Donnerstag, 21. August 2008, 22:47:51 Uhr, NZZ Online
Mehrere hundert Wohnungen von Polizei in mehreren Staaten durchsucht
(sda/afp/dpa/ap) Es bestehe der Verdacht, dass in einigen der durchsuchten Objekte Labors zur Herstellung von Betäubungsmitteln auf Basis chemischer Stoffe betrieben worden seien, teilte das Bundesamt für Polizei (Fedpol) mit. Sie stehen ausserdem im Verdacht, aus verschiedenen Grundstoffen Drogen hergestellt und verkauft zu haben.
Polizeiaktionen gab es in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden, Aargau, Bern, beiden Basel, Freiburg, Graubünden, Nidwalden, St. Gallen, Schaffhausen, Solothurn, Schwyz, Thurgau, Uri, Wallis, Zug und Zürich. Die Polizeiaktion erfolgte in enger Absprache mit den deutschen und österreichischen Stellen.
Die Koordination lag bei der deutschen Bundeskriminalpolizei. Hintergrund der Grossaktion sind Verfahren in Bayern, für die seit mehreren Monaten ermittelt wird. Zwei Chemikalienhändler aus dem Grossraum München und in der Lüneburger Heide stünden im Verdacht, via Internet Chemikalien zur Herstellung von Amphetamin und anderen synthetischen Drogen zu verkaufen, teilte das bayerische Landeskriminalamt (LKA) mit.
Die verdächtigten Personen sollen die als «K.O.-Tropfen» bekannte Substanz Gamma-Butyrolacton (GBL) konsumiert und vertrieben haben. Sie stehen ausserdem im Verdacht, aus verschiedenen Grundstoffen Drogen hergestellt und verkauft zu haben. GBL wird in der Industrie verwendet, kann aber auch als Droge missbraucht werden.
Die Substanz ist fast geruch- und geschmacklos und wird immer wieder zur Betäubung von Menschen zwecks Raub oder Vergewaltigung eingesetzt, wie das Fedpol schreibt. Bekannt ist der Stoff als Partydroge «liquid XTC» oder als Vergewaltigungsdroge «rape drug». Im Zusammenhang mit dem Konsum dieser Drogen wurden bereits einige Todesfälle bekannt.
Bei den Durchsuchungen in Deutschland seien schon einige Labors gefunden worden, sagte ein Sprecher der deutschen Behörden. «In einem Objekt haben wir einen Lastwagen gebraucht zum Abtransport der sichergestellten Chemikalien», sagte der Sprecher der Nachrichtenagentur AP. In einem Verfahren gibt es zudem Hinweise auf den Handel mit Chemikalien für Sprengstoff.
Das stark lösungsmittelhaltige GBL wird in Deutschland nur vom Chemiekonzern BASF hergestellt und als ein Bestandteil für Reinigungsmittel verkauft. Ein Liter GBL reicht für grosse Mengen Reinigungsmittel. Im menschlichen Körper werde GBL von selbst in das gefährliche Rauschmittel GHB umgewandelt. Süchtigen reiche eine Tagesdosis von drei Milliliter. Um Missbrauch zu vermeiden, melde BASF private Käufer an die Behörden.
Gemäss dem Fedpol-Sprecher hat der Kontakt mit den deutschen Ermittlern Abklärungen in der Schweiz ausgelöst. Er wies darauf hin, dass die Zielpersonen und -unternehmen der Aktion nicht zwingend miteinander zu tun hätten. Die Aktion richte sich nicht gegen einen eigentlichen «Ring» von Drogenproduzenten. Schwerpunkt der Aktion sei Deutschland gewesen, sagte Balmer. Allein dort seien 600 Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht worden. In der Schweiz sei das Ausmass wesentlich kleiner. Zu Ergebnissen der Razzien gab es noch keine Informationen.
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