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  • 8. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Freiheiten der Interpretation

    Freiheiten der Interpretation

    Das erste Wochenende am 42. Montreux-Jazzfestival

    Individuelle Expressivität: Erykah Badu beim Montreux-Jazzfestival. Individuelle Expressivität: Erykah Badu beim Montreux-Jazzfestival. (Bild: Reuters)
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    Ueli Bernays

    «Wait!», ruft sie, immer wieder. Wartet mal! Sie bückt sich leicht nach vorn und streckt ihren rechten Arm so weit aus, als müsste sie mit dieser Geste gleichzeitig um ihr Gleichgewicht kämpfen und eine wilde Band dirigieren. «Wait!» Die Musiker spielen Funk, breitspurig und bravourös; wie Räder und Riemen greifen Bass und Rhythmik ineinander. Das mondän pulsierende Sound-Vehikel möchte nun eigentlich mit mitreissendem Drive durch Songs, durch ein Repertoire, durch ein ganzes Konzert brausen. Aber gerade dies will sie nicht, die kleine Frau, die grosse Sängerin, Erykah Badu.

    Wider die Automatismen

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    «Wait!» Badu stellt sich eingespielten Selbstverständlichkeiten und interpretatorischen Automatismen gebieterisch in den Weg. Sie fordert Raum für Unvorhergesehenes, für Expressivität – für sich. Die Diva – es gibt in der internationalen Popmusik keine Zweite, die den Titel derzeit eher verdiente –, die Diva Badu ist eine Art Retro-Avantgardistin. Mit Hip-Hop und zeitgenössischen Elektro-Sounds im Gepäck kehrt sie zurück in die siebziger Jahre, als Soul im ausladenden Funk aufging und Musiker wie James Brown, Sly Stone oder auch Miles Davis die Verbindlichkeit einer festen Song-Form ihrer individuellen Expressivität unterwarfen. Badus Konzert wird so zu einem fulminanten Kontinuum mit klanglichen und rhythmischen Kontrasten, die es der graziösen Sängerin erlauben, sich als schamanenartige Vokalistin in Szene zu setzen. In Songs wie «The Healer», «Soldier» und «On & On» profiliert sie sich durch ihren charakteristisch nasalen Laid-back-Singsang; öfter als früher aber betört sie auch in virtuosen Rap-, Skat- und Gospeleinlagen.

    Und doch lässt die Spannung nach einer geschlagenen Sternstunde plötzlich nach, so dass zuletzt ein leises Unbehagen bleibt. Badu setzt so sehr auf expressive Dynamik, dass die dramaturgische Geschlossenheit etwas darunter leidet. Wenn sie sich weit aus den festen Strukturen lehnt, fühlt man sich deshalb als Hörer zuweilen wie alleine gelassen. Man vermisst gewissermassen die simple Gemütlichkeit einer Form, in der die individuelle Gestik in objektivierte Erfahrung übergehen könnte. Erst wenn sich unter ekstatischen Gesang ein simpler Gitarren-Riff schleicht – Dominant-Sept-Akkord: schrumm, schrumm; Moll-Akkord: schrumm, schrumm –, scheint die Kirche wieder im Dorf.

    The N.E.R.D. überzeugten mit Crossover von Metal und Hip-Hop.

    Allein, Erykah Badu setzte am Freitagabend am Eröffnungskonzert im Auditorium Stravinski einen gefährlich hohen Standard für das 42. Montreux-Jazzfestival. The N.E.R.D., die Rockband der wegweisenden R'n'B-Produzenten The Neptunes, spielte danach zwar kompakt und konzentriert; es war zu spüren, dass sich die Gruppe im Unterschied zu früheren Konzerten gut vorbereitet hatte – Montreux oblige! Dennoch wirkte der blockartig arrangierte Crossover von Metal und Hip-Hop spannungslos und ordentlich. Wer beim Zusammenfügen von Sound-Dateien brilliert wie ein Pharrell Williams, ist eben nicht unbedingt auch ein grosser Performer.

    Während Badus Kür sollen in der Miles Davis Hall die jungen Briten der Elektro-affinen Rockband The Whip vor kleinem Publikum begeistert haben. Hercules & Love Affair gaben darauf ihren munter verspielten Disco-Verschnitt zum Besten. Ohne den Starsänger Anthony wirkten die Songs allerdings etwas blass. Einen gewitzten Auftritt boten dafür die jungen Brasilianer von CSS mit einer süffigen Mischung aus Gitarren-Pop, Punk und Wave.

