Mittwoch, 07. Januar 2009, 04:13:53 Uhr, NZZ Online
dol. New York, 5. September
Die eine hat vor drei Wochen den Titel gewonnen, der ihr von allen am wichtigsten ist. Die Goldmedaille sei der Traum ihres Lebens, durch nichts zu überbieten, hatte Jelena Dementjewa nach dem Olympiasieg in Peking gesagt. Der Titel am US Open wäre eine schöne, begeisternd gut dotierte Dreingabe gewesen, aber daraus wird nichts mehr werden. Am Freitag in New York unterlag Dementjewa der Serbin Jelena Jankovic 4:6, 4:6, und die zieht damit zum ersten Mal in ihrer Karriere in den Final eines Grand-Slam-Turniers ein. Die Gegnerin wurde in der folgenden Partie zwischen Serena Williams und Dinara Safina ermittelt.
Auf Grand-Slam-Ebene war Jelena Jankovic auch vor diesem Erfolg schon die stabilste Spielerin eines wechselhaften Jahres gewesen. In Melbourne und Paris spielte sie im Halbfinal, verlor jeweils gegen die spätere Siegerin – zuerst Scharapowa, dann Ivanovic –, und in Wimbledon unterlag sie in der vierten Runde der routinierten Rasen-Fachfrau aus Thailand, Tamarine Tanasugarn. Dementjewa hatte während des ganzen Jahres alles auf das grosse Ziel Olympia ausgerichtet, und der höchst emotionale Erfolg in Peking hatte ihr recht gegeben.
Auf der Tribüne sassen an diesem sonnigen, aber sehr windigen Nachmittag wie immer die Mütter der beiden Spielerinnen, in Erscheinung und Charakter genauso unterschiedlich wie die Töchter. An der einen Seite des Platzes Snezana Jankovic, sichtlich lebenslustig und extrovertiert, mit allerlei güldenen Ketten an Hals und Handgelenken, an der anderen Seite Wera Dementjewa, streng wie eine Gouvernante mit einer bis zum Hals geschlossenen Streifenbluse und einem weissen Hütchen zum Schutz gegen die Sonne. Aber sie können offensichtlich auch anders, die Dementjewas. Erst neulich hatte Jelena versichert, sie sei keineswegs immer so seriös und in sich gekehrt, wie es während eines Spiels erscheine; sie tue nur so.
Sie erwischte den besseren Start, schnappte sich gleich Jankovics erstes Aufschlagspiel und dominierte das Geschehen bis zum Stand von 4:2. Da spielte sie so, wie es Patty Schnyder nach dem Viertelfinal beschrieben hatte: enorm druckvoll, läuferisch stärker als je zuvor und sehr konzentriert. Doch dann schlichen sich die ersten Fehler ein, die Nervosität stieg sichtlich, und diese Veränderung nutzte Jankovic sofort. Sie holte Spiel um Spiel auf, machte aus dem 2:4 ein 6:4, und ein ähnliches Spiel wiederholte sich im zweiten Satz.
Wieder wirkte Dementjewa zu Beginn stabil, wieder kam die Nervosität zurück, und die Zahl ihrer unerzwungenen Fehler wuchs immer mehr. Am Ende waren es 42 und damit fast doppelt so viele wie bei Jankovic. Die machte zweimal einen Aufschlagverlust wett, glich zum 3:3 aus, wehrte danach einen entscheidenden Breakball mit einem mutigen Rückhandschuss der Linie entlang ab, und dann ging alles ziemlich schnell. Dementjewas sechstem und letztem Doppelfehler folgten drei Matchbälle für Jelena Jankovic, und mit dem zweiten war sie erfolgreich. Der gemeinsame Handschlag am Netz fiel eher nüchtern aus; sie sind halt wirklich sehr unterschiedlich, die beiden.
Die 23 Jahre alte Serbin steht nun nicht nur zum ersten Mal in einem Grand-Slam-Final, sie wahrte auch die Chance, nach dem Ende des Turniers wieder die Nummer 1 des Frauentennis und damit Nachfolgerin von Ana Ivanovic zu sein. Eine Woche lang war sie es im August schon gewesen, aber gegen einen längeren Aufenthalt auf dem Gipfel hätte sie nichts einzuwenden.
Und in diesem Wettbewerb hatte sie vor dem zweiten Halbfinal nur noch eine Konkurrentin, Serena Williams. Dinara Safina war so oder so raus aus diesem Wettbewerb, aber wenn man ihrem nicht ganz unbekannten Bruder Marat glauben darf, dann wird die Nummer 1 irgendwann sicher in der Familie landen. Serena Williams hat auch keine Zweifel, wie das mit der Nummer 1 weitergehen wird. «Ich will hier den Titel», hatte sie nach dem Sieg im begeisternden Viertelfinal gegen ihre Schwester Venus gesagt. «Und früher oder später werde ich sowieso wieder die Nummer 1 sein».
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