[Alt + 1] zur Startseite [Alt + 2] zum Seitenanfang [Alt + 3] zur allgemeinen Navigation [Alt + 4] zur Hauptnavigation [Alt + 5] zum Inhalt [Alt + 6] zu Tipps, Hinweise und Kurzinfos [Alt + 7] zur Suche [Alt + 8] zum Login von MyNZZ [Alt + 9] zur Fusszeile
.
  • 17. Mai 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Burmas Generäle blockieren die humanitäre Hilfe

    Burmas Generäle blockieren die humanitäre Hilfe

    Abriegelung des Irrawaddy-Deltas

    Frau beim Kleiderwaschen In weiten Teilen Burmas müssen die Menschen ohne Hilfe ihren Alltag bewältigen. (Bild: Reuters)
    Toolbox
    Druckansicht
    Auf dem Flughafen von Rangun treffen täglich mehrere Flugzeuge mit Hilfslieferungen ein. Doch die burmesische Militärregierung riegelt das Katastrophengebiet im Irrawaddy-Delta ab. Es spielt sich ein beispielloser Fall von Hilfe-Verweigerung ab. Aus Burma berichtet NZZ-Korrespondent Manfred Rist.

    Auch zwei Wochen nach dem verheerenden Sturm «Nargis» liegen in fast allen Strassen Ranguns noch Trümmer und Baumstämme herum. Sonst deutet aber wenig darauf hin, dass der Zyklon Zehntausenden das Leben gekostet und Hunderttausende obdachlos gemacht hat. Hin und wieder begegnet man in den Vororten zivilen und militärischen Lastwagen, die auf dem Weg ins Delta sind. Doch die Hilfsaktion, von der in den lokalen Medien grossspurig die Rede ist, hat auf den schmalen und von Schlaglöchern gezeichneten Strassen noch keine Staus provoziert. Vereinzelt fallen Kleinlaster mit Banner von Hilfsorganisationen auf.

    Anzeige
    .
    .

    Zerstörte Stromleitungen in den Feldern

    Weiter draussen kündigt sich mit weiten Reisfeldern bereits das Irrawaddy-Delta an – und die Armut. Während das Zentrum Ranguns trotz der Baufälligkeit und der Verwilderung seiner Gebäude und ungeachtet der Zerstörungen durch den Zyklon eine gewisse Anmut ausstrahlt und über Einkaufszentren und zahlreiche kleine Läden verfügt, tritt ausserhalb der Agglomeration rasch der niedrige Entwicklungsstand des 54 Millionen Einwohner zählenden Landes hervor. Nimmt man beispielsweise die Motorisierung zum Massstab, liegt das Land weit hinter den Nachbarstaaten zurück. Während etwa in Kambodscha und Laos das Motorrad rasch das Fahrrad aus dem Strassenbild verdrängt, fährt man hier noch Velo oder geht zu Fuss. Vor allem aber zeigt sich der Lebensstandard an den vorwiegend aus Holz gebauten Behausungen, die zwischen Strasse und Reisfeld eingeklemmt sind. Kanäle und sumpfige Böden werden auf quergelegten Baumstämmen überquert. Westlich von Rangun, wo der Zyklon durchgezogen ist, sind rund die Hälfte dieser Hütten weggefegt worden.

    Entlang der Strasse Richtung Kunyagon im Südwesten sind alle Betonmasten umgefallen, und die Stromleitungen liegen in den Reisfeldern. Bereits machen sich aber kleine Bautrupps daran, die Pfeiler wieder aufzurichten und neue Leitungen zu spannen. Die meisten Teile Ranguns verfügen denn auch bereits wieder über Elektrizität. Wer noch nicht angeschlossen ist und das nötige Kleingeld hat, behilft sich mit Generatoren. Der Dieselpreis, der zeitweise auf 12 000 Kyat pro Gallone (rund 12 Dollar) geklettert war, liegt jetzt wieder bei 6000 Kyat. Das ist aber selbst anständigen Hotels noch zu viel. Der Not gehorchend behelfen sie sich am Abend mit Kerzenlicht.

