Donnerstag, 21. August 2008, 21:23:56 Uhr, NZZ Online
Christoph Jahr
Zehn Jahre ist es her, dass auf dem 42. Deutschen Historikertag in Frankfurt am Main die Rolle der Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus zu einem heiss und bisweilen polemisch diskutierten Thema wurde. Hatten sich nicht, so wurde erstmals innerhalb der gesamten Zunft und vor einer grösseren Öffentlichkeit gefragt, zahlreiche Historiker erschreckend ungehemmt mit den Nazimachthabern arrangiert? Hatten nicht viele ihre eigenen Karrieren unter Opferung der wissenschaftlichen Redlichkeit und auf Kosten regimekritischer oder rassistisch diskriminierter Kollegen vorangetrieben? Waren Wissenschafter nicht sogar an der Legitimierung, Planung und Durchführung von Völkermord und Vertreibung beteiligt?
Zwei der «jungen Wilden» von Frankfurt, der zurzeit in Wien forschende Historiker Ingo Haar und der als Verkehrsplaner in Basel tätige Wissenschaftshistoriker und Geograf Michael Fahlbusch, fassten damals den Entschluss, systematisch – und über die Geschichtswissenschaften hinaus – Antworten auf diese Fragen zusammenzutragen. Unlängst konnte nun das «Handbuch der völkischen Wissenschaften» der Öffentlichkeit vorgelegt werden, das das Wissen über das Thema «Wissenschaft und Nationalsozialismus» bündelt und zugänglich macht.
87 Autorinnen und Autoren stellen in 142 Beiträgen von «A» wie «Alemannisches Institut» bis «Z» wie «Zeitschrift für Geistes- und Glaubensgeschichte» Personen, Forschungsprogramme, Institutionen, Stiftungen, Zeitschriften, Ämter und Politikfelder vor, die den Bereich der «völkischen Wissenschaften» bildeten. Damit sind jene Geistes- und Kulturwissenschaften gemeint, die sich affirmativ mit den Begriffen «Volksgemeinschaft», «Volk» und «Raum» befassten. Dazu zählten neben der «Volksgeschichte» oder jener Strömung der Theologie, die eine von den jüdischen Wurzeln abgetrennte, germanisch-christliche Religion propagierte, auch Teile der Geografie, der Anthropologie und der Bevölkerungswissenschaft, also stärker naturwissenschaftlich orientierte Disziplinen.
Das Ziel all dieser Wissenschaften war der totale Zugriff auf das Individuum, das dem imaginierten, «völkischen Kollektiv» vollständig untergeordnet werden sollte. Aus einem Überlegenheitswahn heraus haben sich diese Wissenschaften, beginnend im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, zunehmend auf das Ziel der Ausgrenzung und schliesslich Vernichtung alles Fremden hin orientiert. – Und nach 1945? Insbesondere durch die biografischen Artikel treten die Brüche und Kontinuitäten deutlich hervor. Es stellt sich dabei die Frage, welche Bedeutung diese Wissenschafter als Teil der damaligen intellektuellen Elite bei der Vorbereitung und Durchführung der systematischen Vernichtung von Menschengruppen hatten und welche Lernprozesse sie nach 1945 durchliefen. Der Wiener Archivar Franz Stanglica, seit 1941 in Polen bei Zwangsumsiedlungen und Deportationen in Vernichtungslager beteiligt, schrieb Anfang 1942 mit ungebrochenem Täterstolz: «Ich bin in aktiver Volkspolitik, oft auch mit der Waffe in der Hand, tätig.»
Auch Hans Koch, als Osteuropa-Experte unter anderem im Gefolge Theodor Oberländers im Sommer 1941 bei der Besetzung der Ukraine dabei, muss über den Holocaust und die brutale Vertreibung der slawischen Bevölkerung Osteuropas zumindest voll informiert gewesen sein. Dass er gegen Kriegsende noch die Leitung des «Wannsee-Instituts» des Sicherheitsdienstes der SS übernahm, tat seiner Nachkriegskarriere als westdeutscher Bundesminister keinen Abbruch. Der Polen-Historiker Herbert Ludat oszillierte dagegen in der NS-Zeit zwischen Bereitschaft zu politischen Konzessionen einerseits und dem Bemühen um wissenschaftliche Integrität andererseits. Nach 1945 stand er wie kaum ein Zweiter für die Neuorientierung der Osteuropa-Forschung, indem er versuchte, mit dem Paradigma der angeblichen Funktion der Deutschen als «Kulturbringer» zu brechen.
Doch nicht nur Personen bildeten Brücken über die politischen Zäsuren der Jahre 1933 und 1945 hinweg. Der Begriff «Volksgemeinschaft» beispielsweise wurde bereits im 19. Jahrhundert geprägt. Nach 1933 dominierte seine «völkisch» verengte Lesart; und erst in der Folge des Umbruchs von 1968 wurde er endgültig delegitimiert. In der westdeutschen Minderheiten- oder Vertriebenenforschung wirkten die ursprünglich im Hinblick auf die in Grenzgebieten und im Ausland lebenden Deutschen entwickelten Methoden und Ordnungsmodelle fort; und die Statistiken aus der NS-Zeit wurden in der bundesdeutschen Ministerialbürokratie weiterverwendet. Dabei wurden auch die dem Holocaust zum Opfer gefallenen deutschen Juden in Ostmitteleuropa nach 1945 als deutsche Vertreibungsopfer deklariert.
Das Handbuch ist ungemein faktenreich. Gleichwohl lässt es zu wünschen übrig. Für einige der ursprünglich geplanten 180 Artikel konnten keine kompetenten Beiträger gefunden werden, weshalb beispielsweise Otto Brunner, Hans Freyer, Gunther Ipsen oder der «NS-Haushistoriker» Walter Frank keine eigenen Einträge erhalten haben. Die Konzentration auf Geschichts- und Bevölkerungswissenschaft, Geografie und Raumplanung mag sich mit dem Profil der Herausgeber leicht erklären lassen. Dennoch ist es ein Manko, dass Fächer wie Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte oder auch Philosophie relativ spärlich behandelt werden – von dem weitgehenden Fehlen der Naturwissenschaften ganz zu schweigen. Auch die faktische Verengung der Perspektive auf die Jahre 1933 bis 1945 ist bedenklich, denn «völkische Wissenschaft» umfasst mehr als «Wissenschaft im Nationalsozialismus».
Doch trotz diesen Schwächen zeigt das Handbuch in beeindruckender Weise, dass es nicht mehr angängig ist, die «Selbstnazifizierung» der Wissenschaft als einen Betriebsunfall abzutun, der durch einen kollektiven Läuterungsprozess nach 1945 korrigiert worden sei. Das «Jahr null», das der Historiker Hans-Ulrich Wehler vor kurzem aus Anlass des hundertsten Geburtstages seines umstrittenen Lehrers Theodor Schieder einmal mehr geltend gemacht hat, hat es nie gegeben.
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