Dienstag, 06. Januar 2009, 21:52:57 Uhr, NZZ Online
Barbara Hofmann
Zorro scharrt mit den Hufen und schnaubt ungeduldig. Der Fuchswallach ist kaum zu halten, bis die Reisegruppe am Bahnhof Andermatt endlich eingestiegen ist. Unsere Mitreisenden stammen aus Luzern und starten eine Überraschungsfahrt Richtung Tessin. Bis vor wenigen Minuten wussten sie noch gar nicht, dass sie den Pass im Fünfspänner überqueren würden, und sind nun aufgekratzt und neugierig.
«Mir ist's unter allen Gegenden die liebste und interessanteste», schrieb Goethe, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts dreimal durchs Urserental zog. Das Tal zählt zu den imposantesten Hochtälern der Schweiz. Andermatt als grösstes der dortigen Dörfer liegt an der Kreuzung der drei Passrouten, die nach Norden und Süden, Osten und Westen führen. Luis, unser Postillon, trägt ebenso wie Hanni, die als Kondukteurin die Reise begleitet, Originalmontur, wie sie 1850, in der Blütezeit der Gotthardpost, den Postpferde-Haltern vorgeschrieben wurde: Dazu gehörten für den Kondukteur ein Uniformrock mit Postschild und Mütze und für den Postillon «ein runder schwarzer lakirter Filzhut, mit silbernem Bande, ein rotheingefasster Postillionsrock von grauem Tuch mit rothem Kragen und weissen Postknöpfen . . .» So lautet Artikel 44 der damaligen «Instruktion für Postpferde-Halter».
Wir rollen langsam durch Andermatt. Damit wir nicht gänzlich ins 19. Jahrhundert abtauchen, erklärt Rolf Albertin, heute Geschäftsführer der Gotthardpost, früher in leitender Position bei der Swissair, wie sich das Bergdorf durch die enorme Tourismusanlage des Investors Samih Sawiris verändern wird. Dann, im Zentrum von Andermatt beim Hotel «Drei Könige und Post» – dort, wo seinerzeit alle Postwagen auf der Reise in den Süden eine Rast einlegten –, machen auch wir halt zu einem Begrüssungstrunk. Die Pause dient eigentlich eher Postillon Luis und Stallmeister Adam dazu, nochmals das Geschirr der Pferde zu überprüfen. Sitzen alle Riemen und Schnallen? Hat sich auch nichts gelöst? Das Geschirr und das Gebiss dürfen das Pferd nirgendwo drücken oder gar behindern. Und dann noch eine zentrale Frage: Ist der Wagen wirklich funktionstüchtig?
Stimmt auch nur ein Detail nicht, wird dies zu einer potenziellen Gefahr für das Fuhrwerk. Präzision ist auch oberstes Gebot bei der Ausbildung der Pferde. Sie stammen aus der Fuhrhalterei von Daniel Würgler, der selber als Weltcup-Fahrer und Ausbilder ein erfahrener Trainer ist.
Vorbei an Hospental geht es in Serpentinen bergan Richtung Gotthard. Die alte Strasse zwischen den Kantonen Uri und Tessin wurde erst zwischen 1820 und 1830 gebaut. Zuvor hatten die Urner und die Tessiner auf die herkömmliche Art des Saumverkehrs über den Gotthardpass gesetzt. Doch dann trieben vor allem die Tessiner das neue Strassenprojekt voran, und 1831 fuhr der erste Wagen über die neue Strasse, die heutige Tremola mit ihren engen Serpentinen.
Die Pferde arbeiten sich an der Steigung hoch zum Pass ab, Zorro schwitzt und sprüht Schaumflocken, während Formosa ihre vier Kollegen auf geheimnisvolle Art zu leiten scheint, den Takt gleichmässig angibt, meist mit kräftigem Schritt, mitunter aber auch im Trab, dahinzieht und die Pferdegruppe zusammenhält. Das Zusammenstellen und Leiten eines Fünfspänners erfordert viel Erfahrung. Luis, unser Postillon, ist stellvertretender Chef des Fahrbetriebs der Gotthardpost und lenkt mit grossem Einfühlvermögen die geballte Pferdepower unterhalb des Kutschbocks. Kondukteurin Hanni, selbst schon erfahren als Kutscherin, steht ihm zur Seite. Wenn immer möglich verlassen wir die neue Passstrasse und folgen der alten Gotthardroute. So auch beim Brüggloch, wo wir die Grenze zum Kanton Tessin im Trab überqueren.
Postillon Luis bläst ab und zu in sein Posthorn. Was jetzt fast wie Kitsch wirkt, war früher ein wichtiges Signal, etwa unserem heutigen Mobiltelefon vergleichbar. Es kündigte der jeweiligen nächsten Poststation das Kommen der Kutsche an, so dass die Pferde schneller gewechselt werden konnten und Zeit gespart wurde. War der Postillon guter Laune, so blies er durchaus auch einfache Lieder zur Unterhaltung der Fahrgäste.
Doch nicht immer fielen die Postillione durch gutes Benehmen auf. Oft waren es raue Charaktere, die ihre harte Arbeit mittels Alkohol zu kompensieren suchten. Der Kondukteur musste deshalb in der Lage sein, die Zügel jederzeit selbst zu übernehmen.
Die langsame Reisegeschwindigkeit und die offene Kutsche erlauben uns, die Schönheit des Gotthardgebiets intensiv wahrzunehmen. Wir halten das Gesicht in die Sonne und schnuppern die duftende Bergluft, lauschen den Pferdehufen und sind immer wieder erfreut über die spontanen Reaktionen der überraschten übrigen Verkehrsteilnehmer, wenn diese unsere Kutsche wahrnehmen. Die meisten winken und lachen unserem historischen Gefährt fröhlich zu. Auf dem Hospiz erwartet uns in der alten Sust im Restaurant «Scuderia» ein Viergangmenu. Auch unsere Pferde werden verköstigt. Diese Tiere vermögen sich im Stehen zu entspannen, das kommt ihnen bei dieser Arbeit zugute. So beginnen wir mit dem Abwärtsweg auf den Serpentinen der steilen, holprigen Tremola. Was Rudolf Koller auf seinem Bild der Gotthardpost festgehalten hat, erleben wir nun aus erster Hand. Mit einem Fünfspänner um diese engen Kurven zu kommen, ist hohe Fuhrmannskunst. Vorbei an Motto Bartola führt uns die Kutsche talwärts. Die Pferde werden immer schneller, sie haben Stalldrang, an der Kutsche beginnen die Bremsen zu rauchen. Wir erreichen Airolo rechtzeitig vor einem hereinbrechenden Gewitter.
Reise mit der Gotthardpost: Von Mitte Juni bis Mitte September. Kosten: 650 Franken, Enthalten sind ein Begrüssungstrunk, ein Apéro, ein Viergangmenu auf dem Gotthardpass, der Eintritt ins Gotthard-Museum und eine «Merenda» in Airolo. Route: Andermatt–Hospental–Mätteli–Brüggloch–Hospiz–Tremola–Motto Bartola–Airolo. Buchungen: www.gotthardpost.ch oder Telefon 041 888 00 05.
Anreise: Mit den SBB nach Göschenen. Von dort mit der Matterhorn-Gotthard-Bahn nach Andermatt.
Literatur: Andres Furger: Der Gotthard-Postwagen. Schweizerisches Landesmuseum.
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