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  • 21. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Südfranzösisches Savoir-vivre

    Südfranzösisches Savoir-vivre

    Hoteliers, Winzer, Olivenölproduzenten – bei Schweizer Gastgebern in den Alpilles

    Morgennebel in den Alpilles Morgennebel in den Alpilles. (Bild: Rapho)
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    Die Provence ist seit Jahrzehnten ein beliebtes Refugium für Schweizer mit eigenen oder angemieteten Liegenschaften. Dass umtriebige Eidgenossen in Südfrankreich auch als erfolgreiche Hoteliers, Winzer oder Kulturförderer auftreten, ist dagegen weniger bekannt.

    Christian Dettwiler

    Über Jahre reiste er nach Südfrankreich. Zur Erholung, zum Genuss und wegen der lieblichen Atmosphäre rund um Les Baux, Arles und St-Rémy-de-Provence: Ernest Schneider, Besitzer der Uhrenmanufaktur Breitling in Grenchen. Während dieser Aufenthalte freundete er sich mit der Familie Lombrage an, in deren Besitz sich das Château d'Estoublon in Fontvielle befand, ein kleines Schloss aus dem 18. Jahrhundert, gelegen zwischen Arles und Les Baux am Fuss der französischen Alpilles. Dieses «monument historique» galt als Perle der Alpilles. Aufgrund von Familienstreitigkeiten gelangte es gegen Ende des letzten Jahrhunderts zum Verkauf. Und Ernest Schneider griff zu. Später übergab er das reichlich verkommene Château seiner Tochter Valérie und dem Schwiegersohn Rémy Reboul.

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    Die beiden suchten nach Möglichkeiten, das Haus mit über 200 Hektaren Umschwung neuen Funktionen zuzuführen. Reboul – ausgebildeter Hotelier und Liebhaber von Wein mit dem Traum von der eigenen Produktion – stürzte sich mit seiner Frau ins Abenteuer: Zunächst wurde das gesamte Areal mit Gärten, Park und Ökonomiegebäuden renoviert, ein Empfangsgebäude mit Shop und Restaurant eingerichtet und schliesslich auch mit der Vermarktung der eigenen Produkte begonnen: Wein und Olivenöl. Nach der Melioration der Weinberge und einer Vergrösserung auf knapp 20 Hektaren werden nun ein Weiss- und zwei Rotweine angeboten, deren Qualität ordentlich ist. Herausragend ist indes das Olivenöl, das sowohl als Assemblage der vier typischen Olivensorten Südfrankreichs wie auch als sortenreines Öl zu kaufen ist.

    Pièce de Résistance

    Als nächste und wahre Herausforderung kam die Renovation des Schlosses auf das Paar zu, und hier standen einige Hindernisse im Weg. Als Monument historique geschützt, lässt sich der Bau nur sehr beschränkt verändern. Zudem ist das Haus zu klein für ein florierendes Hotel. Zurzeit arbeitet Reboul deshalb daran, das Schloss in ein Restaurant gastronomique mit angegliederten Gästezimmern zu verwandeln – bis dahin wird es aber noch eine Weile dauern.

    Bereits erfolgreicher Hotelier ist dagegen der Nachbar der Schneiders. Man ist sogar versucht zu glauben, was da als «Hameau des Baux» mitten in der unberührten Natur der französischen Alpilles steht, sei ein historisch gewachsener bäuerlicher Weiler. Doch noch vor fünf Jahren war das Terrain blosses Brachland. Die gesamten Bauten, angefangen vom Mas über den Swimmingpool bis zu den locker verstreuten Gästehäusern, sind das Werk der Genfer Familie Milani. Madame Milani ist für die Dekoration der Zimmer verantwortlich, ihr Gatte Jean Claude, der ehemalige Torhüter der Schweizer Fussballnationalmannschaft, für die Bauten und den Betrieb. Der frühere Fussballprofi hat sich nach seiner aktiven Laufbahn mit einem Reinigungsinstitut für industrielle Betriebe in Genf ein kleines Vermögen erwirtschaftet und diese Firma im Jahr 2000 gewinnbringend verkauft.

