Mittwoch, 09. Juli 2008, 13:22:51 Uhr, NZZ Online
Auch zwei Wochen nach dem verheerenden Sturm «Nargis» liegen in fast allen Strassen Ranguns noch Trümmer und Baumstämme herum. Sonst deutet aber wenig darauf hin, dass der Zyklon Zehntausenden das Leben gekostet und Hunderttausende obdachlos gemacht hat. Hin und wieder begegnet man in den Vororten zivilen und militärischen Lastwagen, die auf dem Weg ins Delta sind. Doch die Hilfsaktion, von der in den lokalen Medien grossspurig die Rede ist, hat auf den schmalen und von Schlaglöchern gezeichneten Strassen noch keine Staus provoziert. Vereinzelt fallen Kleinlaster mit Banner von Hilfsorganisationen auf.
Weiter draussen kündigt sich mit weiten Reisfeldern bereits das Irrawaddy-Delta an – und die Armut. Während das Zentrum Ranguns trotz der Baufälligkeit und der Verwilderung seiner Gebäude und ungeachtet der Zerstörungen durch den Zyklon eine gewisse Anmut ausstrahlt und über Einkaufszentren und zahlreiche kleine Läden verfügt, tritt ausserhalb der Agglomeration rasch der niedrige Entwicklungsstand des 54 Millionen Einwohner zählenden Landes hervor. Nimmt man beispielsweise die Motorisierung zum Massstab, liegt das Land weit hinter den Nachbarstaaten zurück. Während etwa in Kambodscha und Laos das Motorrad rasch das Fahrrad aus dem Strassenbild verdrängt, fährt man hier noch Velo oder geht zu Fuss. Vor allem aber zeigt sich der Lebensstandard an den vorwiegend aus Holz gebauten Behausungen, die zwischen Strasse und Reisfeld eingeklemmt sind. Kanäle und sumpfige Böden werden auf quergelegten Baumstämmen überquert. Westlich von Rangun, wo der Zyklon durchgezogen ist, sind rund die Hälfte dieser Hütten weggefegt worden.
Entlang der Strasse Richtung Kunyagon im Südwesten sind alle Betonmasten umgefallen, und die Stromleitungen liegen in den Reisfeldern. Bereits machen sich aber kleine Bautrupps daran, die Pfeiler wieder aufzurichten und neue Leitungen zu spannen. Die meisten Teile Ranguns verfügen denn auch bereits wieder über Elektrizität. Wer noch nicht angeschlossen ist und das nötige Kleingeld hat, behilft sich mit Generatoren. Der Dieselpreis, der zeitweise auf 12 000 Kyat pro Gallone (rund 12 Dollar) geklettert war, liegt jetzt wieder bei 6000 Kyat. Das ist aber selbst anständigen Hotels noch zu viel. Der Not gehorchend behelfen sie sich am Abend mit Kerzenlicht.
Die schmale Strasse nach Kunyagon, der Stadt, über die der Orkan auf dem Weg nach Rangun hinweggezogen ist, wirkt zunächst frei. Es gibt wenig Verkehr, und der Fahrer meint, hier gebe es vielleicht keine Kontrollen. Bei den ersten Checkpoints der Polizei, die aus kleinen Holzhütten am Strassenrand bestehen, streckt der Fahrer jeweils ein paar Geldscheine aus dem Fenster. Doch bald tauchen in der Ferne Barrikaden und Soldaten auf. Deren Blick gilt vor allem dem Ausländer. Langnasen, wie Weisse auch genannt werden, sind – so freundlich man ihnen in Rangun begegnet – hier nicht erwünscht. Die Hoffnung, dass sich der junge und auffallend gepflegt wirkende Soldat vom Visum im Pass überzeugen lassen würde, erweist sich als verfrüht. Ohne Spezialbewilligung gibt es zum Zentrum des Katastrophengebiets keinen Zugang. Der kritische Blick fällt dann auf eine Unebenheit im Visumstempel, die der Beamte auf der betreffenden Botschaft zu verantworten hat. Das Visum, so übersetzt die Begleiterin, sei offensichtlich gefälscht. Alle Beteuerungen nützen nichts. Die Personalien werden notiert, und es wird erklärt, alle Wageninsassen, die hier ins Sperrgebiet einzudringen versucht hätten, müssten sich später dafür verantworten.
Die Abriegelung des Deltas wird laufend verstärkt. Burma will die Katastrophe alleine meistern. Dass es dies kann, glaubt allerdings, abgesehen vielleicht von der Junta, die in weiter Ferne residiert, niemand. Die Dimensionen der Zerstörungen sind viel zu gross. Wo der Zyklon eine Flutwelle vor sich hergetrieben hat, sind nach Einschätzung von Hilfsorganisationen nicht nur weite Landwirtschaftsflächen verwüstet und die ebenfalls fürs Überleben wichtigen Nutztiere tot, sondern auch die meisten Familienstrukturen zerstört. Eine Autostunde ausserhalb Ranguns sind Auffangzonen für Flüchtlinge entstanden, die in fensterlosen Rohbauten, Zeltlagern, Schulhäusern oder Klöstern Unterschlupf finden.
