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  • 4. September 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Sich auf dem Wasser treiben lassen

    Sich auf dem Wasser treiben lassen

    Eine Kreuzfahrt auf dem Luganersee ist ein durchaus unterhaltsames Unterfangen

    Angeschmiegt an das steile Ufer des Luganersees: das Dorf Gandria Angeschmiegt an das steile Ufer des Luganersees: das Dorf Gandria. (Bild: Swiss-Image)
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    Eine Dampfertour auf dem Luganersee ist eine Kreuzfahrt im wahrsten Sine des Wortes. Denn es geht meist von einer Seeseite zur andern, vom Schweizer Dorf zum italienischen «Paesino».

    Esther Kunz

    Kristallklar ist die Luft nach den heftigen Regenfällen der vergangenen Tage. Rein gewaschen und in sattem Grün erstrahlt die Natur im Luganer Seebecken – ein eher ungewohnter Anblick im Sommermonat Juli. Wir entscheiden uns, das erste ankommende Schiff zu besteigen, ohne lange vorher die Karte zu studieren. Für den heutigen Tag soll – wie bei jeder Kreuzfahrt – der Weg unser Ziel sein. Nach Möglichkeit Schiff wechseln und nur an Land gehen, wenn es uns beliebt, einen ganzen Tag ohne festes Programm den See geniessen, das ist unser Motto. Eine Tageskarte ermöglicht dieses Sich-auf-dem-Wasser-treiben-Lassen.

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    Es ist kein Raddampfer der Belle Epoque, der um 9 Uhr 25 am Imbarcadero Centrale von Lugano festmacht, sondern das sympathische, 30 Jahre alte MS «Morcote». «Die Charakteristika des Luganersees lassen Schiffe wie auf dem Vierwaldstätter- oder auf dem Zürichsee nicht zu. Wir brauchen wendige Schiffe, die eine gewisse Breite und Höhe nicht überschreiten», erklärt mir später Schiffsführer Lacic.

    Schweizer Zuckerhut

    Elf Erwachsene und zwei Kinder sowie das Fernsehteam von Tele Ticino sind beim Ablegen an Bord. Es filmt das Kommen und Gehen auf dieser morgendlichen «Crociera» bei Hochwasser und interviewt Passagiere. Mein Platz ist wie üblich auf dem Vorderdeck vor der Schiffsglocke. Hier ist ungestörtes Geniessen und Träumen möglich. Über Lugano Paradiso erhebt sich der Monte San Salvatore, der aus dieser Perspektive dem Zuckerhut von Rio gleicht. Mit dem Unterschied, dass der Schweizer Zuckerhut bis zum Gipfel mit einem Pelz dichten Laubwaldes überzogen ist und keine gigantische Christusstatue ihn schmückt. Ihm gegenüber sein Zwillingsberg, der Monte Brè, dazwischen eingebettet die mondäne Tessiner Bankenmetropole.

    Langsam bleibt Lugano im Heckwasser zurück, wo nach meinem Gusto schon zu viele moderne Häuserblöcke das Stadtbild prägen. Eine romantische Uferpromenade mit mediterranem Flair und ohne vorbeibrausenden Autoverkehr sucht man vergeblich! Faszinierend, vielfältig und abwechslungsreich ist hingegen die Landschaft: Seearme und Berge scheinen sich zu umarmen, um sich dann gleich wieder in die Quere zu kommen. Mal wird das Ufer von bewaldeten Hügelzügen, mal von steil aufsteigenden Felswänden flankiert. Mal führt nur eine Strasse dem Wasser entlang, dann wieder ziehen sich Ferienhäuser in grosser Zahl weit den Hang hoch.