    Eigentlich wollten sich die Milanis nach Südfrankreich in den Frühruhestand zurückziehen, um sich ihrer grossen Leidenschaft, dem Reiten, zu widmen. Sie suchten Bauland und wurden in Le Paradou fündig, gelegen am ersten Hügelkamm vom Meer her gesehen, eben den kleinen französischen Alpen. Das Klima ist da angenehmer als in der Ebene der Camargue, weht doch stets ein erfrischender Wind, und trotzdem ist die Sonne Südfrankreichs präsent. Das Terrain war den Milanis mit drei Hektaren zu gross, eine Teilung kam indes nicht in Frage. So war es letztlich der Makler, der die Idee eines kleinen Gästehauses hatte – ein Vorschlag, den die Milanis begeistert aufgriffen. Nun galt es zuverlässige Partner für das Vorhaben zu finden; der erste Verbündete war der bekannte Wirt in der Ortschaft, Jean Louis Pons, der zweite war der Bürgermeister, der sich über die Initiative freute. Und so entstand ein Netzwerk von Bauherrn, Baumeistern und Handwerkern, die – Milani war vorgewarnt – mit fixen Aufträgen verpflichtet wurden. Auf diese Art hatten die Milanis bis anhin keine Sorgen mit unerledigten oder mangelhaft ausgeführten Arbeiten.

    Mühle, Stall und Taubenschlag

    Das Resultat in Le Paradou kann sich sehen lassen: Man ist versucht zu glauben, der Ortsname sei eine provenzalische Ableitung des Wortes Paradies. Doch weit gefehlt: Paradou bedeutet ganz profan: die Wäscherei. Ähnlich bodenständig sind die Namen der 15 Zimmer, die das «Hameau des Baux» anbietet: Man wohnt im Moulin (Mühle), in der Bergerie (Stall) oder im Pigeonier (Taubenschlag). Ein Hameau ist in der Provence traditionell ein landwirtschaftlicher Weiler mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden sowie einer Kapelle, in der wöchentlich der Priester predigte. In der Hotelversion gibt es selbstverständlich auch «La Chapelle» – es soll das bevorzugte Zimmer des französischen Staatspräsidenten Sarkozy sein.

    Dass der Hausherr ein Liebhaber guter Küche ist, zeigt nicht nur das zum Hotel gehörende Restaurant, sondern beweisen auch die Empfehlungen, die er jeweils bereit hat; ein Anruf genügt, um einen guten Platz zu erhalten. Zunächst das Bistro de Paradou mit seinem einfachen provenzalischen Interieur und seiner hervorragenden Cuisine du terroir: Bei Jean Louis Pons – Milanis Freund der ersten Stunde – gibt es täglich nur ein Menu mit zwei Vorspeise-Varianten, einem Hauptgang und drei bis vier Desserts zur Auswahl, alles mit frischesten und feinsten Zutaten, doch ohne angestrengt ambitiös zu wirken. Auch beim Wein ist der Besitzer strikte: Es gibt einen guten Côte du Rhone von Laurent Tardieu, wer etwas anderes wünscht, muss die Flasche selber mitbringen.

    Ähnlich geht es im Nachbardorf Maussane im «Ou Ravi Provençau» zu und her. Auch hier wird eine marktfrische regionale Küche gepflegt, die durch geschmackvoll abgestimmte Kombinationen besticht. Wer es etwas gehobener und raffinierter – aber auch teurer – mag, ist «Chez Bru» in Eygalières gut aufgehoben: Dort wird eine modern interpretierte provenzalische Küche gepflegt, die nicht nur ausgezeichnet mundet, sondern auch äusserst kreativ angerichtet ist. Einen Nachteil hat dieses Lokal allerdings: An- und Rückreise sind ein kleines Abenteuer, denn die Ortschaft liegt mitten in den Alpilles, deren Strassen eng und häufig vernachlässigt sind.

    Erhoffter «Bilbao-Effekt»

    Ein weiteres Schweizer Projekt am Rande der Camargue ist eben erst in Angriff genommen worden. Die seit Jahren in der Provence wohnhafte Maja Hoffmann aus der für ihr Mäzenatentum bekannten Basler Chemie-Familie und ihre Luma-Stiftung unterstützen seit mehreren Jahren die Internationalen Fototage von Arles. Nun soll ein eigentliches Fotozentrum auf dem Gelände der ehemaligen SNCF-Reparaturwerke gebaut werden. Die Gestaltung des Zentrums liegt in den Händen von Stararchitekt Frank O. Gehry. Allenthalben wird in Arles deshalb bereits von einem zu erwartenden «Bilbao-Effekt» gesprochen.

     

    www.hameaudesbaux.com, www.estoublon.com; «Le Bistro du Paradou», Le Paradou, Telefon 0033 4 90 54 32 70; «Ou Ravi Provençau», Maussane, Telefon 0033 4 90 54 41 03; «Chez Bru», Eygalières, www.chezbru.com.
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