    Kein Zugang zum Katastrophengebiet

    Die schmale Strasse nach Kunyagon, der Stadt, über die der Orkan auf dem Weg nach Rangun hinweggezogen ist, wirkt zunächst frei. Es gibt wenig Verkehr, und der Fahrer meint, hier gebe es vielleicht keine Kontrollen. Bei den ersten Checkpoints der Polizei, die aus kleinen Holzhütten am Strassenrand bestehen, streckt der Fahrer jeweils ein paar Geldscheine aus dem Fenster. Doch bald tauchen in der Ferne Barrikaden und Soldaten auf. Deren Blick gilt vor allem dem Ausländer. Langnasen, wie Weisse auch genannt werden, sind – so freundlich man ihnen in Rangun begegnet – hier nicht erwünscht. Die Hoffnung, dass sich der junge und auffallend gepflegt wirkende Soldat vom Visum im Pass überzeugen lassen würde, erweist sich als verfrüht. Ohne Spezialbewilligung gibt es zum Zentrum des Katastrophengebiets keinen Zugang. Der kritische Blick fällt dann auf eine Unebenheit im Visumstempel, die der Beamte auf der betreffenden Botschaft zu verantworten hat. Das Visum, so übersetzt die Begleiterin, sei offensichtlich gefälscht. Alle Beteuerungen nützen nichts. Die Personalien werden notiert, und es wird erklärt, alle Wageninsassen, die hier ins Sperrgebiet einzudringen versucht hätten, müssten sich später dafür verantworten.

    Die Abriegelung des Deltas wird laufend verstärkt. Burma will die Katastrophe alleine meistern. Dass es dies kann, glaubt allerdings, abgesehen vielleicht von der Junta, die in weiter Ferne residiert, niemand. Die Dimensionen der Zerstörungen sind viel zu gross. Wo der Zyklon eine Flutwelle vor sich hergetrieben hat, sind nach Einschätzung von Hilfsorganisationen nicht nur weite Landwirtschaftsflächen verwüstet und die ebenfalls fürs Überleben wichtigen Nutztiere tot, sondern auch die meisten Familienstrukturen zerstört. Eine Autostunde ausserhalb Ranguns sind Auffangzonen für Flüchtlinge entstanden, die in fensterlosen Rohbauten, Zeltlagern, Schulhäusern oder Klöstern Unterschlupf finden.

    Beispiellose Hilfe-Verweigerung

    Für die Hilfswerke ist es besonders stossend, dass auch ausländischen Spezialisten, die zur Inbetriebnahme technischer Anlagen – etwa zur Wasseraufbereitung oder zur medizinischen Versorgung – nötig wären, die Visa verweigert werden oder dass solche Helfer spätestens an Kontrollposten abgewiesen werden. Mittlerweile sind zwar reichlich Hilfsgüter auf dem Flughafen in Rangun eingetroffen; derzeit zählt man etwa 18 Flüge pro Tag. Aber ein Teil des Materials kann nicht verteilt werden. Ein anderer, so vermutet man, verschwindet in den Kasernen. Alleine zur Deckung des Nahrungsmittelbedarfs wären pro Tag mindestens 300 Tonnen Esswaren nötig.

    Dass sich hier im Urteil aller Hilfsorganisationen ein beispielloser Fall von Verweigerung humanitärer Hilfe abspielt, lässt die Regierung offenbar kalt. Sie hat verkündet, dass im Referendum die neue Verfassung bei einer Stimmbeteiligung von über 90 Prozent mit 92 Prozent Ja-Stimmen angenommen worden sei; so wird den Überlebenden im Katastrophengebiet, wo noch nicht abgestimmt werden konnte, auf andere Weise klar gemacht, dass sie eigentlich überflüssig sind. Überdies verkündete der Informationsminister, die Rettungsphase sei abgeschlossen und man gehe nun zum Wiederaufbau über; dabei haben Abertausende der Überlebenden noch kein Hilfspaket gesehen, und Tausende von Leichen sind noch nicht geborgen worden.

