Samstag, 06. September 2008, 03:45:52 Uhr, NZZ Online
Jdl. «Anno fünfundvierzig» und «Jenseits von dem Meridian der Verzweiflung» hat der österreichische Schriftsteller Robert Neumann einen Roman angesiedelt, der ein Dokument der NS-Zeit nicht minder ist als der Nachkriegsjahre. «Die Kinder von Wien» ist Überlebensliteratur zwischen Schelmen- und Schurkenstück. Aus einem Fenster ihres Kellerlochs schauen fünf Kinder hinaus in die verkommene Stadt. «Niemand kann mir erzählen», sagt einer von den Halbwüchsigen, die schon alles gesehen haben: Konzentrationslager und Kinderverschickungsheime, Prostitution und Gewalt. «Immernochlebendig» sind die Protagonisten eines Buches, das die «Andere Bibliothek» jetzt dankenswerterweise neu auflegt und das mit einem brillanten Nachwort von Ulrich Weinzierl und mit zeitgenössischen Fotografien von Ernst Haas versehen ist. «Die Kinder von Wien» haben in den letzten sechzig Jahren nichts von ihrer eindrücklichen Kraft verloren. 1946 ist «Children of Vienna» im Original erschienen, 1974 übersetzte Robert Neumann seinen Roman ins Deutsche. «Damals, dort, in dem Keller in Wien» habe man eine Mischung aus Jiddisch, American Slang, Popolski und Russian Slang gesprochen, schreibt Neumann im Vorwort, und diese Sprache, deren Melodie alle Sehnsüchte und alle Grausamkeiten der Zeit in sich vereint, ist es, die den Roman so authentisch macht. Authentisch waren auch die Reaktionen, als das Buch des heute nahezu vergessenen Robert Neumann auf Deutsch erschien. Von der darin geschilderten «Überfülle an Widerwärtigem», dem «zynischen Kaleidoskop» einer verdrängten Zeit wollte das Nachkriegsösterreich nichts wissen.
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