Mittwoch, 07. Januar 2009, 08:27:49 Uhr, NZZ Online
Brasilien verpasst die wichtigen Rendez-vous – Dritter Olympiasieg für die US-Fussballerinnen
Von Corinne Schlatter
Meistens lassen sich Geschichten auf verschiedene Arten erzählen – je nach Betrachter, je nach Wahrnehmung, je nach Optik nehmen sie einen ganz unterschiedlichen Lauf. «Es sieht so aus, als hätte dieses Mal jemand die Geschichte extra für uns geschrieben», hatte die brasilianische Stürmerin Cristiane vor dem Olympiafinal noch optimistisch gesagt. Damit hatte sie freilich ganz anderes gemeint, als ihr und ihren Teamkolleginnen Donnerstagnacht im Pekinger Arbeiter-Stadion widerfuhr.
Die Brasilianerinnen waren nach Peking aufgebrochen, um den Fluch zu besiegen. Nach Niederlagen im Olympiafinal 2004 (gegen die USA) und im WM-Endspiel 2007 (gegen Deutschland) wollten sie endlich ein grosses Turnier gewinnen und beweisen, dass sie – entgegen ihrer Reputation – in wichtigen Momenten nicht versagen. Vor allem die zweimalige Weltfussballerin und stupende Technikerin Marta stand unter Druck, hatte sie doch als überragende Spielerin des WM-Turniers im vergangenen Jahr im Endspiel einen Penalty verschossen.
Brasilien trat am Anfang des Finals sehr selbstbewusst auf, es war offensichtlich, dass nicht nur Cristiane an die speziell für Brasilien geschriebene Geschichte glaubte. Dies notabene, nachdem im Halbfinal die Weltmeisterinnen aus Deutschland klar 4:1 besiegt worden waren und im Endspiel wie vor vier Jahren in Athen abermals die USA gegenüberstanden. Doch zuletzt kam alles ganz anders.
Zugegeben: Unter normalen Umständen werden Olympia-Geschichten andersherum erzählt. Im Mittelpunkt stehen die Gewinnerinnen und Gewinner sowie die Würdigung ihrer Leistung, ihrer Siege. Doch was ist denn schon normal? So traurig wie die Brasilianerinnen kurz nach Mitternacht auf dem Podest standen und sich alles Elend dieser Welt aus dem Leibe heulten, kann die Betrachterin am Rande fast nicht anders, als sich über die Tragödie der Geschichte zu nähern.
Oder anders ausgedrückt: Nach dem in ihrer Heimat so heftig kritisierten Halbfinal-Aus des brasilianischen Männerteams gegen Argentinien ist nun auch die «Seleção feminina» auf ihrem Weg zum Ruhm gescheitert. In einem dramatischen Final verloren die Favoritinnen vor 51 612 Zuschauern gegen das Team aus den USA 0:1 nach Verlängerung, obwohl sie die Partie mehrheitlich dominiert und sich einige Torchancen erarbeitet hatten. Doch der fast unerschöpfliche Elan und Kampfgeist von Marta und den andern brasilianischen Angriffsspielerinnen Cristiane und Daniela wurde von den Amerikanerinnen stets wieder gebremst. Schliesslich zog in der 96. Minute auf der Gegenseite Carli Lloyd an der Strafraumgrenze durch und erzielte den Siegtreffer für das US-Team.
Nach 1996 und 2004 war dies der dritte Sieg der USA bei der insgesamt vierten Qualifikation für das olympische Endspiel. In Sydney hatten sich die Amerikanerinnen mit der Silbermedaille begnügen müssen, nachdem sie gegen Norwegen in der Verlängerung 2:3 verloren hatten. Bronze gewannen in Peking wie schon 2000 und 2004 die Deutschen, die dank Treffern von Fatmire Bajramaj in der 68. und der 87. Minute Japan 2:0 besiegten.
Die Brasilianerinnen, die im Gegensatz zu den ausschliesslich in der US-Universitäts-Meisterschaft spielenden Amerikanerinnen im Ausland engagiert sind, hatten nach Spielende Mühe, ihre Gedanken in Worte zu fassen. «Es waren nicht die Möglichkeiten, die fehlten, uns mangelte es an Geduld», versuchte Marta, doch noch sachlich zu analysieren. Die 22-Jährige fragte sich trotzdem, weshalb in den Finals regelmässig alles schiefläuft. Die Spielerinnen der USA, wo 2009 ein neuer Versuch mit einer professionellen Liga gemacht wird (die letzte machte 2003 Konkurs), führten ihren Erfolg in erster Linie auf ihr starkes Teamgefüge zurück. Immerhin: Brasilien bleibt die Chance zur Revanche. Am Samstag im Volleyball-Final der Frauen. Gegen die USA.
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