Mittwoch, 07. Januar 2009, 00:09:24 Uhr, NZZ Online
Michael von Ledebur
Jetzt bloss nicht lange zaudern. «Positiv springen!», hat mir Canyoning-Guide Dominik Fischer eingeschärft, zielgerichtet, weil nichts gefährlicher sei als Unsicherheit. Den linken Fuss nach vorn, den Blick hinunter ins grüne Felsbecken, acht, neun Meter sind es schon bis dahin. Aus dem Stand abstossen – und schreien. Denn die Angst muss raus.
Eben noch sind wir durch das malerische Dörfchen Corippo im Verzascatal spaziert, mit seinem markanten Kirchturm und den an der steilen Hügelkuppe wie angeklebt wirkenden Steinhäusern. Am Ortsende windet sich der Weg hinab in den Einschnitt, den der Corippo-Bach in den Berg gefressen hat. Auf der anderen Seite führt der Weg wieder hinauf – aber nicht für uns. Hier ist nämlich die Stelle, wo wir eine eigentümliche Ausrüstung anziehen: Neoprenanzug, Schwimmweste, Klettergurt, Helm und weiche Schuhe mit starkem Profil. Die Fortbewegung im Wasser ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Langsam, aber unaufhaltsam dringt das kühle Nass durch das Neopren. Und es ist nicht ganz einfach, die Balance zu halten, weil die Schwimmweste ungewohnten Auftrieb verleiht.
Dominik Fischer vom Outdoor-Spezialisten «Indepth» gibt uns eine kurze Instruktion. Sein wichtigster Ratschlag lautet, einen Schritt nach dem andern zu tun. Denn gefährlich an seinem Sport seien nicht die Sprünge in die engen Felsbecken und sei auch nicht das Abseilen entlang glitschiger Wasserfälle, sondern der Gang über Stock und Stein. Schnell ist ein Fuss verstaucht oder eine Zehe gebrochen.
Fischers Wort im Ohr, folgen wir dem Lauf des Corippo-Bachs – stets bestrebt, Schritt zu halten mit unserem Guide, der sich, die Erfahrung von über 2500 Touren in den Beinen, federleicht im steinigen Terrain bewegt. Über uns verengt sich das Tal, lediglich ein schmaler Streifen blauer Himmel bleibt übrig. Wir haben den ersten Sprung hinter uns und eine zehn Meter hohe Abseilwand absolviert, als uns Fischer zu einer Stelle führt, wo das Wasser eine natürliche Rutschbahn geschaffen hat. Hinsetzen, Hände nach oben, die Knie angewinkelt, schon geht es los. Wir sehen nicht, wohin die Reise geht – abwärts, so viel steht fest –; ein Zurück gibt es ohnehin nicht mehr, denn das Tempo ist rasant. Die Rutschpartie endet im freien Fall und im kühlen Wasser eines natürlichen Beckens.
«Die Pools», erzählt Dominik Fischer, «sind das Besondere am Tessin.» Aufgrund der steilen Topografie und der geologischen Eigenschaften des Gesteins gebe es weltweit kaum ein Gebiet, das sich besser fürs Canyoning eigne. Weitere Hotspots dieser Szene seien Interlaken, die Pyrenäen, wo der Sport vor gut dreissig Jahren erfunden wurde, Korsika sowie Neuseeland und Madagaskar. Es befinden sich jedoch nur wenige Schweizer unter Fischers Kunden. Der Grund dafür hat einen Namen: Interlaken. Seit dem Unfall im Saxetbach, bei dem vor neun Jahren 21 Touristen den Tod fanden, haftet dem Canyoning das Stigma des Lebensgefährlichen an. Zu Unrecht, betont Fischer: Damals habe eine einzelne Firma grobfahrlässig gehandelt und sei trotz starkem Regen in eine Schlucht gestiegen.
Wenn der Nervenkitzel im Neoprenanzug seriös betrieben werde, seien derartige Vorfälle ausgeschlossen, sagt der 36-jährige gelernte Elektromonteur, zumal im Tessin fast ausschliesslich Bäche begangen würden, deren Einzugsgebiet leicht zu überblicken sei. Es sei schade, dass viele den Sport hierzulande noch immer scheuten, eigne er sich doch für jeden, der einigermassen gut zu Fuss sei. Fischers ältester Klient war 75 Jahre alt; Kinder sind ab 5 bis 7 Jahren zugelassen. Der Schwierigkeitsgrad lasse sich den Bedürfnissen anpassen, doch der Spass stehe im Vordergrund. Fischer bietet seine Touren jeweils von April bis Oktober an.
Mittlerweile schauen wir auf den letzten noch vor uns liegenden Wasserfall hinab. Nochmals heisst es springen, abseilen, rutschen, bis die Tour mit einem letzten Sprung ins dunkle, warme Wasser des Verzasca-Stausees endet. Auf dem Rücken im Wasser schwebend, blicken wir in den weiten Himmel und auf die umliegenden Gipfel. Hoch oben ragt der Kirchturm von Corippo aus dem Wald. Er hat uns wieder ausgespien, der grüne Schlund.
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