Montag, 08. September 2008, 12:45:23 Uhr, NZZ Online
Birgit Heidsiek
Mit dem von Hollywood angeschobenen «digital roll-out» steht der Filmbranche wohl die grösste Revolution seit der Erfindung des Zelluloids ins Haus. Im Zuge der Digitalisierung werden nicht nur die Filmrollen aus dem Vorführraum und die flimmernden Körner von der Leinwand verschwinden, sondern die gesamte Filmauswertung wird sich technisch, wirtschaftlich, aber auch in Bezug auf die Inhalte verändern.
Zugleich rückt damit das Szenario des «day-and-date release» ein Stück näher, das vorsieht, einen Film per Knopfdruck in Hollywood zeitgleich auf der ganzen Welt im Kino zu starten und somit den Filmpiraten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Filmkopien werden künftig nicht mehr als kiloschwere Zelluloidrollen von Kino zu Kino geschickt, sondern digital per Festplatte oder Satellit in das entsprechende Filmtheater geliefert. Dort können diese digitalen Dateien allerdings erst vom Server auf die Leinwand projiziert werden, wenn der jeweilige Verleiher die «keys» für die entsprechende Vorführung herausgibt. Die Freigabe der Filme erfolgt mit Hilfe dieser Sicherheitsschlüssel, über die ein Verleiher genau kontrollieren kann, wann welcher Film in welchem Saal eingesetzt wird. Durch dieses «Key-Management» werden die Kinos allerdings ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt, einen Film bei Bedarf zum Beispiel in einen grösseren Saal zu verlegen. Die vielbeschworene Flexibilität, die mit der Digitalisierung des Kinos einhergeht, wird somit durch den Wunsch nach Kontrolle und zentraler Steuerung konterkariert.
Bezüglich der Digitalisierung hegen viele Kinobetreiber Bedenken, ob jahrelang eingespielte Routine und Abläufe in ihrem Haus nach der Umrüstung weiterhin reibungslos funktionieren. Bei Pannen mit dem klassischen Filmprojektor konnten die Kinoleute stets selbst Hand anlegen und kannten die wichtigsten Macken, Tricks und Kniffe. Wenn jedoch die digitalen Projektionssysteme aus unerklärlichen Gründen plötzlich streiken, hilft nur noch der Anruf beim Servicetechniker der zuständigen Hotline, während die Kinobesucher im Saal bereits beginnen, unruhig mit den Füssen zu scharren.
Um überhaupt von den Hollywoodstudios mit digitalen Filmkopien beliefert zu werden, müssen die Kinos digitale Server und Projektoren installieren, die den Qualitätsanforderungen der Digital Cinema Initiative (DCI) entsprechen. Dieses Konsortium, zu dem sich die sieben grossen Studios zusammengeschlossen haben, gibt konkrete technische Normen und Standards wie beispielsweise eine Auflösung von 2k vor, auf die sich die Society of Motion Picture and Television Engineers (SMPTE) geeinigt hat.
Kinos, die diese technischen Voraussetzungen nicht erfüllen, bekommen von den Hollywood-Majors keine digitalen Filmkopien geliefert. Da der «digital roll-out» früher oder später erfolgen wird, sind sie gefordert, die technischen Vorgaben zu erfüllen und somit die entsprechenden Investitionen zu tätigen. Verzichten sie darauf, wird ihnen ein wesentlicher Teil ihrer Geschäftsgrundlage entzogen, weil sie dann künftig keine Hollywoodfilme mehr spielen können.
Die Kosten für die digitalen Projektionsanlagen betragen nach Angaben von Experten rund 100 000 Dollar beziehungsweise 60 000 Euro pro Kinosaal. Eine digitale Umrüstung der weltweit 150 000 Kinoleinwände, unter denen sich rund 110 000 Erstaufführungskinos befinden, erfordert Investitionen in Milliardenhöhe. Derzeit verfügen erst 5000 Kinosäle über digitale Projektionsanlagen. Nur knapp 1000 dieser digitalen Installationen können bis anhin 3-D-Filme spielen.
