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  • 9. Juli 2008, Neue Zürcher Zeitung
    Schauplatz Tokio

    Die Metropole als Bühne

    Die Metropole als Bühne

    Eine innovative japanische Theatergruppe erhellt vergessene Zonen des Alltags

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    Port B, eine kleine japanische Theatergruppe, hat Tokio zu ihrer Bühne auserkoren. Dem Publikum wird das doppelte Gesicht der Alltagswirklichkeit in der japanischen Hauptstadt vermittelt.

    Urs Schoettli

    Schauplatz Tokio

    «Die Bühne ist die Stadt. Normalerweise wird versucht, im Theater die Illusion einer Stadt zu schaffen. In unserem Projekt wird beabsichtigt, eine real existierende Stadt in einer Theateraufführung zu <zitieren>. Dabei soll jeder Teilnehmer erleben, wie die zitierte Stadt anders aussieht, als sie im Alltag erscheint, und sich in einen ungewöhnlichen Gegenstand verwandelt.» Diese programmatische Absichtserklärung hat die kleine Tokioter Theatergruppe Port B in den letzten Monaten bei zwei Gelegenheiten dramaturgisch umgesetzt. Zum einen handelte es sich mit Blick auf die Bewerbung Tokios um die Durchführung der Olympischen Sommerspiele 2016 um eine Retrospektive auf das Jahr 1964, als Tokio zum ersten Male die Olympischen Spiele beherbergte. Zum andern drehte es sich um «Sunshine City», einen modernen Komplex, der auf dem Terrain steht, wo nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Sugamo-Gefängnis stand, in dem 4000 japanische Kriegsverbrecher inhaftiert waren, von denen 60 hingerichtet wurden.

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    Urbaner Wildwuchs

    Port B wurde vor sechs Jahren von Akira Takayama gegründet, der zuvor während fünf Jahren in Deutschland als Regieassistent und Regisseur gearbeitet hatte. Die Gruppe besteht aus «theaterfremden» Mitgliedern wie einer Sängerin, einem Filmemacher, Musikern, Handwerkern, Computerprogrammierern, Literaturkritikern, Übersetzern und Psychologen. Sie hat kein eigenes Haus, sondern operiert unabhängig und muss sich für jedes Projekt neue Lokalitäten besorgen. Vor drei Jahren zeigte die Gruppe erstmals Strassentheater, indem sie mit ihrem Projekt «Einbahnstrasse» eine Einkaufsstrasse zum Schauplatz machte. In alle Aufführungen werden Laien und Gäste einbezogen. «Unser Theater hat dokumentarische Dimensionen», meint Takayama.

    Zweimal hat die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts Tokio grossflächige Zerstörung beschert. Beim Grossen Kanto-Beben von 1923, als rund 100 000 Menschen in einem der schwersten Erdbeben, die die Grossregion Tokio je heimgesucht haben, den Tod fanden. Knapp zwei Jahrzehnte später machten die Flächenbombardemente der Amerikaner Tokio dem Erdboden gleich. Die Megametropole, die heute mit ihren ausgedehnten Vororten und Vorstädten sowie mit der Schwesterstadt Yokohama zusammen rund 26 Millionen Menschen beherbergt, hat sich baulich von diesen beiden Verheerungen rasch wieder erholt – übereilt, möchte man zuweilen mit Blick auf den urbanen, stark amerikanisierten Wildwuchs kritisch anmerken.

    Selbst die wenigen architektonischen Zeugen, welche die Feuerstürme des 20. Jahrhunderts überstanden hatten, waren häufig nicht gegen die Spitzhacke gefeit. Die Spekulationsblase der achtziger Jahre hat in den traditionellen Geschäfts- und Wohnvierteln weitgehend Tabula rasa gemacht. Selbst heute finden sich immer wieder Beispiele für den fahrlässigen Umgang mit dem städtebaulichen Erbe.

