Donnerstag, 21. August 2008, 23:40:13 Uhr, NZZ Online
Marli Feldvoss
Die Erfindung des Bakelits – einst Synonym für pure Zauberei –, das uns heute noch in den schillerndsten Farben als Art-déco-Schmuck in den Schaufenstern der Antiquitätenläden anlacht, hat die Baekelands reich und berühmt gemacht. Doch den Nachfahren des Chemikers Leo Hendrik Baekeland, der Ende des 19. Jahrhunderts von Belgien in die USA ausgewandert war, fehlte der Impuls, über das Leben einer Jeunesse dorée hinauszuwachsen. Auch der Enkel Brooks (Stephen Dillane), der sich in Tom Kalins Film «Savage Grace» gern in sarkastischen Betrachtungen über seine Familie ergeht, scheiterte mit seinen schriftstellerischen Ambitionen, hielt sich stattdessen an die nach wie vor gültige Formel, dass «reich» und «schön» zusammengehören, und heiratete das Model und Hollywoodsternchen Barbara Daly.
All das wäre – den ersten industriell hergestellten Werkstoff aus Kunstharz ausgenommen – längst vergessen, hätte es nicht den «Barbara Daly Baekeland Murder Case» gegeben. Das aktenkundige Ende einer Familiensaga mit blutigen Leidenschaften und verkorksten Gemütern hatte echtes Tennessee-Williams-Format, weshalb die tragische Inzest- und Muttermord-Geschichte 1985 in Form des vielbeachteten Sachbuchs «Savage Grace» von Natalie Robins und Steven M. L. Aronson eine ausführliche Nachbereitung erfuhr. Aus dieser unüberschaubaren Materialsammlung von Briefen, Tagebüchern sowie zahllosen Interviews haben Regisseur Tom Kalin und sein Drehbuchautor Howard A. Rodman sechs Schlüsselmomente herausgearbeitet und zu einem ungewöhnlichen Biopic verarbeitet. Kalin verzichtet bei seiner amerikanischen Tragödie auf Genreelemente wie Suspense oder Film-noir-Effekte und erinnert stattdessen mit seinem ganz besonderen Melodrama daran, was Douglas Sirk einmal gesagt hat: dass man Filme nicht über etwas machen könne; man könne nur Filme mit etwas machen, mit Menschen, mit Licht, mit Blumen, mit Spiegeln, mit Blut – eben mit all diesen wahnsinnigen Sachen, für die es sich lohne.
«Alles, was geschah, geschah aus Liebe», erzählt die noch junge männliche Off-Stimme, nachdem sie sich als Sohn Anthony zu erkennen gegeben hat – das glücklichste Baby der Welt, das von den Armen einer liebevollen Mutter gehalten wird und seine Eltern schon genau taxiert: Den Vater erlebt Anthony als kalt und dunkel, die Mutter als warm und hell. Über sich selbst sagt er: «Ich war der Dampf, wenn Heiss auf Kalt trifft.» Eine traumverlorene, unterschwellig inzestuöse Stimmung liegt über den ersten Bildern aus dem verschatteten holzgetäfelten New Yorker Domizil der jungen Familie, die alsbald zu einem Dinner in den angesagten Stork Club aufbrechen wird.
Heiss und Kalt buchstabiert sich vorläufig so, dass die extrovertierte Barbara das standesgemässe Socializing mit der New Yorker Hautevolee arrangiert und als charmante Wortführerin auftritt, der mundfaule und schwerfälligere Brooks, ein passionierter Bergsteiger, jedoch lieber zu Hause bliebe. Barbara – Julianne Moore, ganz verführerische Eleganz in fliederfarbenem Organza mit tiefem Décolleté und schimmernden Schultern – glänzt zwar in der gelangweilten, verklemmten amerikanischen Entourage; von Anfang an fallen jedoch ihre «Patzer» auf, Peinlichkeiten einer Aufsteigerin aus dem Arbeitermilieu, die ihren Mann nicht ungern in Verlegenheit bringt und für einen One-Night-Stand einfach ins nächstbeste Auto springt, das am Strassenrand hält. Oder, nur um zu provozieren, ihrem dreizehnjährigen Sohn «Justine» von Marquis de Sade zum Vorlesen vor den Gästen in die Hand drückt. Barbara führte ein ausschweifendes Leben, das von plötzlichen Stimmungswechseln und Depressionen geprägt war, den späteren Selbstmordversuch vorprogrammierte. Sie war zweifellos die Dominante in dieser Ehe, die zerbricht, als Brooks seinem Sohn die Freundin ausspannt und sich scheiden lässt.
In den sechs Etappen, die den Zeitraum von 1946 bis 1972 umspannen – nach New York lässt sich die Familie in Paris, dann in Spanien, zuletzt in London nieder, wo Tony seiner Mutter nach einem Sexualakt das Küchenmesser in den Leib rammt –, verfolgt der Film vor allem das Mutter-Sohn-Verhältnis, eine ungestörte Symbiose ohne Abgrenzung, die mit ihren Geheimnissen und Innigkeiten in eine Abhängigkeit schlitterte, die den sexuellen Missbrauch Stück um Stück vorbereitete. Tony (Eddie Redmayne) hatte sich schon früh als Homosexueller geoutet. Seine Mutter soll ihm daraufhin Mädchen zugeführt haben, um ihn «umzuerziehen», später teilte sie sich mit ihm seine Liebhaber. Vom Vater erntete der orientierungslose und auch noch homosexuelle Sohn nur Verachtung. Seine frühen Anzeichen von Schizophrenie und eine Obsession für Messer wurden nicht ernst genommen.
Wie in seinem bisher einzigen Spielfilm «Swoon» (1992) über den aufsehenerregenden Mordfall des schwulen Liebespaars Leopold/Loeb von 1924 verzichtet Tom Kalin (Jahrgang 1962), der wie Todd Haynes zum New Queer Cinema der Neunziger gezählt wird, in «Savage Grace» auf eine tiefgreifende psychologische Studie. Statt sich in Details zu verlieren, schildert er aus kühler Distanz die Stationen eines Familiendramas, dessen Ursachen eher in den selbstzerstörerischen Lebensformen der High Society zu suchen sind. Ihn habe, wie er sagt, das originär Amerikanische an Barbaras Charakter interessiert – die Selfmade-Frau aus den vierziger Jahren mit dem angeborenen Spielerinstinkt. Allein, eine klassische selbstbewusste Aufsteigerfigur ist diese Barbara nicht, sondern von Anfang an absturzgefährdet, eine Borderline-Persönlichkeit, so wie ihr Sohn, der ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Was vor allem verblüfft, ist die Ähnlichkeit der beiden sommersprossigen Schauspieler mit ihrer transparenten Haut, die eine Verletzlichkeit ausstrahlt, die dem Ansturm der Konventionen nichts entgegenzusetzen hat.
Regisseur Kalin favorisiert die Impression, nicht das Drama, ohne jedoch seine Figuren zu verraten, die er wie ein Douglas Sirk bis in ihre schwärzesten Stunden behütet. Dabei outet er sich auch als ein Liebhaber und Kenner des «Camp», dieser eigenartigen Verwandlung von Ernst in Frivolität, die selbst vor der «Stunde des Todes» keinen Respekt hat. Barbara und Tony auf der Couch: sie im scharlachroten Kostüm, er ganz Dandy im dezenten Kammgarnanzug – da geben sich, ganz Pose und Dekadenz, Madame Chanel und Mr. Wilde ein atemberaubendes Stelldichein. So hat man den Inzest jedenfalls noch nie gesehen.
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