Für viele Kinobetreiber stellen solche Investitionen einen erheblichen Kostenfaktor dar. Dabei können die tatsächlichen Kosten für den Einbau der digitalen Projektionsanlage im Zweifelsfall noch erheblich höher liegen, wie Karl-Heinz Somnitz, Betreiber der Düsseldorfer Filmkunstkinos, feststellen musste. Für die Installation mussten in seinem Kino zwei Wände durchbrochen und eine Klimaanlage eingebaut werden. Dieser im Vorfeld nicht kalkulierbare Mehraufwand kostete ihn 20 000 Euro.
Vonseiten der Kinobetreiber wird zudem befürchtet, dass die digitalen Projektionssysteme bereits wieder veraltet sind, bevor ihre Finanzierung abgeschlossen ist. Nach dem Mooreschen Gesetz verdoppeln sich in der Computerwelt die Leistungen der Systeme rund alle zwei Jahre. Aufgrund des hohen Investitionsbedarfs werden die Geschäftsmodelle für das digitale Kino über Laufzeiten von acht bis zehn Jahren kalkuliert. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die teuren Anlagen amortisiert, sind aber unter Umständen veraltet, so dass erneut Geräte erworben und finanziert werden müssen. Das Versprechen für die Kinobetreiber, dass die Anlagen nun ihnen gehörten, sei damit wertlos. Denn für die Kinos, so befürchtet Catherine Laakmann, Geschäftsführerin der Metropolis Lichtspieltheater in Köln, beginne damit bereits die nächste Investitionsrunde.
Nach Berechnung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers wird die Digitalisierung der Kinos allein in Deutschland mit mehr als 200 Millionen Euro zu Buche schlagen. Um diese gigantischen Grossaufträge buhlen in Europa rund 20 sogenannte Integrators wie XDC, Arts Alliance Media (AAM) Kodak oder Decipro, die den Kinos im Rahmen der digitalen Umrüstung einen «full service» anbieten, der neben der digitalen Umrüstung und dem Wartungsdienst auch die Finanzierung umfasst. Allerdings zielen die Modelle der Integrators nur darauf ab, die kommerziell lukrativen Kinos digital auszustatten. Kleinere Häuser mit geringen Umsätzen werden bei diesen «third party»-Modellen nicht berücksichtigt.
Die Geschäftsmodelle für das digitale Kino sehen vor, dass die Finanzierung der Projektionssysteme über eine «Virtual Print Fee» (VPF) erfolgt. Diese Gebühr sollen die Verleiher aufbringen, da sich für sie durch die Belieferung der Kinos mit digitalen Kopien ein Kostenvorteil gegenüber der Versorgung mit analogen Kopien ergibt. Zu diesem Zweck haben die Integrators nichtexklusive Vereinbarungen mit den grossen Hollywoodstudios abgeschlossen, die damit majoritär auch die digitale Umrüstung der Kinos finanzieren. Unabhängige europäische Verleiher sind in diesen Geschäftsmodellen hingegen nicht als wesentliche Grösse einkalkuliert. Da die Finanzierung des digitalen «roll-out» primär durch den Einsatz von Hollywoodfilmen erfolgt, können die Studios dabei ganz gezielt die jeweiligen Einsätze ihrer Filme kontrollieren und steuern. Dies stelle einen massiven Eingriff in die Programmhoheit der Filmtheater dar, kritisiert Wolfram Weber, der in Nürnberg Deutschlands grösstes Multiplexkino Cinecitta mit 21 Leinwänden betreibt. Bei all diesen Modellen bestimme die dritte Partei, welche Filme auf ihren Projektoren liefen. Doch das funktioniere schon allein aus unternehmerischen Gründen nicht.
