Mittwoch, 07. Januar 2009, 08:20:31 Uhr, NZZ Online
fcl. Freienbach, 7. Oktober
Die mentalen Aufräumarbeiten dauerten nur zwanzig Minuten, dann schloss der Chef die Sitzung. Die Nachbearbeitung war zu Ende und das Thema Luxemburg per Verfügungsgewalt des Trainers für abgeschlossen erklärt. Ottmar Hitzfeld brauchte am Dienstag nicht tief in die Forschung nach den Ursachen der 1:2-Niederlage einzutauchen, «jeder weiss, dass er nicht die Leistung gebracht hat, zu der er eigentlich fähig wäre», sagte der Schweizer Nationalcoach. Früher war sein Gesicht wie Pauspapier, eine öffentliche Seelenzeichnung. Seine Gemütsverfassung liess sich darin ablesen, und manchmal sah Hitzfeld nicht gut aus. Knapp vier Wochen nach dem Unfall gegen Luxemburg sind ihm die Chaostage nicht mehr anzusehen. Hitzfeld lächelte am Abend vor den Medien nach dem ersten Training in Freienbach. Gezielte Kritik an seiner Person gab es nach der Niederlage kaum, Hitzfeld wurde ausgezont wie ein Sonderfall. Weil Hitzfeld Hitzfeld ist.
Es war eine Form von Personenschutz, die dem Trainer selber eigenartig vorgekommen war. Beruhigt hat es ihn nicht, dass nur die Spieler öffentlich attackiert worden waren; es war ihm fast unangenehm. Die konsequente «Wir-Form» ist seine Antwort. «Wir haben einiges gutzumachen», sagte er, jeder müsse sich der Verantwortung, die er nun zu tragen habe, bewusst sein. Fast einen Monat lang dauerte der Verarbeitungsprozess für den Trainer, die Fussballer lenkte in dieser Zeit der Alltag in den Klubs ab. «Die Spieler können es fast besser verarbeiten als der Trainer», sagt Hitzfeld, der endlos warten musste, bis er endlich wieder eingreifen und reparieren konnte.
Der Glaube an Hitzfeld ist vor den beiden WM-Qualifikations-Spielen gegen Lettland am Samstag und Griechenland (vier Tage später) nicht kleiner geworden. Nur erwartet man jetzt von ihm vielleicht noch mehr als vorher; nun soll er als Handaufleger die Krise vertreiben. Erst jetzt muss sich Hitzfeld als wahrer Glücksfall erweisen, und es gibt niemanden unter den vielen Fussballexperten, der ihm die Wende nicht zutrauen würde; zumindest wagt es keiner, es laut zu sagen, sollte er anders denken. Auch diese Einhelligkeit in diesem Sport der tausend Meinungen ist bemerkenswert. Abweichler gibt es nicht.
Schon beim Amtsantritt war es Hitzfeld nicht geheuer gewesen, wie ein «Messias» empfangen zu werden. Doch die Ansprüche bleiben weiterhin gross. Über 18 000 Tickets sind für das Spiel gegen Lettland in St. Gallen verkauft worden. Das Stadion ist ausverkauft, die Hoffnung auf eine WM-Qualifikation ungebrochen. Aber wollen die Schweizer Fussballer nicht schon früh ausweglos in eine Sackgasse geraten, müssen sie in den nächsten beiden Partien vier Punkte gewinnen. Damit hätten sie noch nichts korrigiert, die Situation nur nicht weiter verschlimmert.
Erst verzögert wird spürbar, wie sehr die zweijährige Phase vor der Euro mit ausschliesslich Testspielen nachwirkt, wie sehr sie die Mannschaft beeinflusst hat. «Die Freundschaftsspiele sind vorbei», sagte Hitzfeld. Er könnte jetzt zur allgemeinen Beruhigung behaupten, das 1:2 gegen Luxemburg sei definitiv verarbeitet. Aber auf die Frage, was ihn zuversichtlich stimme, dass die Spieler das «Trauma» abgehakt hätten, sagt er: «Das kann ich erst nach dem Spiel gegen Lettland beantworten. Ein Fragezeichen bleibt immer.»
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