Samstag, 06. September 2008, 04:09:09 Uhr, NZZ Online
LL. Literarische Vergangenheitsbewältigung kann wie die psychologische auch die Formen einer Obsession annehmen. Das ist bei der zeitgenössischen koreanischen Literatur gelegentlich der Fall. Selbst Leser, die ihren Auftritt im deutschsprachigen Raum mit Interesse und Sympathie beobachten, wünschen sich mitunter, dass sie mit ihren Sujets und ihren Stilformen zu neuen Ufern aufbrechen möge und sich nicht immer wieder mit der zweifellos traumatisierenden Teilung des Landes und dem Korea-Krieg befasst. Das scheint auch für den 1940 geborenen Jeon Sang Guk zu gelten, dessen Werk der Geschichte der Entwurzelung als Folge von Flucht und Vertreibung eine Grossmetapher für die Heimatlosigkeit des Menschseins schlechthin abgewinnen will. Aber dafür ist das koreanische Trauma zu spezifisch. Indessen gehen die vier Kurzromane und Erzählungen Jeon Sang Guks eigene, originelle Wege.
Der titelgebende Kurzroman «Ahbes Familie» zeigt das Geschick einer koreanischen Familie, die in die USA auswandert und dabei ihren geistig behinderten, sexuell freilich sehr gut entwickelten Sohn in der Heimat zurücklässt. Wenn nicht mehr berichtet wird, was aus dem behinderten Kind geworden ist, so mutet das wie die literarische Entsprechung der sozialen Exklusion an. Tatsächlich aber eröffnet es die Suche nach dem verloren Gegangenen. Die zweite Erzählung «Die Tränen eines Idols» setzt sich mit der Geschichte einer Schulklasse, die von einem Diktator-Schüler grausam terrorisiert wird, dem Vergleich mit dem konkurrenzlosen Schülerroman Yi Munyols «Der entstellte Held» aus. Aber Jeon Sang Guk geht auch hier eigene Wege. Auch Schüler-Diktatoren haben eine Geschichte. Es ist die einer Demütigung und der Angst.
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