Mittwoch, 08. Oktober 2008, 03:51:51 Uhr, NZZ Online
Johannes Binotto
Die hysterische Dauerbewerbung der Europameisterschaft in den Medien hat die Fronten verhärtet: trunkene Fussball-Euphoriker auf der einen, verbissene Rasen-Meider auf der anderen Seite. Neben den drohenden Fan-Emissionen beklagen Letztere vor allem, dass die Fussballanlässe das Zürcher Kulturleben – zumindest zeitweise – zu ersticken drohen. Zumindest die Cineasten unter den Sportabstinenten brauchen solche Befürchtungen indes nicht zu hegen: Gleich beide Zürcher Programmkinos locken im Juni mit einem audiovisuellen Time-out: «Filme für Fussballwitwen» bietet das Filmpodium an, während das Xenix den Zuschauer «In 23 Filmen weg von der Fanmeile» zu locken verspricht. So kommen auch all jene, die sich lieber Hollywood- anstatt Uefa-Produktionen auf Grossleinwand ansehen, zu ihrem Public Viewing.
Das Filmpodium nimmt den Ausdruck der Fussballwitwe wörtlich und widmet sich ganz den starken Frauenfiguren. Katherine Hepburn stellt als resolute Anwältin in George Cukors «Adam's Rib» ihren von Spencer Tracy gespielten Gatten und Staatsanwalt vor Gericht in den Senkel, und Melanie Griffith beweist in «Working Girl», wie frau sich Liebe und Karriere zu erkämpfen weiss. Die starrköpfige Protagonistin aus Jane Campions «The Piano» ist sogar so autark, dass sie am Ende nicht den melodramatischen Suizid, sondern das Familienglück wählt und sogar zu sprechen lernt. Selten hat ein Happy End die Filmkritiker so vor den Kopf gestossen wie dieses. Prompt wurde dem Film vorgeworfen, er habe es sich mit seiner Auflösung leichtgemacht. Dabei ist gerade das Ende das Subversivste des ganzen Werks. Offenbar hätte man es wohl lieber gesehen, dass die Frauenfigur für ihren Willen zur Emanzipation mit dem Leben bezahlen muss, so wie ein Jahr zuvor die beiden Hauptfiguren aus «Thelma & Louise».
Während im Filmpodium vom Aufbruch der Frauen erzählt wird, führt das Xenix auch geografisch in alternative Welten: Etwa in die berückende Landschaft des Himalaja im Falle von «Samsara» in der sich – entgegen dem ersten Anschein – durchaus (emotionale) Abgründe verbergen, oder ins märchenhafte Korea von «Chunhyang». Bis nach Lappland geht die audiovisuelle Reise, bis ins Zelt der resoluten Witwe Anni, die im Film «Kukushka» nicht nur einen russischen Korporal bei sich aufnimmt, sondern auch einen finnischen Kriegsflüchtling, was prompt zu – nicht nur sprachlichen – Verwirrungen führt.
Wer indes glaubt, in den fernen Kinowelten glücklich aller Behelligung durch Fussball entronnen zu sein, der täuscht sich. In «La gran final», der als Premiere im Xenix zu sehen ist, erzählt der Regisseur Gerardo Olivares von den mitunter äusserst skurrilen Schwierigkeiten jener, die in entlegenen Winkeln der Welt ein WM-Endspiel sehen wollen. Im brasilianischen Amazonas-Dschungel fehlt das Kabel, in der Téneré-Wüste Nigers die Antenne und im mongolischen Altai-Gebirge der Strommast. Doch die Fussballfreude ist auch durch solche Umstände nicht kleinzukriegen. In «Phörba» des tibetischen Lama Khyentse Norbu wird gar ein ganzes buddhistisches Kloster fussballverrückt. – Und auch im Filmpodium geht es nicht ganz fussballfrei zu: In «Bend it like Beckham» um ein Mädchen aus einer indischen Einwandererfamilie, das unbedingt Fussball spielen will, werden Feminismus, Multikulturalismus-Debatte und Sportfieber charmant verknotet. So rollt denn der Fussball auch in die EM-Sperrzonen der Programmkinos. Immerhin: Vorschriften, welche Sponsorenmarken die Kinozuschauer auf ihren Kleidern zu tragen haben, haben weder das Xenix noch das Filmpodium erlassen.
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