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  • 28. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Sehenswerte Bauzeugen im Westen Rumäniens

    Sehenswerte Bauzeugen im Westen Rumäniens

    Ein Augenschein im Gebiet des Thermalkurorts Herkules-Bad

    Der «Tisch des Schweigens», Teil eines Skulpturen-Ensembles des Bildhauers Constantin Brancusi Der «Tisch des Schweigens», Teil eines Skulpturen-Ensembles des Bildhauers Constantin Brancusi. (Bild: Jean-Michel Coureau / Hoa-Qui)
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    Bauliche Zeugen der rumänischen Geschichte sind zahlreich. Trotzdem macht die Bausubstanz des Thermalkurortes Herkules-Bad diesen zu einem der spektakulärsten Badeorte Südosteuropas.

    Martin Woker

    Die bauliche Hinterlassenschaft von Ceausescus Regime ist ein oft beschriebenes und vielfotografiertes Unding. Während der an Hässlichkeit schwer zu überbietende monumentale «Palast des Volks» in Bukarest einen unaufhaltsamen Aufstieg zum Touristen-Magnet erlebt, harren andere bemerkenswerte architektonische Zeugen rumänischer Grossmannssucht ihrer Entdeckung. Ein solches Denkmal steht in Baile Herculane, wie der rumänische Name des Thermalkurorts Herkules-Bad lautet, des wohl spektakulärsten Badeorts Südosteuropas – hinter dem hors catégorie klassierten Thermalsee von Heviz in Ungarn.

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    Einstiges Römerbad

    Das Denkmal ist bewohnbar, heisst Hotel Roman und eignet sich speziell für Gäste, die bei Nadelfilz nicht gleich an Fusspilz denken. Die über zwei Sterne und 181 Zimmer verfügende Herberge besticht durch Lage und Architektur. Von Ignoranten wird sie als pompöser Betonklotz bezeichnet, aber es handelt sich um einen Bau, der Zeichen setzt. Das in der Tat sehr schwere, zehngeschossige Betongebäude aus den 1970er Jahren ruht auf massiven Stelzen, und dies mit gutem Grund. Errichtet ist es über der Stelle, wo bereits die Römer das hier sprudelnde Thermalwasser gefasst haben. Unversehrt geblieben ist eine an graue Vorzeiten gemahnende kleine Badehalle. Sie erfüllt ihre Funktion als baulicher Nukleus des darüber errichteten Hotels. Hier besteht Kontinuität von römischer Zeit bis zur Epoche des Conducators, wie sich der ehemalige Schusterlehrling Ceausescu zu nennen pflegte.

    Leider aber, und diesen Umstand haben die Erbauer des Hotels übersehen, reicht der Glanz des grandiosen Bauwerks nicht weit. Das Gebäude steht ausgerechnet dort, wo die Schlucht des Cerna-Flusses am engsten ist. Felswände ragen auf allen Seiten in die Höhe, für Besucher mit Platzangst kein gastlicher Ort. Umso mehr aber werden jene Gäste entschädigt, die sich ins Zentrum des Kurorts begeben. Hier werden sie einer andern Hinterlassenschaft des damaligen Regimes gewahr: der Vernachlässigung. In den über hundert Jahren seit seiner Blüte im Fin de Siècle hat der Ort einen unaufhaltsamen Niedergang erfahren. Noch lässt sich zwar promenieren in Kurpark und Wandelhalle. In den Hotels aber logieren die Fledermäuse, und es erforderte sehr viel Geld, diese Ruinen neu zu beleben.

    Immerhin haben ein paar wenige Investoren das Wagnis riskiert. Im frisch renovierten Hotel Ferdinand lässt sich wieder so logieren wie zu jenen Zeiten, da «die beliebte und umstrittene Sisi, Autorin eines intimen Journals in dem Herkules-Bad, eine distinkte und harmonische Präsenz» war. Solcherart ist eine offizielle Beschreibung des famosen Orts, dessen Klima, wie es da heisst, vom «Depressionstypus» sei, was aber den Kaiser Franz Josef nicht daran hinderte, die Station sogar fünfmal in Begleitung seiner Gattin zu besuchen. So wie sich damals das kaiserliche Paar ob der Wirkung des stark schwefelhaltigen Thermalwassers erfreute, lässt sich auch heute im hoteleigenen Badehaus des «Ferdinand» kuren. Und das in bester Tradition und Umgebung, die in nichts, aber auch gar nichts an Wellness erinnert. Selbst die Bahnstation von Baile Herculane ist ein gut erhaltenes Juwel aus jener Zeit, da Bahnhöfe und Postgebäude den Status von Gesamtkunstwerken hatten.