    Montreux oblige

    Sheryl Crow im Auditorium Stravinski.

    Auch am Samstag und Sonntag gab es in Montreux zwar keine weiteren musikalischen Erdbeben mehr, dafür aber wurden einige in sich stimmige Konzerte geboten. Das hat durchaus etwas mit dem internationalen Ruf des Montreux-Jazzfestivals zu tun. Wer hier auftritt, ist eben zumeist gut vorbereitet. Und wird dafür alleine schon durch die akustischen Gegebenheiten belohnt. Das Auditorium Stravinski ist fast die einzige Lokalität in der Schweiz, in der Popmusik akustisch adäquat präsentiert werden kann. Sheryl Crow sang sich hier, begleitet von einer engagierten Mannschaft und beflügelt durch den eigenen Enthusiasmus, durch ihr nahrhaftes, etwas schwerfällig instrumentiertes Country- und Rock-Programm. Joe Jackson erfreute seine Fans durch ein ebenso konzentriertes wie inspiriertes Konzert mit alten Hits wie «Fools In Love» und neuen Liedern wie «Invisible Man».

    Der Kanadierin K. D. Lang fehlte der Mut, sich in spontane Situationen zu entführen.

    Als blosser Bewunderer dieses Könners mochte man sich allerdings fragen, ob er seine Songs nicht irgendwie über-arrangiert hat – kaum ein Ton, kaum eine Geste scheint hier der Spontaneität überlassen. Selbst wenn er scheinbar improvisiert und sich von Gershwin beeinflussen lässt, tönt alles festgelegt und eingeübt. Ähnlich vermisste man auch am Sonntag im Konzert der Kanadierin «k. d. lang» den Mut, sich selber in Situationen zu manövrieren, in denen die letzte Kontrolle fehlt und die Sicherheit aufgeweicht wird. Während ein, zweier Songs mochte die stämmige Croonerin zu fesseln mit ihrem schweren Gesang, der sich ausnimmt, als werde das Echo nächtlicher Träume durch urbane Fluchten getragen. Dann aber führte der Mangel an Dynamik und Drive im Publikum zu einer gewissen Schläfrigkeit.

    Am Jazzfestival von Montreux gibt es (leider) immer weniger Jazz. Vielleicht aber bleibt «Jazz» dank seinen interpretatorischen Freiheiten als eine Art Postulat für Live-Musiker bestehen. Es ist ja so, dass Popmusik dazu neigt, möglichst vieles in Komposition und Arrangement festzuschreiben. Und doch können auf den Bühnen in Montreux nur jene Musiker brillieren, die, sozusagen auf die oralen Einflüsse von Jazz, Gospel vertrauend, den Mut für Verfahren wie Improvisation, Variation, Abstraktion aufbringen. Beispielhaft war da der dynamisch abwechslungsreiche Auftritt der Zürcher Folk- und Rocksängerin Sophie Hunger. Sie könnte einem Joe Jackson beibringen, dass er nicht stets in die Tasten hauen und ein Fortissimo bemühen muss, um Erregung zu zeigen. Hunger schafft die grösste Intensität gerade da, wo sich ihre Stimme im Pianissimo zu verlieren droht; wenn sie danach in laute Lustigkeit ausbricht, geht es nunmehr um beruhigende Distraktion.

    Die Pfadfinderin

    Die stramme Folk-Legende Joan Baez.

    Eindrücklich war am Sonntag auch der Auftritt der Folk-Legende Joan Baez: Die 67-jährige Sängerin bot ein bunt gemischtes Repertoire aus eigenen Songs und andern schönen Liedern – «Four-Letter Word», «Suzanne», «Gracias a la Vida», «Sweet Chariot» . . . Baez ist eine stramme Pfadfinderin geblieben. Sie hat Rückgrat, sie steht aufrecht, auch wenn sie singt. Wohl deshalb geht ihrer Musik das Spielerische, das tänzerisch Leichte ab. So scheint ihr etwas tantenhaftes Singen oft primär ihre Rechtschaffenheit zu signalisieren. In persönlicheren Songs wie «Diamond & Rust» allerdings findet sie plötzlich zu suggestiver Kraft, expressiver Schärfe und berührender Intimität. Ach, Joan Baez ist schon okay! Sie will immer das Gute, sie hat viel Gutes getan und bewirkt. Dafür ist sie zu loben. Amen.

     


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