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  • 9. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Stilisierte Opern-Emotion

    Stilisierte Opern-Emotion

    Pascal Dusapins «Passion» beim Festival von Aix-en-Provence

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    Alfred Zimmerlin

    Hatte wohl Gabriel Dussurget, der mit Freunden 1948 erstmals ein «Festival d'art lyrique» im Innenhof des ehemaligen erzbischöflichen Palais in Aix-en-Provence gleichsam improvisierte, je davon geträumt, dass im Jahre 2008 der sechzigste Geburtstag des Festivals gefeiert würde? Oder dass der Anlass in immer wieder neuen Wachstumsschüben sich zur heutigen Grösse entfalten würde und Publikum aus aller Welt anzieht? Kaum, doch heute kann das Festival Besucherzahlen wie noch nie ausweisen, und von Ende Juni bis Ende Juli ist unter freiem Himmel Mozarts «Zaïde» (Inszenierung: Peter Sellars) zu erleben, der iranische Filmemacher Abbas Kiarostami inszeniert mit «Così fan tutte» erstmals eine Oper, die Berliner Philharmoniker gastieren im Grand Théâtre de Provence als Orchestra in Residence und spielen neben Konzerten Richard Wagners «Siegfried» (Inszenierung: Stéphane Braunschweig). Delikatessen offeriert das intimere, sympathische Théâtre du Jeu de Paume mit bemerkenswerten Konzerten unter anderem mit zeitgenössischer Musik und der Uraufführung einer neuen Oper des französischen Komponisten Pascal Dusapin, welche als Auftragswerk des Festivals entstanden ist.

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    Anregende Vorgabe

    Dusapin, geboren 1955, ist eine eigenständige, selbstbewusste Figur in der französischen Komponistenszene, erfolgsgewohnt. Er hat eine starke Affinität zum Musiktheater; sechs Opern beziehungsweise musiktheatralische Werke finden sich in seinem umfangreichen Œuvre, und darunter sind ganz eigenwillige Stücke wie die Heiner- Müller-Oper «Medeamaterial», die Gertrude-Stein-Arbeit «To be sung» oder die verrückte Veroperung von Aldo Palazzeschis «Il codice di Perelà» im abendfüllenden «Perelà – uomo di fumo». Hoch also durften die Erwartungen an seine neueste Kammeroper, «Passion», sein. Waren sie zu hoch? Doch der Reihe nach. Dusapin wurde gebeten, sich in freier Form mit dem Opernschaffen von Claudio Monteverdi auseinanderzusetzen, wie genau, war ihm überlassen. Für einen Komponisten, der so den körperlichen Ausdruck bei möglichst eleganter Konstruktion sucht wie Dusapin, ist die Vorgabe höchst anregend. Dusapin untersuchte die zwischenmenschlichen Leidenschaften, die Psychologie, die Regungen der Seele bei Monteverdi und schrieb in seinem eigenen, ins Italienische übersetzten Libretto gleichsam ein Destillat dieser Affekte.

    Der Text ist Emotionsträger, oft repetitiv und in seiner Bedeutung an sich gar nicht so wichtig. Schmerz, Begierde, Erfüllung, Trennung – alles kommt vor in diesem Destillat; als erzählerischer Subtext diente der Orpheus-Eurydike-Mythos. Ihm entlang, aber sehr abstrahiert, begegnen sich zwei Personen in grosser Distanz. Zur ersten Berührung der beiden – Lui und Lei, Er und Sie – kommt es erst nach einer knappen Stunde. Eine spannende Anlage also. Im Zentrum der Musik stehen die beiden Singstimmen von Barbara Hannigan (Lei) und Georg Nigl (Lui). Mit ihnen sucht Dusapin gleichsam einen neuen, emotionsgeladenen Belcanto. Er entwickelt diesen aus heftigen Atembewegungen, Atemstockungen, dem körperlichen, schmerzvollen Zittern des Atems. Streckenweise gelingen ihm ganz eigenständige Lösungen, aber immer wieder gelangt er in Bereiche, wo bereits ein anderer am neuen Belcanto forscht: Salvatore Sciarrino. Erstaunlich, dass hier nicht Dusapins Selbstkritik eingesetzt hat. Er mag gedanklich auf anderen Wegen zu dieser musikalischen Gestik gekommen sein, aber die Nähe zu Sciarrino ist frappant – und auch störend.

    Symbol und Ritual

    Die Stimmen werden vom grandiosen Ensemble Modern gleichsam harmonisch umhüllt, mit differenzierten Farben und einigen Leitklängen wie etwa einem etwas barockisierend eingesetzten Cembalo für die Sphäre des Männlichen, einer Harfe für die des Weiblichen. Ein Chor von sechs Frauen- und Männerstimmen (Ensemble Musicatreize) agiert oft unsichtbar, durch eine diskrete Live-Elektronik werden Atemgeräusche betont und in den Raum projiziert. Phantastisch, was der Dirigent Frank Ollu hier an Klängen den Solisten und dem Ensemble entlockt. Doch auch diese umhüllende Harmonik hat etwas Insistierendes, Unflexibles. Der Punkt kommt, wo man sich eine grössere Variationsbreite zu wünschen beginnt. Durchzogen also ist der musikalische Eindruck von Dusapins «Passion». Die Inszenierung und das Bühnenbild von Giuseppe Frigeni, die Kostüme von Amélie Hillmann-Haas und das äusserst präzise und abgezirkelt eingesetzte Licht von Dominique Bruguyère sorgen angesichts der von Emotionen geschüttelten Singstimmen vor allem für Distanz und Abstraktion.

    In kaltes Weiss ist der Raum getaucht, ein Wassergraben in der vorderen Hälfte der abschüssigen Bühne symbolisiert Styx und Lethe, eine grosse Muschel ist rechts placiert, hinten links ist eine grosse, runde Iris-Blende, die sich öffnen, schliessen und drehen kann, in ein U-förmiges Metallobjekt gespannt – sie steht für Sonne und Mond, die immer wieder im Text beschworen werden. Als Rest von Natur ragt ein dürrer Ast in den Bühnenraum. Darin lässt Frigeni Lui und Lei sehr stilisiert, ja gekünstelt agieren. Jede Handbewegung, jede Veränderung in der Horizontale, Vertikale oder der Tiefe des Raumes ist choreografiert. Und das ist wohl die einzige Art, wie man einem solchen Extrakt von Opern-Emotionen begegnen kann: mit Künstlichkeit. Oder mit Ritualen, wie sie der Chor aufführt. Denn das ist doch auch Oper.


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