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  • 9. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Einübung ins Verbindende

    Einübung ins Verbindende

    Der Briefwechsel zwischen Peter Handke und Alfred Kolleritsch

    Peter Handke Peter Handke anlässlich eines Empfangs zu seinem 65. Geburtstag in Wien. (Bild: Reuters)
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    Paul Jandl

    Lässt sich mehr über Freundschaften sagen, als die Korrespondenzen es tun, die zu ihrer Ehre geführt werden? «Schöne Briefe schreibst Du immer», lobt Peter Handke Alfred Kolleritsch, «Du klagst viel, aber es liest sich angenehm.» Die gewählte Verkehrsform der Zuneigung holt den einen Dichter morgens aus dem Bett, weil ihm der andere etwas sagen will. «Heute hat mich der Briefträger mit deinem Eilbrief geweckt, worauf ich aber dann doch noch einmal eingeschlafen bin.» Seit vierzig Jahren schicken sie einander Briefe, der «Manuskripte»-Herausgeber und der Dichter aus der Niemandsbucht. Manche Epistel aus der Feder Alfred Kolleritschs ist verloren gegangen, doch was geblieben ist, hat jedes Recht auf Ewigkeit. «Schönheit ist die erste Bürgerpflicht» nennt sich die gesammelte und wunderbar abgründige Korrespondenz zweier Schriftsteller, deren tiefe Freundschaft früh begann – in den sechziger Jahren, als ein schmächtiger Brillenträger im Grazer Forum Stadtpark von sich reden machte.

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    In illustrer Gesellschaft

    Im 1964 erschienenen Heft 10 der «Manuskripte» hat Kolleritsch mit «Die Überschwemmung» den ersten Text von Peter Handke veröffentlicht. Der damals 21-jährige Schriftsteller ist damit in illustrer Gesellschaft. Neben seiner Prosa gibt es Texte von Ilse Aichinger, Wolfgang Bauer, Ernst Jandl und Konrad Bayer. «Ich bin meiner Sache, nicht meiner selbst, ziemlich sicher, wenn ich sehe, was die andern so machen», schreibt Peter Handke in einem Brief. Es ist seine souveräne Haltung, die seit den Anfangszeiten seines Schreibens niemals brüchig wird. Handkes Briefe können boshaft und ironisch sein, voller Zorn und von grosser Leichtigkeit: Mit «Lieber Fredy», «lieber herr frederitsch» oder «Alfred the Knallfred» spricht Handke den Freund an und zeichnet mit «Dein (innerlicher und äusserlicher) Peter».

    Was in den Briefen nicht verschwiegen wird, sind die Schwierigkeiten der Freundschaft. Da gibt es Kränkungen, die schon einmal mit einer plötzlichen Abreise Kolleritschs aus Paris enden. Dass er sein Flugticket teuer umbuchen musste, lässt er den Herrn aus der Niemandsbucht noch wissen. Die Nähe ist ohne die Distanz nicht zu haben, und auch die Freundschaft zwischen Handke und Kolleritsch ruht auf diesem prekären Gleichgewicht. «Einübung ins Verbindende» nennt Alfred Kolleritsch in seinem Nachwort den Briefwechsel. Schöner und zugleich dezenter hätte man die freudvollen Mühen aus vierzig Jahren nicht umschreiben können.

    Die gelegentlichen Missgelauntheiten Handkes sind immer wieder Thema der Korrespondenz, sein Schweigen bei gemeinsamen Spaziergängen, die mit dem Notizbuch in der Hand unternommen werden. Das Alleinsein ist der Kontrapunkt im Dialog der beiden Dichter. «Die Haselkätzchen stäuben sich schon ins Farbige», schreibt Handke aus der Stadteinsamkeit seines Gartens, und auch im Haus in Chaville ist es ganz ruhig: «Sogar den Fernseher schaue ich an wie einen Beistand – ohne ihn dann freilich einzuschalten.»

    Bei aller Genauigkeit in Sachen Empfindung nimmt das Private in der Korrespondenz erstaunlich wenig Platz ein. «Mit den Frauen ist es schwer», notiert Handke einmal, ohne sich dabei wirklich auf Details einzulassen. Bei Kolleritsch ist es der Hang zu jungen Gefährtinnen und bei beiden die Erfahrung, Vater zu sein, die gelegentlich eine Rolle spielt. Dass die noble Zurückhaltung dem Briefwechsel aber nichts nimmt, wird klar, wenn man seine anstrengungslose Prosa als grossen Diskurs über die Kunst liest.

    Unterhaltung über das Schreiben selbst

    Alfred Kolleritsch, den Peter Handke zu Recht ein «Briefschreibegenie» nennt, ist ein Melancholiker, der das Leichte schwer und das Schwere leicht nimmt. Dass diese Philosophie der Korrespondenz einen kritischen Schwung verleiht, den Handke dann ironisch aufnehmen kann, nimmt man dankbar zur Kenntnis. Was sich die beiden Dichter zu sagen haben, sind keine breitgetretenen Intimitäten, es ist eine Unterhaltung über das Schreiben selbst. Heftig kann die Abneigung der beiden Schriftsteller gegen die Oberflächlichkeiten der Literatur und ihren Betrieb sein. Mit wortreichem Einverständnis wird dann gegen «nullöse Schreiber», gegen Günter Grass, Marcel Reich-Ranicki oder die Handke nicht eben wohlgesinnte Zeitschrift «Text und Kritik» hergezogen. «Elend macht einen der Unernst – dass fast nichts, was gemeint wird zu Literatur <inständig> ist: fast jeder könnte ebenso gut was andres meinen, eine Stunde später, mit einem andern, zu einem andern Zweck. Das ist das eklig Politische in einer flauen Schreibzeit: die Bücher dienen nur dazu, um sich, so oder so, mit andern (und gegen andre) gemein zu machen.»

    Alfred Kolleritsch schreibt aus Graz, Peter Handke aus Tucson (Arizona), Köln, Salzburg oder Paris, vom Yukon River oder aus der «Südsteiermark der Sowjetunion». Am geografischen Muster der Aufgabeorte wird man das Werk des österreichischen Schriftstellers wiedererkennen und an seinen Träumen das Leben. «Heute Nacht habe ich geträumt, dass ich in Oregon war, Du kamst auch vor, man hat das Meer gesehen, die Ulrike Meinhof kam dazu, und Du hast Dich in sie verliebt, aber nur von Mensch zu Mensch.» Seit über vierzig Jahren schreiben Peter Handke und Alfred Kolleritsch hin und her. Immer wieder beginnen sie dort, wo sie geendet haben, mit einem Seufzen und dem anhaltenden Wunsch, «bald einmal Dich zu sehen und Dir einen Schubs geben zu können».

     

    Peter Handke und Alfred Kolleritsch: Schönheit ist die erste Bürgerpflicht. Briefwechsel. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2008. 296 S., Fr. 39.–.
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