Mittwoch, 07. Januar 2009, 08:45:07 Uhr, NZZ Online
mdb. Grundsätzlich ist Skepsis angesagt, wenn ein Buch mit dem Prädikat «das Beste, das ich je zum Thema gelesen habe» von jemandem empfohlen wird. Wenn es sich aber beim Gesprächspartner um Jeffrey Goldstein handelt, Professor für Medienpsychologie an der Universität Utrecht und profunder Kenner der Theorien zu Wechselwirkungen zwischen Gewalt in den Medien und Gewalt in der Gesellschaft, so ist das Grund genug zum Aufhorchen und der Empfehlung von «Grand Theft Childhood» nachzugehen.
Mit dem Titel ihres in den USA erschienenen Buches spielen die Autoren Lawrence Kutner und Cheryl Olson auf die berühmt-berüchtigte Videospielserie «Grand Theft Auto» an, deren letzter Teil 4 mit einem Umsatz von über einer halben Milliarde Dollar allein in der ersten Verkaufswoche Mediengeschichte schrieb. Kutner ist kein Niemand im Bereich der Kinderpsychologie. Er hat bereits fünf Bücher zum Thema geschrieben, und seine Kolumnen «Child & Psychology» in der New York Times wurden preisgekrönt. Zusammen mit seiner Frau und Co-Autorin Cheryl Olson hat Kutner das Center für Mental Health and Media der Psychiatrieabteilung des Massachusetts General Hospital in Boston gegründet, das sie auch gemeinsam führen. Zusammen haben Kutner und Olson für ihr neustes Buch persönliches Neuland erkundet, denn bis anhin hatten sie keine Erfahrung im Umgang mit Videospielen, doch schnell entdeckten sie zwei Dinge: «Alle hatten eine dezidierte Meinung (dazu), und sehr wenige Leute verfügten über Daten, mit denen sie diese stützen konnten.» Eingeführt in die Thematik wurden die beiden von ihrem Sohn Michael, einem begeisterten Videogamer, und herausgefunden haben sie, dass viele der kolportierten «Fakten», wie zum Beispiel, dass zwischen steigenden Verkaufszahlen von Videospielen mit Gewaltdarstellungen und einer Zunahme von Jugendgewalt eine Verbindung besteht, schlicht falsch sind.
Die Autoren stellen der Game-Industrie keineswegs einen Persilschein aus, aber die Faktenlage ist tatsächlich mehr als dürftig und der damit von profilierungsfreudigen Politikern getriebene Schindluder eher penibel. So kommen Kutner und Olson auch zum Schluss, dass die grösste Gefahr, die von Videospielen ausgeht, die ist, dass die derzeitige Gewaltdebatte von gravierenderen Problemen wie der hohen Suizidrate Jugendlicher ablenkt, und empfehlen besorgten Eltern: «Wenden sie Ihre Aufmerksamkeit Problemen zu, die mit höherer Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass Kinder gewalttätig agieren oder ein Opfer der Gewalt von Dritten werden. Den urbanen Legenden und dem politischen Brimborium zum Trotz sind Videospiele ziemlich weit unten auf dieser Liste zu finden.» Wenig verwunderlich und weit grösser sei der Einfluss realer Vorbilder: «Gewalttätige Kinder und gebeutelte Kinder kommen in der Regel aus einem gewalttätigen und missbräuchlichen Umfeld.» Des weitern machen Kutner und Olson darauf aufmerksam, dass bei 40 Prozent der Haushalte mit Kindern, die über eine Feuerwaffe verfügen, diese nicht verschlossen aufbewahrt sei. Nun kann man mit dem Finger auf die USA zeigen, aber das wischt die Tatsache, dass mit einer Waffe schneller getötet wird, auch bei uns nicht vom Tisch.
Leser-Kommentare: 1 Beiträge