Mit dem Cinecitta in Nürnberg gehört Weber zu den «early adaptors». Diese Vorreiter haben mit ihren Kinos ohne jegliche finanzielle Unterstützung den Schritt zur Digitalisierung gewagt. Zu diesem Zweck hat Weber Leasingverträge mit dem belgischen Integrator XDC abgeschlossen, der ihm zu einer monatlichen Rate von 900 Euro pro Kinosaal digitale Projektionssysteme zur Verfügung stellt. Die Herstellergarantie für Server und Projektoren wurde dabei von zwei auf zehn Jahre ausgeweitet, inklusive aller Updates. Einen solchen Leasingvertrag könne jedes Kino sofort abschliessen, betont Weber. Die finanzielle Belastung für das digitale Equipment betrage dabei 30 Euro pro Tag, was bei drei Vorstellungen täglich 10 Euro pro Vorführung bedeute. Diese Kosten liessen sich durch drei zusätzliche Besucher pro Vorstellung oder wöchentliche Events wie Opernübertragungen finanzieren.
Die Digitalisierung ermöglicht es den Kinos, zusätzlich zu den Filmen alternativen Content einzusetzen wie Konzerte, Opern- und Ballettaufführungen, Sport-Events oder Theateraufführungen. Kurzfristig können die Kinos davon profitieren, weil sie für diese Programmangebote einen erheblich höheren Eintrittspreis von bis zu 30 Euro erhalten. Langfristig verliert das Kino dadurch jedoch seine Identität als klassischer Abspielort für Filme, weil es dadurch – ähnlich wie das Fernsehen – zu einer Multimediaplattform für Spartenkanäle mutiert. Das Kinoerlebnis verliert an Exklusivität. Aber auch die angebotenen Events besitzen keinen besonderen Stellenwert mehr, wenn gleich mehrere Kinos in einer Stadt eine Live-Übertragung aus der Metropolitan Opera in New York anbieten.
Auf die Belieferung der Kinos mit alternativen Programminhalten wie Ballett-, Opern- und Tanzvorführungen setzt auch die britische Firma Arts Alliance Media, die darüber Verträge mit dem Royal Opera House in London besiegelt hat. Damit übernimmt AAM nicht nur als Integrator die Ausstattung der Filmtheater mit digitaler Technik, sondern tritt zugleich als weltweiter Verleih auf, der sich um die Verhandlungen über die Leihmieten, die Auslieferung der digitalen Kopien und das Marketing kümmert. Durch diese neue Konstellation werden zugleich die klassischen Strukturen zwischen Verleih und Kino aufgebrochen, weil dabei eine dritte Partei ins Spiel kommt.
Zudem wird durch den Einsatz von alternativem Content das bereits bestehende «over-screening» mit über einem Dutzend Filmstarts pro Woche weiter verschärft. Für die unabhängigen Verleiher von klassischen Arthouse-Filmen wird es schwieriger, ihre Produkte auf dem Kinomarkt zu placieren, weil dafür tendenziell immer weniger Leinwände zur Verfügung stehen. Neben den Hollywood-Majors, die ihre Filme mit einer hohen Kopienzahl und aufwendigen Marketingkampagnen in den Markt drücken, müssen sie zusätzlich mit dem alternativen Content um Leinwände konkurrieren. Die vielbeschworene kulturelle Vielfalt, die das digitale Kino eröffnet, könnte sich somit als Trugschluss erweisen. Aber es geht auch anders. In Brasilien startet diesen Sommer unter dem Namen «Moviemobz» das erste Cinema-on-Demand-Projekt der Welt, das darauf abzielt, dem Publikum Arthouse-Produktionen aus der ganzen Welt zu zeigen, die in Lateinamerika nie ins Kino gekommen sind. Zu diesem Zweck werden 152 Leinwände in 57 Arthouse-Kinos in 20 brasilianischen Städten mit digitalen Projektionsanlagen ausgestattet, die allerdings nicht den technischen Vorgaben der DCI entsprechen. Die meisten unabhängig produzierten Filme lägen ohnehin nicht als digitales Master mit einer 2k-Auflösung vor, erläutert der Moviemobz-Initiator Fabio Lima, und würden deshalb in HD-Qualität vorgeführt. Insofern gebe es gar keinen Grund, das teure Equipment zu kaufen, das die vorgeschriebenen Hollywood-Standards erfüllt.
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