Mittwoch, 07. Januar 2009, 06:59:05 Uhr, NZZ Online
Christine Keilholz
Nach einer halben Stunde warmen Regens hat Nikos, unser kundiger Einheimischer, die passende Idee: «Wir müssen eine Jungfrau opfern, damit Zeus den Himmel strahlen lässt.» Unsere Gruppe hält Witze wie diesen für typisch griechisch und lacht euphorisch. Doch Jungfrauen sind rar, also müssen wir warten, bis der Regen sich von selbst verzieht. – Wir befinden uns in der mittelgriechischen Region Thessalien zwischen dem Berg Olympos, wo die Götter wohnen, und der Küste der Ägäis. Die Gegend ist bergig und zerklüftet, dicht bewachsen mit Kiefern und vom Menschen seit je mit Olivenbäumen bepflanzt. Hinter den Sandstränden am Ägäischen Meer erhebt sich der Berg Pilion, die Heimat der Nymphen und Musen. Die Weiten des thessalischen Hinterlandes wurden dereinst beherrscht vom Volk der Kentauren, der mythologischen Pferdemenschen. Sie sollen lüstern und wild gelebt haben, wie Nikos berichtet: «Ixion, ein thessalischer König, war betrunken und hatte Sex mit einer Wolke. Heraus kam der Bastard Kentauros, der sich wiederum mit Stuten paarte. So entstanden die Kentauren.» Hier also lebten sie, in den Weiten Thessaliens, das schon in der Antike für seine edlen Pferde berühmt war.
Wir sitzen im Garten einer Taverne im Dorf Portaria und geniessen den Blick auf Bucht und Hafen von Volos. Die weissen Häuser kontrastieren mit dem dunkelblauen Meer. Wie die Ränge eines Amphitheaters staffeln sich die Dörfer im Halbrund die Berge hinauf. Dazwischen schlängeln sich schmale Strassen, von denen die meisten erst in den letzten Jahren den Anforderungen des Tourismus angepasst wurden. Alte Siedlungen wie das romantische Makrinitsa, Zagora oder Pelio sind im ursprünglichen Stil hergerichtet worden. Höhenunterschiede zwischen den Häusern werden mit treppenartigen Wegen aus Feldsteinen überwunden. Trotz den Mythen und der Romantik war die Gegend immer arm. An den Hängen lässt sich kaum anderes anbauen als Oliven und Obst. Immer wieder brachen die Söhne Thessaliens auf, um das Glück in der Ferne zu suchen. Wie Königssohn Jason, der mit seinen Gefährten am Schwarzen Meer das Goldene Vlies suchte – oder wie die Männer, die sich als Gastarbeiter in den Fabriken Westeuropas verdingten.
Ein neuer Tag, ein neuer Mythos: Achilleus, der heldenhafte Desperado vor Troja, wurde als Sohn des Peleus und der Meernymphe Thetis in den Bergen Thessaliens geboren. Seine unsterbliche Mutter wollte ihn unverwundbar machen und tauchte ihn in den Styx, den Fluss zur Unterwelt. Verletzlich blieb die berühmte Ferse. Der Strand, an dem wir das Boot nach der Insel Skiathos besteigen, ist die Heimat der Thetis. Wir kommen mit dem Schnellboot an bei 30 Grad im Schatten, im Hafen liegen Boote. Skiathos ist seit Jahren die touristische Hochburg der Region. Die drei Nördlichen Sporadischen Inseln, Skiathos, Skopelos und Alonissos, werben mit Badeferien an mehr als 60 Stränden. Touristen erreichen die Insel per Boot oder per Direktflug.
Wer es ruhiger mag, mietet ein Auto und erkundet die Insel auf eigene Faust. Abseits der Hauptorte gibt es verschlafene Dörfer zu entdecken, zwischen Hängen voller Olivenbäume. Nikos führt uns zum Kloster Evangelistrias, dem wichtigsten religiösen Monument von Skiathos. Es geht tief hinunter in ein einsames Tal, wo die orthodoxen Mönche im späten 18. Jahrhundert eine Kirche zu Ehren der Verkündigung der Heiligen Jungfrau errichtet haben. Die Mönche hüten einen Schatz an Reliquien, Evangeliaren und wertvollen Musikinstrumenten aus aller Welt. Sie züchten Vögel und keltern Wein aus den Trauben, die im Klostergarten wachsen.