    Gesamtkunstwerke

    Wem es ob so viel präsenter Vergangenheit etwas zu viel wird, kann in die umliegende Naturlandschaft ausschweifen, die zu den schönsten des Balkans gehört. Die umliegenden Höhen der Westkarpaten stehen unter Schutz und bieten spektakuläre Wanderrouten jeglichen Anspruchs. Flussabwärts wiederum gelangt man zu dem legendären Eisernen Tor, wo das einst wilde Wasser der Donau seit 1972 gestaut wird und eine Strassenbrücke in den abgeschiedenen äussersten Osten Serbiens führt. In der Tradition des Gesamtkunstwerkes findet sich in knapp drei Fahrstunden Entfernung von Herkules-Bad eine weitere spektakuläre Sehenswürdigkeit, die Calea Eroilor («Strasse der Helden»). Schöpfer des Kunstwerks ist einer von Rumäniens bedeutendsten Söhnen: Constantin Brancusi. Der 1876 im Karpaten-Ort Hobita geborene Bauernsohn wanderte nach einer Ausbildung als Kunsttischler in Bukarest im Alter von 28 Jahren nach Paris, wo er sich als Begründer der zeitgenössischen Bildhauerei höchstes Ansehen sicherte. Er starb 1957 in seiner Wahlheimat und liegt auf dem Père-Lachaise-Friedhof begraben.

    Dem Auftrag einer Frauenliga aus seiner Heimatregion Folge leistend, schuf Brancusi im Jahre 1938 in der Industriestadt Tirgu Jiu ein Skulpturen-Ensemble zu Ehren der Opfer des Ersten Weltkriegs. Diese etwas über zwei Kilometer lange «Strasse der Helden» führt vom Stadtpark am Fluss Jiu quer durch ein Wohnquartier über eine Eisenbahnlinie hinweg zu einer sanften Erhebung, wo die «unendliche Säule» hoch in den Himmel ragt. Die Skulptur besteht aus 16 aufeinandergestellten, metallenen Rhomben. Umgeben ist sie von einer weiten Rasenfläche. In der Nacht wird die Säule angestrahlt, tagsüber scheint sie ihre Textur verändertem Licht anzupassen, mit verblüffender Wirkung.

    Von derselben Modernität, doch in steinerner Form, zeugt der das andere Ende der Calea Eroilor markierende «Tisch des Schweigens», umgegeben von zwölf Sitzen. Von da führt der Weg zu einem aus porösem Stein gebauten Triumphbogen, dem «Tor des Kusses». Das Skulpturen-Ensemble und seine unmittelbare Umgebung wurden inzwischen gekonnt instand gestellt. Ein Gang auf der «Strasse der Helden» wird für den Besucher zur unerwarteten Begegnung mit der Moderne in rumänischer Kleinstadt-Ambiance. Während die tristen Wohngebäude bereits von ferner Vergangenheit zeugen, hat Brancusis Formensprache von ihrer Frische nichts verloren.

     

    Gut zu wissen

    Gut zu wissen

    Anreise: Baile Herculane verfügt über keinen eigenen Flughafen. Am schnellsten ist das Thermalbad erreichbar per Flug via Timisoara. Die für einen Besuch ohnehin sehr zu empfehlende Metropole des Banats wird von diversen Gesellschaften angeflogen; das günstigste Angebot offeriert Malev. Als alternative Destinationen stehen Cluj (Klausenburg) oder Sibiu (Hermannstadt) zur Wahl. Die beste Offerte nach Sibiu bietet Austrian (via Wien), und nach Cluj fliegt Malev am günstigsten. An allen drei Orten stehen für die Anreise nach Baile Herculane Mietwagen zur Verfügung. Für eine stilvolle Anreise ist aber unbedingt die Bahn zu empfehlen. Ab Zürich dauert die Reise 23 Stunden; zwischen München und Budapest erfolgt die Fahrt im Schlaf- oder Liegewagen. Baile Herculane ist natürlich auch mit dem eigenen Wagen erreichbar. Die lange Reise angenehm verkürzen lässt sich mit dem Autoverlad (Tag oder Nacht) quer durch Österreich von Feldkirch nach Graz (oder Wien).

    Unterkunft: In Baile Herculane empfehlen wir das Hotel Ferdinand (www.hotel-ferdinand.ro). Weitere Angebote finden sich auf der offiziellen Website: www.baile-herculane.ro. Diese ist auch in ein etwas eigenwilliges Deutsch übersetzt («Das Klima ist von Depressionstypus . . .»), was nicht abschrecken sollte. Die Fahrt nach Targu Jiu erfolgt am einfachsten per Auto. Es verkehren dahin aber auch öffentliche Busse, oder es lassen sich Taxis oder Autos mit Fahrer mieten. Als Unterkunft in Targu Jiu zu empfehlen ist das Europa-Hotel im Zentrum des Ortes.


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