    Die Abschottung des Krisengebiets passt zwar zur isolationistischen Haltung und zur Schizophrenie und Xenophobie der Militärregierung, doch erreicht die Unbarmherzigkeit des Regimes in dieser grössten menschlichen Katastrophe des Landes eine neue Dimension. Erklärende Theorien verweisen auf eine angeblich panische Angst der Junta vor einer amerikanischen Invasion. Etwas realitätsnäher, aber ziemlich abstossend ist der Gedanke, dass die Junta nichts tut, weil das Delta traditionell von vielen Minoritäten wie Karen und Arakan bevölkert ist und folglich als Rekrutierungsgebiet für Aufständische gilt. Den Preis für die sture Haltung zahlen die Opfer. Er addiere sich allerdings, so meinte der Botschafter eines Landes, der schon während der September-Unruhen kein Blatt vor den Mund genommen hatte, zu einer schweren Hypothek, unter der die Junta das Land regiere. Eines Tages werde sich das rächen.

    Offizielle Zahl der Toten bei 78 000

    Rangun, 16. Mai. (ap) Zwei Wochen nach dem Zyklon «Nargis» in Burma ist die offizielle Zahl der Toten nach oben korrigiert worden. Das staatliche burmesische Fernsehen sprach am Freitag von 78 000 Todesopfern. Die Zahl der Vermissten wurde mit 56 000 angegeben. Die Vereinten Nationen erklärten, sie rechneten letztlich mit mehr als 100 000 Toten. Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften setzte die Zahl sogar bei 128 000 an.

    Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon will den Koordinator für humanitäre Einsätze, John Holmes, zur Erkundung der Lage nach Burma entsenden. Holmes soll das Militärregime überzeugen, weitere Helfer der Vereinten Nationen ins Land zu lassen und die Hilfe für die Überlebenden deutlich aufzustocken. Nach Angaben einer EU-Sprecherin in Burma will die Junta am Samstag ausländische Diplomaten in das Irrawaddy-Delta reisen lassen. Die Uno rechnet mit 1,5 bis 2,5 Millionen Menschen, die dringend Trinkwasser, Lebensmittel, Unterkünfte und medizinische Versorgung benötigen. Bisher haben Rettungskräfte lediglich 270 000 Überlebende erreicht. Die Junta habe 40 Visa für Uno-Mitarbeiter und 46 weitere für Angehörige von Nichtregierungsorganisationen genehmigt, erklärte die Uno. Die Aufenthaltserlaubnis beschränke sich jedoch auf die Umgebung von Rangun.

     


    .
    Leserkommentare ein- und ausblenden Leser-Kommentare: 9 Beiträge
    • Dieter Portmann (20. Mai 2008, 00:36)

      bitte nochmals nachlesen

      @Marco Parisi
      Ich habe nichts geschrieben, dass mittels eines weiteren Krieges geholfen werden soll. Mit dem gleichen Aufwand und mit den gleichen Mitteln wie ein Krieg geführt wird, wäre eine ausgebaute Hilfsorganisation besser!
      Alles klar?
    • Marco Parisi (18. Mai 2008, 13:23)

      Eingreifen in Burma...

      Werter Herr Portmann,
      Bevor man von einer militärischen Intervention spricht, sollte man sich zuerst selbst fragen ob man bereit ist für diese Sache zu sterben. Einfach die Jungs hinschicken ist einfach. Besonders da wir Europäer es generell anderen überlassen um anschliessend zu bemängeln was falsch gemacht wurde.
    • Urs Müller (17. Mai 2008, 13:18)

      Vor den Internationalen Strafgerichtshof

      Gehört Generalissimus Than Shwe zusammen mit Hú Jǐntāo, dem Präsidenten des Staates der die Junta von Myanmar/Burma durch dick und dünn gegen Verurteilungen schützt und deren Weiterregieren direkt oder indirekt fördert.
      Die folgenden Staaten treiben offiziell Handel mit Burma und fördern damit ebenfalls die Generäle:
      Thailand 48.8%, India 12.7%, China 5.2%, Japan 5.2% (2006).
      Aber ich denke, wir gehen lieber nach Peking an die Olympiade und bejubeln dort das Stadion von Herzog und De Meuron und den modernen chinesischen Staat. Unsere Informatik sourcen wir weiterhin in Indien und Ferien in Thailand sind ja auch sehr schön.
    • Nicole Mai (17. Mai 2008, 13:16)

      Forderung für einen UNO Durchbruch

      Die Unmenschlichkeit und Erbarmungslosigkeit dieses Regimes provoziert die gesamte zivilisierte Menschheit. Wenn alle Machthaber dieser Welt weiter zuschauen und nur wirkungslose Kritik abgeben, sind sie im Grunde genommen auch nicht viel besser.
      Es wäre jetzt an der Zeit, dass die UNO einen Durchbruch zeigen könnte. Ich bin mir sicher, dass das burmesische Volk sich nicht dafür bedankt, dass die Souveränität dieses teuflischen Regimes respektiert wird.
    • Jan Stiefel (17. Mai 2008, 12:59)

      Was raten unsere Burma-Touristen?

