Mittwoch, 08. Oktober 2008, 03:32:00 Uhr, NZZ Online
Martin Alioth, Dublin
Vier russische Diplomaten in London und vier britische Diplomaten in Moskau haben ihre Koffer gepackt und planen ihre unfreiwillige Heimreise. Gegenseitige Besuche auf Beamtenebene sind untersagt, die Zusammenarbeit bei der Terrorabwehr abgebrochen: So weit das vorläufige Fazit der Affäre Litwinenko; es herrscht dicke Luft.
Die britische Polizei scheint stichhaltige Indizien dafür gefunden zu haben, dass der ehemalige russische Geheimdienstagent Andrei Lugowoi letzten November persönlich die Ermordung seines ehemaligen Kollegen Alexander Litwinenko in London arrangiert hat. In der Bar des «Millennium Hotels» soll er ihm die toxische Substanz Polonium-210 in den Tee gesprüht haben, woran Litwinenko qualvoll starb.
Die Ermordung eines britischen Bürgers mitten in London musste strafrechtliche Konsequenzen haben. Doch das britische Auslieferungsgesuch für Lugowoi – der nicht bloss seine Unschuld beteuert, sondern auch den britischen Geheimdienst, die tschetschenische Mafia und den Oligarchen Boris Beresowski des Mordes bezichtigt – war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Denn nicht genug damit, dass der inzwischen zum Geschäftsmann gewordene Lugowoi einst in russischen Staatsdiensten stand, darüber hinaus verbietet die russische Verfassung die Auslieferung eigener Bürger. Immerhin wird Lugowoi künftig auf Auslandreisen verzichten müssen.
Der neue britische Aussenminister David Miliband – pikanterweise der Sohn eines Marxismus-Experten – begründete die Eskalation der Meinungsverschiedenheit mit der britischen Wertschätzung für den Rechtsstaat. In Moskau indessen wird das nicht goutiert, denn die Briten weigern sich seit Jahren, den schwerreichen Putin-Kritiker und Intriganten Beresowski auszuliefern, der britisches Asyl geniesst. Beresowski selbst, der einst Litwinenko finanziert hat, wartete letzte Woche mit einem neuen Komplott auf: Im Juni habe Scotland Yard einen gedungenen Mörder in einem Londoner Hilton-Hotel verhaftet, bevor er ein geplantes Attentat auf Beresowski in die Tat umsetzen konnte. Der Mann wurde anschliessend mangels Beweisen abgeschoben. Tatsächlich bestätigte die Londoner Polizei die Verhaftung, aber Beresowski hat schon mehrfach behauptet, er schwebe wieder in Lebensgefahr.
Im Gegensatz zum relativ unbedeutenden Litwinenko ist Beresowski tatsächlich ein Stachel im russischen Fleisch. Er finanziert mit Vorliebe antirussische Bewegungen an der Peripherie des riesigen Reiches und ruft zwischendurch zum gewaltsamen Sturz von Präsident Wladimir Putin auf. Putin selbst indessen bemühte sich sichtlich, einen Strich unter die bilaterale Verstimmung zu ziehen. Er sprach von einer «Mini-Krise» und verzichtete darauf, mit dem dicken Knüppel zurückzuschlagen. Denn beide Seiten sind weiterhin am Geschäft interessiert: die Briten an ihren Investitionen im russischen Energiesektor, die Russen am Londoner Kapitalmarkt.
Die neue Regierung von Gordon Brown sucht unverkennbar nach einem eigenen Weg, sendet aber widersprüchliche Signale aus. Subalterne Minister kritisierten die amerikanische Haltung im Irak und deuteten eine eigenständige Politik an, doch Brown und Miliband griffen sogleich beschwichtigend ein und beteuerten aussenpolitische Kontinuität.
Für die britische Aussenpolitik kommt der neue Kalte Krieg mit Moskau zu einem ungelegenen Zeitpunkt. Es stimmt, dass die Briten und die Russen sich traditionell eher befehden als verbünden. Der deutsche Reichskanzler Bismarck sprach 1876 vom Wal und dem Elefanten, als sich die britische Flotte und die russische Landmacht vor Konstantinopel argwöhnisch gegenüberlagen. Seither sind die beiden Dickhäuter zurückhaltender geworden. Aber Elefant und Wal vergessen bekanntlich nichts.
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