parallel zum herkömmlichen Geschäft betrieben werde; die Filmproduzenten müssten sich nun vermehrt gegen Raubkopierer zur Wehr setzen.

    Niemand zweifelt daran, dass sich die Digitaltechnik dereinst durchsetzen wird, die Frage ist wann. Derzeit sieht es so aus, als ob sich dieser Übergang in die Länge ziehe. In den USA und in Grossbritannien – Ländern, die als Avantgarde des digitalen Kinos gelten – sind erst 10 Prozent der Kinos für die digitale Projektion vorbereitet. Weltweit sind laut Angaben der britischen Marktforschungsfirma Screendigest nur 5,5 Prozent aller Kinosäle auf Digitaltechnik umgerüstet. Die Firma schätzt, dass sich dieser Anteil bis 2010 auf 30 Prozent erhöhen wird. Laut Zahlen von Procinema, dem Schweizerischen Verband für Kino und Filmverleih, gab es in der Schweiz Ende 2007 313 Kinos mit 556 Leinwänden. Doch nur gerade 12 Leinwände wurden digital erleuchtet.

    Interessanterweise sind es in der Schweiz nicht die grossen Kinounternehmer der Grossstädte, die sich für Digitaltechnik starkmachen, sondern eher kleine kleinstädtische Unternehmen. Sie hatten unter der Konkurrenz der zentral gelegenen Premierekinos zu leiden; dank der digitalen Projektion gewinnen sie nun überregionales Profil. Doch es wird auch Verlierer geben; als Folge der Digitalisierung werden wohl auch Säle geschlossen werden müssen, weil sie zu wenig Umsatz generieren. René Gerber, Geschäftsleiter von Procinema, schätzt, dass es in der Schweiz 150 bis 200 Säle gibt, für die eine Digitalisierung betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll ist. «Wenn im schlimmsten Fall – bei den aktuellen Investitionskosten – 20 bis 30 Prozent der Säle geschlossen werden müssen beim Umstieg auf die digitale Projektion, dann wäre die kulturelle Vielfalt gefährdet.»

    Experten schätzen, dass die Umrüstung eines Saales 90 000 bis 130 000 Franken kostet. Es gibt keine Anzeichen, dass diese Kosten rasch sinken werden. «Die Systeme werden leistungsfähiger, aber nicht billiger», sagt Patrik Engler, Geschäftsführer der Protronic AG. Die auf Kinotechnik spezialisierte Firma aus Birsfelden hat laut eigenen Angaben 8 der 12 bereits digitalisierten Kinosäle in der Schweiz eingerichtet. Engler erwartet noch im laufenden Jahr einen Digitalisierungsschub. Er sei mit mehreren Kinobetreibern in Verhandlung, es stünden einige grössere Projekte vor Vertragsabschluss. «Es wird noch in diesem Jahr einen heftigen Rutsch geben.» In Zusammenarbeit mit der belgischen Firma XDC offeriert Protronic Lösungen, die geleast werden können.

    Die technischen Grundlagen des digitalen Kinos – dokumentiert in den Standards der Digital Cinema Initiative – sind schon seit Jahren stabil, die Neuerungen der jüngsten Vergangenheit beziehen sich auf das «financial engineering»: Die Kopie eines herkömmlichen 35-Millimeter-Films kostet rund 1500 Franken; indem die Verleiher bei digitalen Kopien, die ja eigentlich nichts kosten, eine Virtual Print Fee (VPF) entrichten, kommt Geld zusammen, mit dem die Digitalisierung gefördert werden kann. In verschiedenen Ländern wurden schon solche VPF-Fonds eingerichtet. Auch in der Schweiz gibt es Diskussionen, wie die öffentliche Hand oder Branchenverbände den einzelnen Kinobetreiber beim Umbau der Projektionskabine finanziell unterstützen könnten. Die Vielgestaltigkeit der hiesigen Kinokultur erschwert allerdings grossflächige Lösungen.


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