Samstag, 06. September 2008, 04:11:10 Uhr, NZZ Online
Christoph Egger
Ein biederer Posthalter in der sonnigen Provence versucht, unter der Fuchtel seiner Frau, einen Posten an der noch sonnigeren Côte d'Azur zu ergattern, wobei er vor verzweifelten Betrugsmanövern nicht zurückschreckt. Überführt, wird er strafversetzt: in einen Norden, der als Gerücht von Kälte und sozialer Verelendung nur schon die blosse Vorstellung erstarren lässt. Dort angelangt, knapp südlich des Nordpols und unweit von Lille, bewahrheiten sich zunächst die schlimmsten Befürchtungen, um sich absehbar schnell in ihr Gegenteil zu verkehren. Dem Postmeister wäre es so wohl in seiner Haut wie noch nie, hätte nicht seine Frau das Bedürfnis, ihrem Helden in der kalten Ferne beizustehen. Eine Vergrämungsaktion führt zwar zum Erfolg, zeitigt aber Nebeneffekte, die repariert werden müssen, bis nach einigem Hin und Her alles in Butter ist. Wenn Philippe, so heisst unser Pöstler, «zwei Jahre später» an die Traumdestination Porquerolles versetzt wird, kommt dies beinah einer Strafe gleich.
«Bienvenue chez les Ch'tis», das ist – an der Kinokasse – eine in den Annalen Frankreichs beispiellose Erfolgsgeschichte. Am 20. Februar in der Region Nord-Pas-de-Calais angelaufen, verzeichnet der Film bereits am ersten Tag über 67 000 Eintritte. Nach einer Woche sind es 555 000, nach zwei Wochen – jetzt ist der Rest Frankreichs mit 788 Leinwänden dazugekommen – 5 Millionen, nach drei 8,95 Millionen, nach einem Monat 12,59 Millionen. Nach sieben Wochen sind 17,65 Millionen Eintritte erreicht, womit der bisherige Spitzenreiter, «La grande vadrouille» (1966) mit Bourvil und Louis de Funès, bereits deutlich überholt ist (NZZ 8. 4. 2008). Die Marke von 20 Millionen Eintritten, die seither nur noch unwesentlich zugelegt haben, ist Mitte Mai erreicht. Mitte Juni ist der Film in der Romandie bei 375 000 Eintritten angelangt.
Was ist es, das im ganzen frankophonen Raum zu diesem Kinobesuchertaumel geführt hat? Die Inszenierung? Der Dialog? Die Geschichte? Der Film hat sich das Etikett «Komödie» unübersehbar aufgeklebt: in der ersten Hälfte von einigen hübschen Einfällen beglaubigt, in der zweiten zunehmend plump und repetitiv. Gelungen ist, wie der scheinbar gelähmte Philippe (Kad Merad) selbstvergessen aus seinem Rollstuhl aufspringt, um den eben besänftigten misstrauischen Inspektor zu verabschieden. Hübsch ist, wie er auf der Autobahn dahinschleicht, fast schon gebüsst wegen langsamen Fahrens, bis der Gendarme seine Destination («le Nord!») erfährt und ihn voller Mitgefühl verabschiedet. Auch der running gag, dass ihn in der Folge immer derselbe Polizist aus unterschiedlichen Gründen anhalten – und büssen! – wird, funktioniert. Desgleichen die Regenwand, die nach einer halben Stunde seinen Eintritt in die Region Nord-Pas-de-Calais begrüsst.
Oder sind es die Grimassen und Faxen aus dem Repertoire der Populärkomik zur Ironisierung von Angst, Entsetzen und abgrundtiefer Verzweiflung, die weiterhin wirksam sind? Trägt zum Erfolg vielleicht gerade bei, dass der französische Komiker Dany Boon in seiner zweiten Filmregie bei der Dosierung der Effekte zunehmend dick aufträgt? Für den absolut phänomenalen Erfolg dieses Films kann dies freilich ebenso wenig eine Erklärung sein wie die harmlose Liebesgeschichte, bei der der Posthalter seinem braven Briefträger Antoine (Dany Boon) schliesslich gegen den Drachen von Mutter (Line Renaud) zum Glück mit der hübschen Annabelle (Anne Marivin) verhelfen wird.