Für die Hilfswerke ist es besonders stossend, dass auch ausländischen Spezialisten, die zur Inbetriebnahme technischer Anlagen – etwa zur Wasseraufbereitung oder zur medizinischen Versorgung – nötig wären, die Visa verweigert werden oder dass solche Helfer spätestens an Kontrollposten abgewiesen werden. Mittlerweile sind zwar reichlich Hilfsgüter auf dem Flughafen in Rangun eingetroffen; derzeit zählt man etwa 18 Flüge pro Tag. Aber ein Teil des Materials kann nicht verteilt werden. Ein anderer, so vermutet man, verschwindet in den Kasernen. Alleine zur Deckung des Nahrungsmittelbedarfs wären pro Tag mindestens 300 Tonnen Esswaren nötig.
Dass sich hier im Urteil aller Hilfsorganisationen ein beispielloser Fall von Verweigerung humanitärer Hilfe abspielt, lässt die Regierung offenbar kalt. Sie hat verkündet, dass im Referendum die neue Verfassung bei einer Stimmbeteiligung von über 90 Prozent mit 92 Prozent Ja-Stimmen angenommen worden sei; so wird den Überlebenden im Katastrophengebiet, wo noch nicht abgestimmt werden konnte, auf andere Weise klar gemacht, dass sie eigentlich überflüssig sind. Überdies verkündete der Informationsminister, die Rettungsphase sei abgeschlossen und man gehe nun zum Wiederaufbau über; dabei haben Abertausende der Überlebenden noch kein Hilfspaket gesehen, und Tausende von Leichen sind noch nicht geborgen worden.
Die Abschottung des Krisengebiets passt zwar zur isolationistischen Haltung und zur Schizophrenie und Xenophobie der Militärregierung, doch erreicht die Unbarmherzigkeit des Regimes in dieser grössten menschlichen Katastrophe des Landes eine neue Dimension. Erklärende Theorien verweisen auf eine angeblich panische Angst der Junta vor einer amerikanischen Invasion. Etwas realitätsnäher, aber ziemlich abstossend ist der Gedanke, dass die Junta nichts tut, weil das Delta traditionell von vielen Minoritäten wie Karen und Arakan bevölkert ist und folglich als Rekrutierungsgebiet für Aufständische gilt. Den Preis für die sture Haltung zahlen die Opfer. Er addiere sich allerdings, so meinte der Botschafter eines Landes, der schon während der September-Unruhen kein Blatt vor den Mund genommen hatte, zu einer schweren Hypothek, unter der die Junta das Land regiere. Eines Tages werde sich das rächen.
Rangun, 16. Mai. (ap) Zwei Wochen nach dem Zyklon «Nargis» in Burma ist die offizielle Zahl der Toten nach oben korrigiert worden. Das staatliche burmesische Fernsehen sprach am Freitag von 78 000 Todesopfern. Die Zahl der Vermissten wurde mit 56 000 angegeben. Die Vereinten Nationen erklärten, sie rechneten letztlich mit mehr als 100 000 Toten. Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften setzte die Zahl sogar bei 128 000 an.
Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon will den Koordinator für humanitäre Einsätze, John Holmes, zur Erkundung der Lage nach Burma entsenden. Holmes soll das Militärregime überzeugen, weitere Helfer der Vereinten Nationen ins Land zu lassen und die Hilfe für die Überlebenden deutlich aufzustocken. Nach Angaben einer EU-Sprecherin in Burma will die Junta am Samstag ausländische Diplomaten in das Irrawaddy-Delta reisen lassen. Die Uno rechnet mit 1,5 bis 2,5 Millionen Menschen, die dringend Trinkwasser, Lebensmittel, Unterkünfte und medizinische Versorgung benötigen. Bisher haben Rettungskräfte lediglich 270 000 Überlebende erreicht. Die Junta habe 40 Visa für Uno-Mitarbeiter und 46 weitere für Angehörige von Nichtregierungsorganisationen genehmigt, erklärte die Uno. Die Aufenthaltserlaubnis beschränke sich jedoch auf die Umgebung von Rangun.
Leser-Kommentare: 9 BeiträgeDieter Portmann (20. Mai 2008, 00:36)
Marco Parisi (18. Mai 2008, 13:23)
Urs Müller (17. Mai 2008, 13:18)
Nicole Mai (17. Mai 2008, 13:16)
Jan Stiefel (17. Mai 2008, 12:59)
Christoph Gruber (17. Mai 2008, 12:42)
Ping An Shao (17. Mai 2008, 12:35)
Dieter Portmann (17. Mai 2008, 11:34)
Jens Poulsen (17. Mai 2008, 11:27)