Aphrodite ist eine Dame mit Sinn für Spass. An der Küste Magnesias atmet jeder Stein ihren Geist. In grauer Vorzeit kämpfte sie mit Poseidon und warf grosse Brocken in Richtung Meer, aus denen später die Felsen wurden, die wir heute mit dem Speedboot passieren. Wir verlassen die Insel Skiathos wieder in Richtung Festland. Am Bug sitzt Nikos und schwärmt von Aphrodite: Da war ein junger Kerl, der sich Hals über Kopf in Aphrodite verliebte, obwohl sie ständig mit anderen Männern schlief. Aus Eifersucht lockte der Verschmähte sie in eine Höhle, vor der wir nun mit dem Boot halten. Diese hat zwei Ausgänge, und das ist Aphrodites Glück. So entkommt sie ihrem rasenden Lover durch die Hintertür.
Die Ortschaft Agiokampos liegt am längsten griechischen Strand, der sich 23 Kilometer lang an der thessalischen Küste ausbreitet. Im Hinterland erhebt sich der Berg Pilion, dicht bewachsen mit Kiefern und Olivenbäumen. Und weiter hinten findet sich das grösste griechische Anbaugebiet für Kirschen, die hier in jeder Süssspeise stecken. Noch ist die Region touristisch unausgebaut. Entlang des Strandes reihen sich vor allem Privathäuser. Eines der wenigen grossen Hotels ist das «Golden Beach» in Agiokampos.
Unsere letzte Reise in Thessalien führt weg von den Göttinnen und Nymphen der Küste durch die trockenen Ebenen der Präfektur Trikala. Unser Ziel sind die Felsenklöster von Meteora, bizarre geologische Formationen, die unvermittelt dem Boden entwachsen. Gegen Ende des Byzantinischen Reiches suchten Einsiedler in schwer zugänglichen Höhlen Ruhe vor der Welt. Spätere Generationen bauten auf den Felsen Klöster, die bis heute von Nonnen und Mönchen bewohnt werden. Heute sind die Bauten mit dem Auto zu erreichen, früher gelangten die Menschen nur über Seilzüge nach oben. Ein Netz von Steintreppen verbindet die einzelnen Anlagen, in denen das kultische Erbe des Byzantinischen Reiches weiterlebt. Die Klöster von Meteora sind als Naturerlebnis und Kultstätten gut besucht und berühmt. Daneben laden die Felsen den aktiven Ferienreisenden zum Klettern, Canyoning oder zum Drachenfliegen ein.
Die Bauern der Umgegend nutzten jahrhundertelang die Besonderheit der Landschaft in sehr praktischer Weise: Sie trugen im Frühling ihre Schafe hinauf auf die Felskuppen, von wo kein Weg nach unten führt. Das ersparte jegliche Aufsicht. Herden von Schafen und Ziegen sind noch heute eine gängige Erscheinung. In Thessalien ist die Landwirtschaft der grösste Wirtschaftszweig. Sie versorgt die langsam entstehenden Hotels mit originalen Produkten aus der Region. Ein griechischer Salat schmeckt nur mit griechischen Tomaten und frischem Schafskäse, mit den Kräutern vom Berg Pilion und dem Öl, das die Sonne von Skiathos verströmt. Dazu Wein und Honig aus den Klöstern von Meteora. Nikos sagt, dieses Essen habe aphrodisische Wirkung. Mag sein. Der Mann, der es uns serviert, heisst jedenfalls wie Aphrodites schöner Liebhaber: Adonis. So leben die Mythen weiter.
Anreise: Mit dem Flugzeug von Zürich nach Athen und Weiterreise mit dem Mietwagen nach Volos. Die etwa 300 Kilometer ab Athen entlang der Ägäisküste nach Norden dauern mit dem Auto rund dreieinhalb Stunden. Skiathos wird im regelmässigen Linienflugverkehr nur von der Olympic Airlines aus Athen angeflogen. Zwischen Mai und Oktober werden auch Charterflüge nach Skiathos angeboten, zum Beispiel von Edelweiss Air ab Zürich. Allgemeine Informationen: Auskünfte zum touristischen Angebot auf dem thessalischen Festland und den Sporadischen Inseln gibt es auf www.greeka.com und www.travelskiathos.com, Tipps für Ausflüge rund um die Felsklöster von Meteora auf www.meteora-greece.com, zu Aktivferien, Trekkingtouren und Sport auf www.trekking.gr.
Unterkunft: Das Portaria Hotel & Spa bei Volos kann unter www.portariahotel.gr gebucht werden, das Hotel Golden Beach in Agiokampos unter www.gbh.gr.
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