Bleiben zwei Erklärungsansätze, die ineinander übergehen: die Dialoge beziehungsweise die Sprache sowie die Geschichte beziehungsweise der «Konflikt der Regionen». Offenbar ist es so, dass in Bergues, der Kleinstadt nahe Dünkirchen, in die der Postmeister versetzt wird, im Unterschied zu grossen Teilen der Region kein «ch'timie» gesprochen wird – jenes Picardische, das zum Ergötzen der Auswärtigen beispielsweise s durch sch ersetzt, also «ichi» und «merchi» sagt –, sondern der flämische Einfluss dominiert. Dem enormen Werbeeffekt des Films verschliesst man sich deswegen keineswegs. Philippe hingegen kommt aus einem Süden, der linguistisch neutralisiert erscheint – nicht die Spur mehr jener klangvollen Färbungen, wie sie in weiland Marcel Pagnols Marseille Marius, Fanny und César besassen, Maître Panisse nicht zu vergessen.
Überwindung des Klischees durch das Klischee. Der Kulturschock ereignet sich zunächst auf der sprachlichen Ebene, indem Philippe kein Wort von dem versteht, mit dem ihn Antoine begrüsst und informiert. Versuchte Unterhaltungen des neuen Postvorstehers mit Ureinwohnern müssen ergebnislos abgebrochen werden. Der Zugang erfolgt, wie anders, über das Essen, und bei Tisch werden, wie überall, die gastronomischen und linguistischen Spezialitäten analysiert. Genüsslich werden ordinäre Ausdrücke wie «biloute» dekliniert, die laut Wikipédia bereits der Prüfung durch die Académie française unterzogen worden sein sollen. Ein interessantes Phänomen, das sich durchaus auch auf andere Länder und Regionen angewandt denken liesse, ist hingegen die Umkehrung des Nord-Süd-Gefälles. So hat der reiche Süden – beziehungsweise der Rest des Landes – die arme und von strukturellen Krisen gezeichnete Region Nord-Pas-de-Calais seit dem Filmstart geradezu einer touristischen Invasion unterzogen, die unter anderem die Käsehersteller in Lieferschwierigkeiten gebracht haben soll.
Der Sprachwitz und dessen Anwendung dürften vermutlich auf ein frankophones Publikum beschränkt bleiben, auch wenn Thomas Schröter für die deutschen Untertitel des Films gelungene (Deutschschweizer) Analogien ersonnen hat. Die erfolgversprechendere Lösung ist aber wohl das Remake, wie es Italien und die USA ins Auge fassen angesichts eines Films, der im März der weltweit meistgesehene gewesen sein soll und der, bei einem Produktionsbudget von 11 Millionen Euro, schon über 100 Millionen Euro eingespielt hat.
Dass ein «Kleiner» derart reüssiert, ist die Ausnahme, nicht die Regel. Der Verband der französischen Filmregisseure hat dieses Jahr in Cannes eine «Sturmwarnung» erlassen. Sorgen bereitet gerade, dass drei Viertel der Kinoeintritte im Land durch 17 Prozent der Filme generiert werden. Der Anteil der französischen Produktionen, die weniger als 50 000 Eintritte zählten, also kommerzielle Fehlschläge waren, ist von 48 Prozent 1996 auf 54 Prozent 2006 gestiegen; 38 Prozent der Filme verzeichnen weniger als 20 000 Eintritte. In den gleichen zehn Jahren hat die Anzahl Kopien für einen Film massiv zugenommen; in manchen Wochen können 5 Filme 70 Prozent der 5400 Leinwände in Frankreich mit Beschlag belegen. Verhältnisse, wie sie sich in der Tendenz auch hierzulande abzeichnen.
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