    Die Kreuzfahrt beginnt. Und das im wahren Sinne des Wortes. Es geht von einer Seeseite zur andern, vom Schweizer Dorf zum italienischen Paesino. Die Distanzen sind kurz, an den Anlegern geht es beinahe familiär zu. Die Schifffahrtsgesellschaft Navigazione del Lago di Lugano (SNL) ist in Schweizer Besitz. Aus diesem Grunde ist am Bug ein italienischer Wimpel befestigt, am Heck hingegen die grosse Schweizer Flagge.

    Vorbei am unästhetischen Casino Municipale von Campione d'Italia, haben wir Bug voraus den Damm von Melide, über den ohne Unterbruch Last- und Personenwagen in Richtung Italien rollen. Swiss Miniatur ist das Ziel der neu eingestiegenen Passagiere, darunter eine Gruppe Japaner. Prickelnd ist die Brückendurchfahrt. Die Passagiere halten vor Spannung den Atem an, da der «pilota» – so wird der Kapitän hier genannt – die Fahrgeschwindigkeit nicht reduziert. Er steuert seine sechs Meter breite «Morcote» sicher und ruhig. Zu beiden Seiten des Schiffes bleibt eine Handbreit Freiraum bis zu den Brückenpfeilern.

    Perle des Luganersees

    Der See gabelt sich. Ein neuer Arm öffnet sich, dann noch einer. Immer neue betörende Ausblicke. Zu unserer Rechten unverkennbar Morcote mit seinen berühmten Wahrzeichen, der Kirche und der Festung. Hier nicht auszusteigen, um unter den Laubengängen zu flanieren und danach auf einer der Seeterrassen einen Tessiner Merlot zu trinken, das kommt einer Selbstkasteiung gleich. Doch heute bleibt es beim optischen Genuss dieser Perle des Luganersees. Das Schiff zieht vorbei an Villen und Schlösschen, umgeben von prachtvollen Gärten mit Pinien und Zypressen. Das ist Tessiner Ambiente, hier lässt sich gut leben. Die Kehrseite der Medaille: Die meisten Ufer sind stark besiedelt. Von Figino auf der Rückseite des San Salvatore queren wir den See und erreichen den Seearm von Caslano, wo die Flugzeuge ab Agno starten. Hier öffnet sich hin und wieder der Blick nach Norden auf schneebedeckte Bergspitzen. Ja, den Luganersee zu befahren, ist ein abwechslungsreiches Vergnügen. Um 11 Uhr 40 sind wir wieder zurück in Lugano, richtig in der Zeit für einen kleinen Lunch.

    Unser Nachmittagsausflug nach Porlezza führt in ein Seebecken, das zwischen steilen Hängen tief eingeschnitten ist. Eine andere Landschaft mit unterschiedlichen Uferformationen erwartet uns. In Cantine di Gandria am Südufer taucht die bewaldete Hügelkette direkt in den See ein. Ein Grotto reiht sich ans andere. Wo einst der Wein gelagert wurde, findet man sich heute zum Essen und Wandern. Hier stört kein Autoverkehr. Vis-à-vis auf der Sonnenseite thront das am steilen Berghang klebende Kleinod Gandria, ebenso bekannt und reizvoll wie Morcote. Nur steht hier die vorderste Häuserzeile wie in Venedig auf Pfählen im Wasser, darunter geschützte Bootsplätze. Charakteristisch die ausladenden Terrassen der Privathäuser, welche zu Restaurants umfunktioniert worden sind. Nach der Grenze glaubt man in die Bergwelt einzufahren und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hoch oben unter den Felsen erkennen wir ein Schmugglerdörfchen und romanische Kirchtürme in alten Dorfkernen. Dazu vernehmen wir etwas Unglaubliches: ein munteres Zikadenkonzert, geradeso wie in der Toskana oder Südfrankreich.

    Allmählich beginnt die Sonne sich zu senken. Volle acht Stunden sind wir schliesslich auf den 35 Kilometern des Lago di Lugano herumgeschippert und haben uns nicht eine einzige Minute gelangweilt!

     

    Weitere Informationen unter www.lakelugano.ch oder Telefon 091 971 52 23.
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