    Trotz all den Neuüberbauungen ist Tokio natürlich keine Stadt ohne Geschichte. Unweit der alten Hauptgeschäftsstrasse von Ginza, die, wie man alten Fotos entnehmen kann, einst ein kontinentaleuropäisches Aussehen hatte, breitet sich das ehrwürdige Geviert des Kaiserpalasts aus, einst Sitz der Feudalherrscher von Edo. Von den Zeiten des Schoguns zeugen noch ein paar Bollwerke und Tore sowie der Wassergraben. Hinter dem Palastgeviert steht der Yasukuni-Schrein, der durch die kontroversen Besuche des ehemaligen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi weltweite Bekanntheit erlangt hat. Etwas weiter entfernt schliesslich das noch immer von traditionellen Geschäften und Gaststätten geprägte Geviert von Asakusa. Vereinzelt mag man gar noch auf in solidem Stein errichtete Geschäftshäuser aus der Taisho-Zeit oder hinter einem sorgsam gepflegten Baumbestand auf alte hölzerne Wohnsitze stossen.

    Gedächtnislücken

    Beim ersten Stück der Theatergruppe Port B wurden die Zuschauer in einen Hato-Bus gebeten. Die grellgelben Hato-Busse, benannt nach der Taube, die sicher immer wieder ihren angestammten Schlag findet, sind ein Symbol der kleinbürgerlichen Vergnügungen in Japan. Monat für Monat befördern sie Hunderttausende von Japanern durch die Lande zu allen möglichen Sehenswürdigkeiten. Im Bus werden die Zuschauer von Port B unter der Führung einer Hostess, die während der Olympiade von 1964 den Besuchern im züchtigen Umfeld einer Hato-Tour Tokios Nachtleben gezeigt hatte, auf eine Rundfahrt durch Tokio geführt. Die Tour umfasst mehrere Merkpunkte der Olympischen Sommerspiele.

    Mit Video und Sprechtexten sowie kommentierten Besuchen in Harajuku, in einem Spielsalon in Akihabara und einem Go-Spiel-Raum in Ueno werden die Zuschauer subtil auf eine ambivalente Wahrnehmung der Veränderungen eingestimmt, die Tokio durch die Olympischen Sommerspiele von 1964 verpasst worden sind. Die aktuelle politische Botschaft der ganzen Aufführung ist es, zu hinterfragen, ob die Bewerbung Tokios um die Olympischen Spiele von 2016, die vom wortmächtigen Tokioter Bürgermeister Shintaro Ishihara dezidiert betrieben wird, wirklich eine sinnvolle Sache ist.

    Düstere Vorgeschichte

    Das zweite Stück der Theatergruppe, «Sunshine 62», greift auf die düstere Zeit des Zweiten Weltkriegs zurück. Im Mittelpunkt der Aufführung steht der Gebäudekomplex «Sunshine 60» im Tokioter Stadtteil Ikebukuro. Er gehört zu den in den letzten Jahren an den verschiedensten Ecken Tokios emporgeschossenen Einkaufs- und Vergnügungszentren. Niemand würde mit dem riesige Besuchermassen anziehenden Komplex die düstere Vorgeschichte in Verbindung bringen. Man geht dorthin, weil Toyota seine neuesten Modelle zeigt, weil man ins Kino, zum Einkaufen oder zum Essen gehen will. Die Besucher des Stücks von Port B werden im Umfeld von «Sunshine 60» auf einen Rundgang geschickt. Immer wieder konfrontiert dieser sie mit dem Gebäude, das in dem Theaterstück mit Bezug auf die Jahre, die seit dem Beginn der Tokioter Kriegsverbrecherprozesse vergangen sind, als «Sunshine 62» bezeichnet wird. Das Publikum erhält Lesungen zur Geschichte und sitzt am Ende des mehrstündigen Exerzitiums auf einer Theaterbühne, ähnlich exhibitioniert, wie dies die Kriegsverbrecher einst am Tokioter Tribunal gewesen waren.


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