Dienstag, 06. Januar 2009, 06:49:42 Uhr, NZZ Online
Vor 40 Jahren besetzten die sowjetischen Truppen die Tschechoslowakei
mvl. Derzeit sind die Bilder von den rollenden russischen Panzern im Kaukasus allgegenwärtig. Der russische Einmarsch in Georgien fällt in eine Zeit, in der sich die Niederschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei zum vierzigsten Mal jährt. Die zeitliche Koinzidenz ist zwar zufällig, doch ist eine Parallele bei allem Vorbehalt gegenüber historischen Vergleichen – und bei allen Unterschieden – nicht zu übersehen: Auch damals ging die russische Zentralmacht militärisch gegen einen anderen Staat vor, den er als in seiner Einflusssphäre liegend betrachtete und dessen Verhalten im unbotmässig erschien.
Im Unterschied zu Georgien lag dem Einmarsch in die Tschechoslowakei jedoch die Konstellation des Kalten Krieges zu Grunde. In Zeiten des Gegensatzes der beiden Supermächte USA und Sowjetunion machte sich ein Land, das sich ideologisch von sozialistischen Dogmen entfernen wollte, einer Art politischen Sezession schuldig und musste zurückgebunden werden – dies die Logik der sowjetischen Führungsriege.
Unter Alexander Dubcek hatte die tschechoslowakische Führung im Frühjahr 1968 mutige Reformen eingeleitet. Die Zensur wurde abgeschafft und politische Häftlinge wurden rehabilitiert. Den Bürgern stellte man in Aussicht, ins kapitalistische Ausland reisen zu dürfen. Der Staatssicherheitsdienst wurde ohne Absprache mit Moskau neu organisiert. Wirtschaftsminister Ota Sik, der später in St. Gallen lehrte, propagierte einen «dritten Weg» zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Mit diesen Massnahmen wagte sich Dubcek weit vor – zu weit, aus Sicht des Kremls, der die Folgen der tschechoslowakischen Reformen auf die übrigen Staaten des sozialistischen Lagers fürchtete.
So setzte sich in der Nacht zum 21. August 1968 eine Invasionsarmee von mehreren hunderttausend Mann in Richtung Prag in Bewegung. Bereits am Vortag hatte sie um 23 Uhr die Grenze des Landes überquert. Beteiligt waren auch Truppen aus andere Ländern des Warschauer Pakts, so aus Bulgarien, Ungarn und Polen – nicht aber aus der DDR, denn fast 30 Jahre nach der Annexion des Landes durch Hitler hütete sich Moskau davor, deutsche Truppen auf tschechoslowakischen Boden zu senden. Ungefähr 50 Soldaten der Besetzungsarmee und 100 Einwohner des Landes verloren bei der Intervention ihr Leben. Man habe auf ein «Hilfegesuch» Prager Kommunisten reagiert, lautete Breschnews Begründung für den Eingriff.
Die Invasion verunsicherte die Öffentlichkeit in den Staaten des Westens. «Gewalt, Lug und Trug», lautete die Überschrift eines Kommentars in der NZZ-Abendausgabe vom 21. August. Wer geglaubt habe, der Sowjetkommunismus habe sich verändert, sei nun eines Besseren belehrt worden. Im Kommentar wird zudem der Sorge Ausdruck gegeben, dass die USA ihre Nato-Truppen in Westeuropa «verdünnen» würden – in «diesem in Europa besonders düsteren Augenblick». Diese Sorge sollte sich jedoch als unbegründet erweisen.
Mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen war der Prager Frühling aber noch nicht zu Ende. Denn der Wille zum Widerstand war gross in der Bevölkerung. So wehrten sich die Einwohner Prags mit gewaltfreien Aktionen gegen die russischen Panzer und verdrehten beispielsweise zahlreiche Wegweiser, um den Besatzern die Orientierung zu rauben. Die Soldaten waren, wie zahlreiche Dokumente belegen, geschockt vom Selbstbehauptungswillen, der ihnen entgegenschlug. Viele Tschechoslowaken erlebten die ersten Wochen nach dem Einmarsch hingegen als eine Zeit, da die Menschen eine davor und danach nicht gekannte Solidarität gegen die Besatzer verband.
Nach und nach erlahmte jedoch der Widerstandswille. Die Führung unter Dubcek wurde zur Unterzeichnung des sogenannten Moskauer Protokolls, das die Reformen weitgehend rückgängig machte, gezwungen – mit der bemerkenswerten Ausnahme des Chefs der Nationalen Front, Frantisek Kriegel, der die Unterschrift verweigerte. Das Nachgeben ihrer Führung desillusionierte die Bürger, die im Herbst zu Hunderttausenden in den Westen flüchteten, viele von ihnen in die Schweiz. 1969 wurde Dubcek endgültig entmachtet und in die Forstverwaltung von Bratislava versetzt. Sein Nachfolger Gustav Husak liquidierte die Reformen nach und nach, inszenierte jedoch, anders als zuvor befürchtet, keine blutige Abrechung unter seinen politischen Vorgängern. Doch wurden die unbotmässigen Politiker aus der Partei entfernt, und ihre Existenz wurde nicht selten ruiniert. Über die Gesellschaft legte sich bald der Bleimantel der totalen Kontrolle und Immobilität. Dissens zu äussern, war kaum mehr möglich; Lethargie wurde zum Überlebensprinzip.
Die europäische Linke hat von Dubcek das Bild eines politischen Reformers gezeichnet, der mit seinem «dritten Weg» einen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» hatte verwirklichen wollen. Der 21. August bedeutete nach dieser Lesart die abrupte Zerstörung einer Zukunftshoffung. Ganz anders betrachtet die slowakische Schriftstellerin Irena Brežná den Prager Frühling. Für sie bestand das Wesentliche jener Monate nicht in der Hoffnung auf einen Wandel, sondern in der Demaskierung des Systems. «Der Frühling 1968 war licht, aber nicht, weil er eine lichte Zukunft entwarf, sondern, weil er die Dunkelheit als dunkel benannte», schrieb sie kürzlich in der NZZ. Diese Demaskierung hat mit Sicherheit zur Desintegration des Sowjetkommunismus beigetragen – auch wenn derartige Langzeitwirkungen naturgemäss schwierig nachzuweisen sind. 1989, nach der «samtenen Revolution», mussten die sowjetischen Truppen aus der Tschechoslowakei abziehen.
Prager Frühling I:
Trauma der Grosseltern
Prager Frühling II:
Parabel auf die Nicht-Reformierbarkeit
CSSR 1968:
Nach der Besetzung
NZZ-Archiv:
Berichterstattung am 21.08.1968
NZZ-Archiv:
Kommentar vom 21.08.1968
Prager Frühling:
Neue Einsichten
Prag 1968:
Zerstörte Hoffnungen
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