      Was haben denn die vielen Schweizer Touriisten für Rat, die entgegen allen burmesischen Empfehlungen ins Land reisen und glauben, damit würden sie nicht zu "nützlichen Idioten" für dieses Regime? Touristenvisa werden bekanntlich noch erteilt...
    .
    • Christoph Gruber (17. Mai 2008, 12:42)

      Eingreifen in Burma?

      Dieter Portmann vermutet, in Burma sei nichts zu holen, weshalb es für die "ach so grossen Regierungsleute" nicht interessant sei. Richtig ist, dass Burma reich an Bodenschätzen ist und dass die Militärjunta daraus ihren unvorstellbaren Reichtum schöpft. Das Problem ist komplizierter: Darf man die Souveränität eines Staates verletzen, weil dessen Regierung gegenüber dem eigenen Volk die Menschenrechte krass verletzt, ohne dabei andere Staaten zu gefährden? Wer beschliesst die Souveränitätsverletzung und wer begeht sie? Und wenn China, das direkt von der burmesischen Junta profitiert, dieser zu Hilfe eilt, ist dann ein Krieg gerechtfertigt?
    • Ping An Shao (17. Mai 2008, 12:35)

      Machtdemonstration des Militärregimes

      Die Hilfe wird zurückbehalten und nur an genehme Untertanen verteilt. Dies macht die burmesische Militärdiktatur aus zwei Gründen. Zum einen demonstriert man damit der eigenen Bevölkerung eindrücklich von wem sie gutes zu erwarten hat und ruft dabei gleichzeitig in Erinnerung, dass ohne das Regime gar nichts geht. Zum anderen sackt das Regime so nebenbei all die technischen Geräte und Hilfsgüter ab, die sonst wegen dem Embargo nie ins Land kämen und schanzt sie den Eliten zu.
      Machen kann man von aussen nicht viel, es sei denn man ist bereit konsequent das Übel an der Wurzel zu packen und das Regime zu entfernen - aber wer will das schon.
    • Dieter Portmann (17. Mai 2008, 11:34)

      Ein anderer Krieg...

      Die Welt schweigt und schaut zu, wie die Burmesischen Diktatoren gegenüber dem eigenen Volk sich verhalten und dies zum eigenen Schutz. Eine „elegante“ Art sich der sozialen Probleme zu entledigen, das kostet ja nur und man kann sich damit nicht profilieren. Die Hilfsleistungen an Burma, (auch andernorts) ist nur ein Schein einer schwachen Rechtfertigung. In Burma ist ja nichts zu holen und demzufolge uninteressant für die ach so grossen Regierungsleute. Die Milliarden und die Logistik der Weltstaaten sind im Krieg ja besser investiert.
    • Jens Poulsen (17. Mai 2008, 11:27)

      Heuchlerische Hilfe

      Warum versuchen die verschiedenen ausländischen Regierungen und NGOs bloss so verzweifelt, Burma helfen zu wollen? Dieses Insistieren auf Helfen-Wollen, obwohl die Hilfe von den Machthabern nicht gewünscht wird (von den Betroffenen natürlich um so mehr) bringt doch nichts. Im Gegenteil, es ist nicht mehr als sich ein gutes Gewissen verschaffen zu wollen. Denn was der Bevölkerung in Burma wirklich helfen würde, wäre eine Änderung der Regierungsform. Doch dafür müsste man sich mit China anlegen, was (ev. ausser Australien unter der neuen Regierung) keine Regierung wagt. Wir sehen hier eine Einstellung: Lieber nur helfen, wenn etwas Schlimmes passiert als ein wirkliches Interesse am Wohlergehen der burmesischen Bevölkerung zeigen.
    .
    Um selbst einen Leser-Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich hier anmelden. Bitte beachten Sie die für Leser-Kommentare geltenden Richtlinien und Copyright-Bestimmungen.