Freitag, 29. August 2008, 11:53:40 Uhr, NZZ Online
Christoph Egger
Digital heisst das eine Zauberwort, dreidimensional das andere. Beide sorgen sie in der Filmindustrie beziehungsweise in der Kinobranche zurzeit für Unruhe. Ablehnung, Skepsis und Aufbruchgeist stehen nicht nur nahe nebeneinander, sondern finden sich zum Teil an Orten, wo man sie gerade nicht erwartet hätte. Das Kinopublikum ist zwar auch betroffen beziehungsweise anvisiert, aber doch auf sehr unterschiedliche Weise.
Digitales Kino ist zunächst eine Frage der Produktion, vor allem aber eine solche der Distribution. Im Grund genommen kann es dem Besucher egal sein, ob der Saal, in dem er sitzt, von einer Projektionskabine aus bespielt wird, in der eine dreissig Kilo schwere Filmkopie auf den Filmtellern liegt, oder ob der Film, den er sieht, nur noch als digitales Signal übermittelt wird. Doch bei einem allfälligen Besuch nach Hunderten von Vorführungen des Kassenschlagers wird er überrascht feststellen, dass die «digitale Kopie» – ein Widerspruch in sich selbst, denn eine «Kopie» gibt es ja eben nicht mehr – so frisch ist wie am ersten Tag. Etwas anderes ist, dass die Qualität des digitalen Bilds auf Standards festgelegt ist, die unter denjenigen des analogen liegen. Eine andere Frage wäre etwa, wie dereinst die Kinematheken, die Filmarchive das filmische Erbe bewahren werden. Neu speichern, umformatieren ohne Ende?
Digitales Kino – das meint den Film und seine Abspielstätte – ist nicht auf die grossen Formate beschränkt. Nicht von ungefähr sind es in der Schweiz gerade die Landkinos, die hier eine Vorreiterrolle spielen. Und nicht von ungefähr hat das Media-Förderprogramm der EU bereits 2004 das Projekt European DocuZone lanciert, das zur Förderung des Dokumentarfilms ein Netzwerk aus digitalen Kinos entwarf. – Ein weiterer Aspekt betrifft hingegen wohl vor allem die Grossen: Vielleicht gelingt es dem digitalen ja, ein weiteres Revival des dreidimensionalen Kinos herbeizuführen. Nach Anfängen in den zwanziger Jahren, nach dem Höhepunkt in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, nach Wiederbelebungen in den sechziger und in den achtziger Jahren käme 3 D nun zu einfacheren Produktions- und Wiedergabeverfahren. Die Industrie hofft schon auf die Wiederholung des Kassenerfolgs des 3-D- Sexfilmchens «The Stewardesses» (1969/71). Uns wäre es am liebsten, King Kong würde uns einmal so richtig raumgreifend in den Saal hinein auf den Arm nehmen.
Leser-Kommentare: 0 Beiträge