Donnerstag, 21. August 2008, 22:55:25 Uhr, NZZ Online
Martin Zingg
In ihrem Roman «Animal triste» erzählt Monika Maron die Geschichte einer Frau, die sich in einen Mann verliebt. Sie hat der Liebe längst abgeschworen, altershalber und enttäuschungsbedingt; er ist verheiratet. Auf den Einfall der Liebe war sie nicht gefasst, und nicht darauf, dass sie sich nun wehrlos dem Ansturm ihrer Gefühle fügt. Es folgt «das erste Mal», die erste Liebesnacht − wobei die Ich-Erzählerin diesbezüglich nicht sehr mitteilsam ist, über eine Andeutung geht sie kaum hinaus. So, wie sie auch keine Anstrengungen unternimmt, hinter das Rätsel ihrer plötzlichen Verliebtheit zu kommen. Es hat so kommen müssen, jetzt ist es so.
Eine ähnliche Erfahrung macht Hanns-Josef Ortheils Romanheld in «Die grosse Liebe». Der Ich-Erzähler ist Fernsehjournalist und zu Meeresaufnahmen nach Italien gereist, wo er Franca − sie ist Meeresbiologin und verlobt − erst sorgfältig beobachtet und bald schon auch «erobert». Aber im Unterschied zu Monika Marons Heldin ist in diesem Fall der Ich-Erzähler, was das «erste Mal» angeht, eher offenherzig. Und anders als sie bemüht er sich unablässig, Erklärungen für seine Gefühlsturbulenzen zu finden. Er führt Buch darüber, unablässig verwundert, denn eigentlich war er entschlossen, allem auszuweichen, was nach Liebe aussieht. Und nun ist es um ihn geschehen.
In beiden Romanen geht es um die Plötzlichkeit einer Passion, um die erste Liebesnacht und vor allem um die Komplikationen, die sich an jene Gefühle heften, auf deren Einbruch man nicht gefasst war. Und beide Romane gehören − auch wegen der Verschiedenheit ihrer Schreibweise − zum Materialkorpus von Pia Reinachers umfangreicher Untersuchung «Liebe, Lüge, Libertinage», in welcher die Literaturkritikerin der Frage nachgeht, was die Liebe in der Literatur mit ihren «Akteuren» alles anstellt. Die «Expedition zu den Leidenschaften in der zeitgenössischen Literatur», so der Untertitel, führt zu Romanen u. a. von Irene Dische, Elfriede Jelinek, Bodo Kirchhoff, Martin Walser, Paul Nizon, Markus Werner, Urs Widmer. Und reicht über den Rand der deutschen Sprache hinaus zu Büchern von Philip Roth, Michel Houellebecq, Zeruya Shalev, Marguerite Duras und anderen.
Pia Reinacher arbeitet mit der Gegenüberstellung von thematisch ähnlich gelagerten Romanen und Erzählungen, und die wechselseitige Beleuchtung ist oft buchstäblich erhellend, reich an Überraschungen. Mit einem Kapitel über die Verführung setzt das Buch ein, mit dem erwähnten «ersten Mal» fährt es fort und schreitet die verschiedenen Stadien und Aspekte dessen ab, was mit dem Wort «Liebe» naturgemäss nur sehr vage umschrieben werden kann. Zwischen «Coup de foudre» und Abgesang gibt es eine Vielzahl von Liebesaufregungen. Von der heftigen, enttäuschten, verweigerten, verzweifelt imaginierten, aufwendig vorgetäuschten Liebe bis hin zu jener, die sich marktgängig oder skandalträchtig präsentiert, indem sie den Körper kapitalisiert oder die Nähe zur Pornografie sucht. Und immer wieder, an sehr unterschiedlichen Romanen, zeigt Reinacher, wie die Liebenden glauben, aller Konvention zu entkommen, in einem Hochgefühl jenseits aller Formeln und Phrasen − und dann doch etwas inszenieren, das es vor ihnen schon tausendfach gegeben hat und das nach ihnen noch unzählige Male Premiere haben wird. Als läge allem Liebesleben ein Repertoire von Mustern zugrunde, die immer und immer wieder repetiert werden, zumindest in der Literatur. Und bekanntlich lässt diese, wenn der Glücksfall länger andauert, den Vorhang schnell wieder fallen. Attraktiv ist immer, was gefährdet ist oder gar misslingt.
Der Reigen führt am Ende zum Kapitel «Verfallsdatum». Die Liebesgefühle sind verbraucht. Was davon noch geblieben ist, wird auf verschiedene Personen verteilt und verkommt kläglich, wie etwa in Wolfgang Hilbigs Roman «Das Provisorium». Oder die von Beginn an trostlos vernünftige Ehe versackt allmählich, wie in Arnold Stadlers «Ein hinreissender Schrotthändler». Das Finale ist kleinlaut. Der Ehemann, der seine Bisexualität nur imaginieren, nie ausleben durfte, kommt zu spät: Seine Noch-Ehefrau hat den begehrten Mann vor ihrem Ehemann «erkannt».
Natürlich liessen sich auch andere Bücher zu diesem grossen Thema befragen. Romane, welche die Unwägbarkeiten der Liebe auch anders, weniger nach einem klassischen Drehbuch erzählen. Aber: Jede Auswahl von Büchern ist anfechtbar, keines der hier beigezogenen möchte man missen. Was die Leselust bisweilen irritiert, ist Pia Reinachers Vorliebe für den Dreischritt, der als rhetorische Figur bereits den Titel des Buches und auch die Kapiteleinteilungen prägt. «Erbärmlich, berechnend und gnadenlos», «Wahrheit, Schuld und Unschuld», «unvergleichlich, ursprünglich und einzigartig» usw. Gelegentlich müssen interessante Befunde vor dieser stilistischen Präferenz gleichsam in Schutz genommen werden. Dieser kleine Einwand schmälert indessen nicht die Qualität dieses Buches und nicht die Fülle von klugen Anmerkungen und Verknüpfungen, die darin zu finden ist.
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